Heiner Grunert, Historiker, über die Rolle von Religion in Bosnien-Herzegowina

»Ein wichtiges Ziel für islamistische Rekrutierer«

Ein Gespräch über das lange Zusammenleben von Christen, Muslimen und Juden, die Rolle von Religion beim Bosnienkrieg und die Bedeutung des Islam im heutigen Bosnien-Herzegowina
Interview Von
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Sarajevo wird häufig als das Jerusalem Europas bezeichnet. Die drei großen monotheistischen Religionen sind dort zu finden. Wie kam es dazu?
Die religiöse Vielfalt Bosniens geht letztlich auf seine Grenzlage seit der Spätantike zurück. Nach der Teilung des Römischen Reichs im Jahr 395 gehörte die Region politisch wie religiös mal mehr zu Rom, dann wieder eher zu Konstantinopel. Auch als Teil des Osmanischen Reiches seit dem 15. Jahrhundert war Bosnien stets Grenzland zwischen Orient und Okzident. Die Osmanen bewegten hier mehr Christen zur Konversion zum Islam als andernorts auf dem Balkan. Parallel dazu wirkte die osmanische Religionspolitik, die Christen und Juden zwar nicht als gleichwertig mit Muslimen behandelte, aber doch dauerhaft tolerierte. Sephardische Juden kamen nach der Vertreibung aus Spanien ab Mitte des 16. Jahrhunderts nach Bosnien. So entstand ab dem 16. Jahrhundert ein eng verwobenes und langes Zusammenleben von Christen, Muslimen und Juden, das bis heute anhält. Eine historisch so lang andauernde und große religiöse Vielfalt findet man sonst kaum in Europa. So stehen in Sarajevo Synagogen, Moscheen und verschiedene Kirchen seit bald 500 Jahren nur wenige hundert Meter voneinander entfernt.

 

Von 1992 bis 1995 gab es dann den Bosnienkrieg – je nach Lesart als Bürger- oder Religionskrieg bezeichnet. Welche Rolle spielten die Religionen im Krieg?
Religion war nicht die Ursache und nicht die Hauptmotivation der postjugoslawischen Kriege der neunziger Jahre, sondern territoriale Machtpolitik. Dennoch befeuerte religiöse Rhetorik, insbesondere von Seiten religiösen Personals, die Konflikte erheblich. Man kann allen Religionsgemeinschaften den Vorwurf machen, zu wenig gegen die Gewalt gegen Andersgläubige getan und zu selten gegen religiös begründeten Hass in den eigenen Reihen das Wort erhoben zu haben. Dieser Verantwortung sollten sich alle Glaubensrichtungen in Bosnien stellen. Während des Kriegs spielte Religion jedoch sowohl für die Täter als auch für die Opfer von Gewalt eine wichtige erklärende, legitimierende und mobilisierende Rolle. Dass Menschen aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit Opfer kriegerischer und sexueller Gewalt, von Vertreibung und Vernichtung wurden, hatte zur Folge, dass sie selbst den Krieg auch religiös deuteten.

 

»Dass Menschen aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit Opfer kriegerischer und sexueller Gewalt, von Vertreibung und Vernichtung wurden, hatte zur Folge, dass sie selbst den Krieg religiös deuteten.«

 

Welche Rolle spielte der Krieg konkret für die Muslime als größte Opfergruppe?
Obwohl Muslime vor Kriegsbeginn weniger als die Hälfte der Bevölkerung ausmachten, waren rund zwei Drittel der etwa 100 000 Kriegstoten in Bosnien-Herzegowina Muslime. Unter den zivilen Opfern des Krieges waren es sogar vier Fünftel. Diese Opferrolle stärkte das Gefühl der Zugehörigkeit zur islamischen Glaubensgemeinschaft, auch wenn viele Muslime kaum mit dem organisierten Islam in Berührung kommen und selten in die Moschee gehen.

 

Der jüngsten Volkszählung zufolge gibt es eine hauchdünne Mehrheit von Muslimen in Bosnien. Es könnte damit das erste mehrheitlich muslimische Land in der EU werden. Der bosnische Islam und die Bosniaken werden häufig als »moderat« bezeichnet. Gibt es so etwas wie einen bosnischen oder europäischen Islam?
Spricht man mit Muslimen in Bosnien, hört man beide Aussagen: Manche meinen, es gebe nur einen Islam und damit auch keinen arabischen, europäischen oder asiatischen Islam. Andere meinen, dass es in Bosnien eben eine spezifisch bosnische oder europäische Art gebe, den Islam zu praktizieren. Gläubige Muslime in Bosnien-Herzegowina sind Sunniten und folgen traditionell der als vergleichsweise moderat geltenden hanafitischen Rechtsschule. Als europäisch unter den Ansichten bosnischer Muslime würde ich vor allem das Bekenntnis zum säkularen Staat, zur Trennung von Politik und Religion zählen. Dass viele Muslime in Bosnien selbstverständlich Alkohol trinken und von der Gleichheit sowohl der Geschlechter als auch unterschiedlicher Religionen überzeugt sind, würde ich dagegen zu europäischen Entwicklungen zählen, weniger zu einer europäischen Art, den Islam zu praktizieren.