Die Pride-Parade in Taipeh war ­äußerst gut besucht, aber auch umstritten

Regenbogen über Taiwan

In Taipeh nahmen mehr als 100 000 Menschen an der Pride-Parade teil. Doch die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe kommt nur schleppend voran.

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Rekordverdächtige 123 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren es nach Schätzungen der Ausrichtenden. Fest steht, es war eine der größten Pride-Veranstaltungen Asiens. Zum 15. Mal fand sie Ende Oktober in Taipeh statt. Der thematische Schwerpunkt lag diesmal auf Bildungsarbeit. Vor allem Schülerinnen und Schüler sollen künftig an verschiedene Entwürfe von Sexualität und Familie herangeführt werden, so die Forderung. Im regionalen Vergleich ist in Taiwan der organisierte Widerstand gegen eine gesellschaftliche Gleichstellung zwar relativ klein. Religiöse Vorbehalte spielen in der Debatte eine weniger bedeutende Rolle als beispielsweise schwammige Argumente mit Bezug auf die chinesische Tradition der Ahnenverehrung oder die Rolle der Familie. Insbesondere Jugendliche finden jedoch in den traditionellen Strukturen und Institutionen wenig Unterstützung.

Im Mai schlug Taiwan als erstes ostasiatisches Land mit einer historischen Entscheidung den Weg zur Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe ein. Das Verfassungsgericht urteilte am 24. Mai, dass das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe verfassungswidrig sei. Allerdings steht die legislative Umsetzung dieses Urteils noch aus. Im kommenden Jahr könnten, so eine Teilnehmerin des Pride-Marsches, konkrete Probleme bei der Ausgestaltung im Fokus stehen. Doch bereits diesmal war Unzufriedenheit über den schleppenden Prozess zu spüren. Der seit September amtierende Ministerpräsident William Lai beschwichtigte per Facebook, wünschte der Veranstaltung viel Erfolg und bekannte sich zu der Absicht der Regierung, in naher Zukunft einen verbindlichen gesetzlichen Rahmen zu schaffen.

Aus der eigenen Szene gab es auch Kritik an der Veranstaltung. Die Dominanz gestählter und gepflegter Männerkörper, die Kommerzialisierung sowie angebliches »Pinkwashing« und »Homonationalismus« wurden problematisiert. Diese beiden Kampfbegriffe wurden in den vergangenen Jahren vor allem gegen Israel in Anschlag gebracht. Doch auch in Taiwan werden sie rezipiert.
Insbesondere die Debatte über den Begriff des »Homonationalismus«, der eine Verknüpfung von progressiven mit nationalistischen Positionen beschreibt, unterliegt in Taiwan einer besonderen Dynamik. Denn der Kampf gegen Konventionen verbindet sich meist mit dem sogenannten Grünen Lager, dem neben Ministerpräsident Lai auch die seit 2016 regierende Staatspräsidentin Tsai Ing-wen und ihre Demokratische Fortschrittspartei angehören. Forderungen nach gesellschaftlichem Fortschritt gehen in Taiwan oft mit dem Wunsch nach einer stärkeren Unabhängigkeit von der Volksrepublik China einher. Homophobe Ressentiments und Nationalismus gehen dort wiederum oft Hand in Hand. Die Volksrepublik betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz, und das komplizierte Verhältnis zum mächtigen Nachbarn ist das entscheidende Moment in der taiwanischen Politik.

Die diesjährige Pride-Veranstaltung lässt sich so auch als kulturdiplomatischer Hebel der taiwanischen Souveränisten betrachten. Seit Jahren ziehen Eventtouristen aus aller Welt nach Taipeh, um ihre Unterstützung zu zeigen oder einfach Teil des Spektakels zu sein. Zwölf der 160 teilnehmenden Gruppen kamen aus Japan und Südkorea und auch das American Institute, de facto die diplomatische Vertretung der USA in Taiwan, beteiligte sich. Veranstaltungen wie die »Taipeh Pride« eignen sich folglich dazu, Taiwan als eine neue Marke zu etablieren. Der »nationalchinesische« und antikommunistische Gegenentwurf, den Taiwan im Kalten Krieg darstellte, soll mitsamt dem Erbe der autoritären Herrschaft überwunden werden. Diese beiden Kämpfe werden als miteinander verschränkt wahrgenommen.
Taiwans Regierung scheint diese Bemühungen und diese Stimmung zwar zu begrüßen, von einem chauvinistischen »Homonationalismus« ist sie aber weit entfernt. Vielmehr könnte der Widerstand gegen eine chinesische Bevormundung in Taiwan langfristig auch die Situation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Queers und Intersexuellen in der Volksrepublik China verbessern.