Rechtsextreme und Mafia verfügen im italienischen Ostia offenbar über gute Verbindungen

Loyalität in Einkaufstüten

Im italienischen Ostia verfügen Mafia und Rechtsextreme offenbar über gute Verbindungen untereinander. Bei den Kommunalwahlen hatten rechte bis neofaschistische Parteien in der ersten Runde enormen Erfolg.

Anzeige

Das Ergebnis hat niemanden überrascht. Zu ausführlich haben in den vergangenen Jahren Kriminalromane und Kinofilme das Szenario vorweggenommen. Sogar die Meinungsforscher hatten den Ausgang richtig vorher­gesehen. Bei den Kommunalwahlen in der zu Rom gehörenden Küstenstadt Ostia Anfang November erhielten der rechtspopulistische Movimento 5 Stelle (M5S) und ein von der postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia angeführtes Bündnis rechter Parteien jeweils ungefähr 30 Prozent, die neofaschistische Bewegung Casa Pound zehn Prozent der Stimmen.

Trotz des erwartbaren Ergebnisses war die mediale Aufregung groß. Alle Fernsehanstalten richteten ihre Aufmerksamkeit auf die soziale Misere und die Verflechtung krimineller und neofaschistischer Machenschaften in dem Küstenstreifen, der als 10. Bezirk der Stadtverwaltung von Rom untersteht. Daniele Piervincenzi, ein Reporter des zweiten öffentlichen Fernsehens Rai Due, suchte Roberto Spada, den jüngeren Bruder des lokalen Clanbosses, auf, um ihn über seine Ver­bindung zum Spitzenkandidaten der Neofaschisten, Luca Marsella, zu be­fragen. Der bullige Mafiasprössling zeigte sich zunächst konziliant, versetzte dem Reporter dann aber plötzlich vor laufender Kamera einen Kopfstoß, mit dem er diesem das Nasenbein brach, und prügelte den Journalisten schließlich mit einem Schlagstock in die Flucht. Zwei Tage nach seiner Verhaftung behauptete Spada, er sei provoziert worden. Doch die Antworten auf die Fragen des Fernsehreporters sind hinlänglich bekannt. Spadas politische Sympathie für die Casa Pound ist durch die gemeinsame Organisation von Stadtteilfesten bezeugt und seine Freundschaft mit Marsella machte er durch die Veröffentlichung von Fotos in den sozialen Netzwerken selbst publik. Spadas Angriff ähnelt den nach ­faschistischem Vorbild ausgeführten »Strafaktionen«, mit denen die Anhängerschaft der Casa Pound politische Gegner, vor allem aber Flüchtlinge und Migranten verfolgt. Zum Wahlkampfspot avancierte ein Handyvideo, das zeigt, wie ein Trupp der Casa Pound fliegende Händler an den Vorstadtstränden schikaniert.

Für die Ermittlungsrichter war Spadas Aggression eine typische mafiöse Machtdemonstration. Mit Einschüchterungen, Erpressungen und gewalttätigen Angriffen hat sich der Clan seinen Anteil am Drogenhandel und an der Prostitution erkämpft und die Kontrolle über die Konzessionen für die Strandbäder und die Zuteilung der Sozialwohnungen entlang der Küste ge­sichert. Obwohl im Juli der Boss und mehrere Mitglieder des Spada-Clans wegen des strafmaßverschärfenden Tatbestands der mafiösen Vereinigung zu langen Haftstrafen verurteilt wurden, scheint die Macht der Spadas in Ostia ungebrochen.

Vor dem ersten Wahlgang verteilte die Casa Pound gefüllte Einkaufstüten. Diese Geste erinnert an die traditionelle Strategie der Mafia, sich durch soziale Zuwendungen kurzfristig Wählerstimmen und langfristig den Konsens und die Verschwiegenheit der Bevölkerung zu sichern. Solange die Clans das Leben in der Stadt bestimmen, ist es dann auch egal, wer die Stimmen der Casa Pound im zweiten Wahlgang bekommt. Sowohl das postfaschistische Bündnis als auch der M5S belassen es bei der Beteuerung, dass sie die Stimmen des Clans nicht wollen, eine offensive Anti-Mafia-Politik stellen beide nicht in Aussicht. ­

Zugleich bedienen beide Konkurrenten Ressentiments und rassistische Überzeugungen der Rechtsextremen. In früheren Wahlkampagnen lud der Parteigründer Beppe Grillo die Kameraden der Casa Pound offen in den M5S ein. Im Frühjahr vorigen Jahres sicherte die absolute Stimmenmehrheit in Ostia der Kandidatin des M5S, Vir­ginia Raggi die Wahl zur Oberbürgermeisterin Roms. Der Aufruf der radi­kalen Linken, im Namen des Antifaschismus bei den anstehenden Stichwahlen den M5S zu wählen, ist deshalb mehr als fragwürdig. Er offenbart einmal mehr die Schwäche einer poli­tischen Kraft, die im ersten Wahlgang den ehemaligen Pater Franco De Donno unterstützte, der zwar gegen das kriminelle Racket predigt und Rassismus verurteilt, dessen Vorstellungen von ­einem »neuen Ostia« aber eher auf Barmherzigkeit gründen denn auf Emanzipation.