Das große Geschäft in Deutschland mit Wein aus Südafrika

Billigen Wein getankt

Weintrauben und Wein aus Südafrika sind trotz langer Transportwege in Deutschland sehr billig. Das liegt unter anderem am Preisdruck, den deutsche Abnehmer auf die Löhne in Südafrika ausüben.

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Der Gang durch die Supermärkte in Hamburg ist für Deneco Dube und Mercia Andrews alles andere als erbaulich. Sowohl in der Obst- als auch ­weiter hinten in der Weinabteilung eines Supermarkts im Stadtteil Altona müssen die beiden schwer schlucken. Sie hätten nicht gedacht, dass Weintrauben und Wein aus Südafrika hier so billig angeboten würden, sagen die beiden Arbeitsrechtler aus Südafrika, die auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung nach Deutschland gekommen sind. Dube arbeitet für die Commercial Stevedoring Agricultural and Allied Workers Union (CSAAWU), die Gewerkschaft der landwirtschaftlichen Arbeiter im Western Cape, einer der wichtigen Anbauregionen von Weintrauben in Südafrika; Andrews für den Trust for Community Outreach and Education (TCOE). Die Bildungsorganisa­tion engagiert sich für landlose Arbeiterinnen und Arbeiter und tritt in der Öffentlichkeit für deren Rechte und gegen Dumpinglöhne auf den Plantagen ein. Niedrige Löhne sind in Südafrika weit verbreitet, denn einen offiziellen Mindestlohn gibt es nicht. »Der soll erst kommen. Wir rechnen damit im Mai 2018«, sagt Dube – mit einem Seufzer, denn auch die Höhe des Mindestlohns ist noch unklar.

 

Gewerkschaftsrechte: in Südafrika keine Prorität

Studien empfehlen einen Mindestlohn von mindestens 8 500 Rand im Monat, etwa 540 Euro. »Das ist zwar die untere Marge, aber es wäre ein großer Fortschritt«, so Dube, denn derzeit würden Landarbeiter in Südafrika oft schlechter bezahlt. »Viele verdienen weniger als 600 Rand pro Woche. Als Gewerkschaft werben wir dafür, sich zu organisieren, um mehr Druck auf die Anbauer und die Regierung auszuüben.« 4 000 Mitglieder habe die CSAAWU derzeit; Dube und seinen Mitstreitern falle es schwer, Arbeiter für die Gewerkschaft zu gewinnen. »Arbeiter, die sich uns anschließen, haben mit Nachteilen zu rechnen: Sie dürfen dann oft den Transport zur Arbeit oder den für die Kinder zur Schule nicht nutzen, nicht im Hofladen auf Kredit einkaufen oder erhalten keine Prämien – das ist hart«, sagt der Gewerkschafter.

Nach einem 14wöchigen Streik im November 2016, wurden sowohl auf Weinplantagen als auch in einer Weinabfüllanlage Verbesserungen der Arbeitsbedingungen erreicht: Vereinbart wurden eine signifikante Lohnerhöhung, eine Prämie und ein Abkommen, das rassistische Praktiken wie die Bevorzugung weißer Arbeiter in der Abfüllanlage beenden soll.

Gewerkschaftsrechte genössen in Südafrika nicht gerade Priorität, ergänzt Andrews. »Das Arbeitsministerium ist nicht nur chronisch unterbesetzt, die Mitarbeiter verfügen oft auch über gute Kontakte zu den großen Plantagen. Da gibt es Interessengegensätze«, so die Direktorin des TCOE. Daher werde auch nur sehr zögerlich über den Mindestlohn diskutiert; obendrein gebe es ein Lohngefälle zwischen den Städten und den ländlichen Regionen. Deshalb sei es so wichtig, die Arbeiter zu orga­nisieren, sagt der ehemalige Landarbeiter Dube.

Darin hatten er und die CSAAWU in den vergangenen Jahren einige Erfolge vorzuweisen. So erreichten sie durch ­einen 14wöchigen Streik, der im November 2016 endete, sowohl auf Weinplantagen als auch in einer Weinabfüllanlage Verbesserungen der Arbeitsbedingungen: Vereinbart wurden eine signifikante Lohnerhöhung, eine Prämie und ein Abkommen, das rassistische Praktiken wie die Bevorzugung weißer Arbeiter in der Abfüllanlage beenden soll. Ohne den starken Zusammenhalt der Arbeiterinnen und Arbeiter und den Rückhalt in der lokalen Bevölkerung wäre das kaum möglich gewesen. Erfolge wie diese sind aber nur schwer zu ­erreichen, denn im internationalen Traubenanbau und auf dem Weinmarkt herrscht ein harter Konkurrenzkampf.

 

»Billig verkauft – teuer bezahlt: Ausbeutung im südafrikanischen Weinanbau«

Das bestätigt die Studie »Billig verkauft – teuer bezahlt: Ausbeutung im südafrikanischen Weinanbau«, die ­gerade von Oxfam veröffentlicht wurde und die deutschen Importeure für die Zustände auf den Plantagen mitverantwortlich macht. Deutsche Supermärkte sorgten für einen immensen Preisdruck, der an das schwächste Glied in der Kette, die Arbeiterinnen und Arbeiter, weitergegeben werde, kritisieren die Autorinnen Franziska Humbert und Lia Polotzek. Demnach lag der Ausfuhrpreis pro Kilo Weintrauben nach Deutschland 2015 bei 0,77 Eurocent – deutlich unter dem Durchschnittspreis auf dem Weltmarkt. Beim Wein sieht es nicht anders aus. Auch da ist Deutschland ein wichtiger Abnehmer, nach Großbritannien der zweitwichtigste Markt. Seit 2000 ist der durchschnittliche Exportpreis für südafrikanischen Wein bei der Ausfuhr nach Deutschland um ungefähr 80 Prozent gefallen.

Immer mehr Wein wird von Südafrika nach Deutschland in Edelstahltanks und nicht abgefüllt in Flaschen transportiert. So übernehmen Importeure, darunter Discounter und andere Supermärkte, noch größere Teile der Wertschöpfungskette.

Ein wichtiger Grund dafür ist, dass immer mehr Wein von Südafrika nach Deutschland in Edelstahltanks und nicht abgefüllt in Flaschen transportiert wird. Deutschland ist seit 2007 der größte Importeur von Tankwein aus Südafrika: 2016 wurden 59 911 000 ­Liter in Tanks importiert, aber nur 18 389 000 Liter in Flaschen, wie die Südafrikanische Weinindustrie (Sawis) auf ihrer Homepage berichtet.

So übernehmen Importeure, darunter Discounter und andere Supermärkte, noch größere Teile der Wertschöpfungskette. »Die Abfüllung, die Etikettierung und Vermarktung werden komplett nach Deutschland verlagert, wodurch Arbeitsplätze in Südafrika wegfallen«, kritisiert Andrews. Die Autorinnen der Oxfam-Studie bemängeln dies ebenfalls. Mit gemeinsamen Veranstaltungen versuchen Oxfam, die Rosa-Luxemburg-Stiftung und ihre südafrikanischen Gäste auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen.

 

Die Discounter geben den Ton an

Aldi, Lidl, Penny und Netto-Markendiscount verkaufen nach Berechnungen des Deutschen Weininstituts 40 Prozent des in Deutschland konsumierten Weins und haben folglich eine ­enorme Verhandlungsmacht gegenüber den Produzenten.

Der Preisdruck werde schlicht weitergegeben, schreibt Humbert, und dabei gäben die Discounter immer mehr den Ton an. So verkaufen Aldi, Lidl, der zur Rewe-Gruppe gehörende Discounter Penny und der zu Edeka gehörende Netto-Markendiscount nach Berechnungen des Deutschen Weininstituts 40 Prozent des in Deutschland konsumierten Weins, während Supermärkte wie Edeka und Rewe auf 21 Prozent Marktanteil kommen. Nicht viel anders sieht es beim Obst aus: Dort halten die Edeka-Gruppe, die Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland), die Aldi-Gruppe sowie die Rewe-Gruppe einen Anteil von etwa 67 Prozent des Gesamtumsatzes. Folglich haben die deutsche Discounter und Supermärkte eine ­enorme Verhandlungsmacht gegenüber den Produzenten.

Dies nutzen sie auch, wie das Beispiel des Tankweins und des rückläufigen Preises für frische Weintrauben aus Südafrika zeigt. Für die Arbeiterinnen und Arbeiter hat das schlimme Folgen. Sie seien Pestiziden ausgesetzt, würden schlecht bezahlt und seien kaum gewerkschaftlich organisiert, kritisiert die Oxfam-Studie. Das bestätigt auch Dube, der keinen Hehl daraus macht, dass in einigen Anbauregionen seine Gewerkschaft schlicht nicht präsent ist. Von dort importieren deutsche Unternehmen sowohl Trauben als auch Wein. Für Dube ist das kein Zufall. »Es ist ihre Strategie. Wir müssen unsere Präsenz weiter ausbauen, aber auch unsere Kontakte und Kooperationen in Deutschland erweitern«, umreißt er die Herausforderungen für die Zukunft.

Ein Problem dabei sei, dass Gewerkschaften nicht immer als Partner gesehen würden – selbst auf zertifizierten Fair-Trade-Plantagen. Davon gebe es im Western Cape 56 und dort sollte es ­üblich sein, mit den Gewerkschaften zu kooperieren, wünscht sich Dube. »Wenn es um die Arbeitsrechte und deren Durchsetzung geht, müssen wir doch der erste Ansprechpartner sein«, sagt er. Er sei froh über die Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung nach Deutschland. Es sei wichtig, neue Kontakte zu knüpfen und sich gemeinsam mit deutschen Organisationen und Gewerkschaften für grundlegende Ver­änderungen in Südafrikas Plantagenwirtschaft einzusetzen.

Wichtig wäre neben dem Mindestlohn, der die Existenz der Beschäftigten und ihrer Familien sichert, auch die Lockerung des Preisdrucks durch Discounter und Supermärkte. Da steht man allerdings noch am Anfang, Gespräche mit den großen Vier des deutschen Einzelhandels gab es noch nicht.