Linke sollten ihre Vorbehalte gegen das Wrestling aufgeben

»Genieße die Show, du Mistkerl«

Dürfen Linke Wrestling-Fans sein? Ja, findet unser Autor.

Von Jan Stich
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Wenn Wrestler kämpfen, polieren sie sich so lange die Fresse, bis einer so fertig ist, dass der Ringrichter ihn auszählen kann – Mackergehabe par excellence. Wenn Linke kämpfen, dann schreiben sie schwer lesbare Texte, halten stundenlang Plenum und spalten sich. Das ist zwar nicht so effektiv, fühlt sich aber progressiv an.
Das Wrestling-Business dagegen gilt als reaktionär: Donald Trump ist Mitglied der Hall of Fame des weltgrößten Wrestling-Verbands WWE; mancher Fox-News-Experte begann seine Karriere im Ring und zumindest in den Achtzigern waren die Bösen beim Wrestling in der Regel die Ausländer.

 

David Starr: »The Bernie Sanders of Professional Wrestling«

Dürfen Linke Wrestler sein? Zumindest David Starr hat diese Frage für sich mit einem klaren Ja beantwortet. Der US-amerikanische Indie-Wrestler tourt zurzeit mit der WXW durch Deutschland. WXW steht für »Westside Xtreme Wrestling«. Das Unternehmen aus Essen gilt als einer der professionellsten Wrestling-Veranstalter Europas und Starr ist eines der Aushängeschilder der aktuellen Tour. Wenn er den Ring betritt, wird er mit ganzen 13 Beinamen angekündigt. Neben »The Jewish Cannon« und »Your Favorite Wrestler’s Favorite Wrestler« lässt er sich auch als »The Bernie Sanders of Professional Wrestling« ansagen.

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Gegen Nazis und den Ku-Klux-Klan: David Starr

Bild:
WXW

In der Vergangenheit wurde Starr mit einem Tacker attackiert, bekam Barbecue-Spieße in den Kopf gerammt und wurde von seinen Gegnern durch Betonblöcke geschleudert – sein Kopf scheint dabei keinen allzu großen Schaden genommen zu haben.

Ob auf Twitter oder im Ring: »Ich sage klar, was ich für richtig und falsch halte. Für mich geht es da nicht um Politik, sondern um Moral.« Trotzdem klingt das ziemlich politisch. Er klagt darüber, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer würden, kritisiert Rassismus und Polizeigewalt. Barack Obamas Gesundheitsreform war für ihn und viele seiner Kollegen die erste Gelegenheit, eine Krankenversicherung zu bekommen – während Trump versucht, diese Reform rückgängig zu machen, geht sie Starr nicht weit genug. Er wünscht sich eine allgemeine Krankenversicherung für alle US-Amerikaner. Wie Bernie Sanders, der David Starr der Politik.

 

Mit dem Davidstern im Ring

Aus der Szene seien die Reaktionen auf solche Statements überwiegend positiv, berichtet er. »Es sollte doch eigentlich keine kontroverse Meinung sein, dass man gegen Nazis und den Ku Klux Klan ist.« Starr ist Jude. im Ring trägt er den Davidstern als Zeichen seiner Herkunft. Dafür bewarfen ihn einige Zuschauer in der Vergangenheit mit Kleingeld. »Viele Menschen glauben, Antisemitismus sei nur ein Problem der Vergangenheit«, kritisiert Starr.

In Deutschland werde er eigentlich nicht häufiger angefeindet als in anderen Ländern, sagt Starr. »Nur in Ostdeutschland bekomme ich manchmal schräge Blicke zugeworfen – im Ring und außerhalb.« Bei seinem ersten Gastspiel hierzulande bat er darum, ein Konzentrationslager besuchen zu können. »Die WXW hatte sich damals wirklich große Mühe gegeben, um mir das zu ermöglichen.« Der Besuch habe ihn darin bestärkt, »Antisemitismus nicht länger zuzulassen«. Als ihm das nächste Mal Geld zugeworfen wurde, griff er zum Mikrophon. »Mir egal, ob es Juden, Schwarze oder Schwule sind. Ich will nicht, dass du anderen Menschen so etwas antust. Also halt die Fresse und genieße die Show, du Mistkerl«, brüllte er den Fan vor laufender Kamera an.

Pessimisten finden in den vergangenen 30 Jahren Wrestling-Geschichte unzählige Beispiele von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und sonstigem menschenverachtenden Verhalten. Optimisten hingegen finden im Wrestling das Fortschrittsbild des deutschen Idealismus als Meta-Storyline umgesetzt. In teils schmerzhaften Folgen von These (Der Russe ist der Böse), Antithese (Das Publikum liebt den Russen, er darf sich zum Guten wandeln) und Synthese (Herkunft bestimmt nicht mehr automatisch die moralische Verortung) scheint alles irgendwie besser zu werden. Das ist ein erfreulicher Unterschied zum Mixed-Martial-Arts-Bereich, um den sich in Deutschland eine große rechtsextreme Szene gebildet hat, wie das Bündnis »Runter von der Matte – Kein Handshake mit Nazis« in seiner aufwändigen Online-Dokumentation aufzeigt.

 

Auch beim Thema Sexismus tut sich etwas

Rassistische Figuren im Ring sind mittlerweile nur noch selten zu sehen. Auch beim Thema Sexismus tut sich etwas. Das letzte »Bra and Panties Match« der WWE ist zehn Jahre her. Bei dieser Match-Variante kämpften zwei Frauen darum, wer die andere zum Gejohle der Fans bis auf die Unterwäsche auszieht. Dass es dazu nie ein männliches Äquivalent gab, dürfte nicht primär daran liegen, dass viele männliche Wrestler im Ring von vornherein nicht viel mehr als eine Unterhose tragen. »Als wir bei der WXW mit dem Frauen­wrestling angefangen haben, gab es schon viele dumme Sprüche«, berichtet Melanie Gray. Die Coburgerin ist einer der ganz wenigen weiblichen Stars der deutschen Szene. »Ausziehen« und »Küsst euch« habe das Publikum den Kämpferinnen anfangs zugerufen. »Das war aber schnell vorbei.«

Wie für die meisten Kollegen in Deutschland ist Wrestling für sie ein forderndes Hobby, aber kein Beruf. Ursprünglich hat sie auf Lehramt studiert. Nach kurzer Zeit im Beruf merkte sie, dass diese Tätigkeit nichts für sie war. Heute arbeitet sie in einem Fitness-Studio, da ist der Alltag schon etwas näher dran am Wrestling-Traum.

Der allgemeine Fortschritt im deutschen Wrestling hat wohl auch mit der Person Christian Michael Jakobi zu tun. Der Geschäftsführer von WXW hat sein Unternehmen nicht nur so weit aufgebaut, dass mittlerweile einige Menschen in Deutschland vom Wrestling leben können. Er hat auch einen neuen Stil etabliert. Als 2014 der von ihm gemanagte Karsten Beck in Marburg von Zuschauern als schwul beschimpft wurde, griff er zum Mikrophon. »Ich wäre froh, wenn dieser Mann schwul wäre«, sagte Jakobi den verdutzten Zuschauern. Im Anschluss entstand online eine große Debatte, in der tatsächlich homosexuelle Wrestling-Fans erstmals ihr Unbehagen an solchen Rufen bekunden konnten.

Was Wrestling von anderen Sportarten unterscheidet, ist der explizite Unterhaltungsanspruch. »Die Herausforderung besteht nicht darin, den Gegner im Wettbewerb zu schlagen, sondern dem Publikum den Wettbewerb als Theater zu bieten«, sagt Starr.

 

Es weiß ja auch jeder, dass der Hamlet auf der Theaterbühne nicht wirklich Prinz von Dänemark ist

Damit ist das Wrestling fast näher am Tanz als am Kampfsport. Wie die Hebefigur beim Ballett sieht auch der Überkopfwurf Suplex am besten aus, wenn der Gehobene mithilft. Das sollte aber lange Zeit niemand wissen. In den Achtzigern galt die Kayfabe als heilig. Kayfabe heißt die Regel, nach der Wrestler auch außerhalb des Rings immer behaupten mussten, ihre Kämpfe und Rivalitäten seien echt. Als 1987 die beiden Wrestler Jim Duggan und Iron Sheik von der Polizei mit Drogen im Auto festgenommen wurden, war das ein großer Skandal – weniger wegen der Drogen als weil die beiden im Ring stets die Rivalen spielten. Wie konnten sie da gemeinsam in einem Auto sitzen? Beide wurden prompt entlassen.

Das ist heutzutage anders. »Der Matchausgang steht fest und man bespricht in der Regel auch einige Moves und eventuell den Finisher, aber der Ablauf im Ring ist improvisiert«, sagt Melanie Gray offen im Interview. Dem Unterhaltungswert tut das keinen Abbruch. Es weiß ja auch jeder, dass der Hamlet auf der Theaterbühne nicht wirklich Prinz von Dänemark ist. Wenn 100 Kilogramm schwere Muskelberge live im Ring aufeinanderknallen, steigt der Adrenalinpegel schnell. Irgendein Steinzeitinstinkt im Hinterkopf erkennt die Situation als gefährlich und pumpt den Körper zur Flucht auf. Wer trotzdem sitzen bleibt und sich der Wucht des Spektakels aussetzt, ist schnell von jenem Rausch gepackt, der in Fernsehübertragungen so befremdlich wirkt.

Wrestling lebt von emotionalisierten Zuschauern, die um die Helden bangen und die Gegner ausbuhen. Dieses Theater ist sicher keine »Schaubühne als eine moralische Anstalt« nach Schillerschem Ideal, aber die kathartische Wirkung der Gewalt ist auch nicht zu unterschätzen – dagegen ist Hardcore-Punk Sesamstraße.


Dürfen Linke Wrestling-Fans sein? Sie sollten auf jeden Fall Fans von David Starr und Melanie Gray sein.