Sandro Mezzadra, Politologe, im Gespräch über die Liebe der Linken für alte Begriffe und die Notwendigkeit einer neuen Klassenpolitik

»Ein neuer Internationalismus ist die Aufgabe«

In ihrem Buch »Jenseits von Interesse und Identität. Klasse, Links­populismus und das Erbe von 1968« (Hamburg 2017) gehen Sandro Mezzadra und Mario Neumann der Frage nach, welche Rolle Begriffe wie Klasse, Identität und Volk in gegenwärtigen linken Debatten spielen. Darüber und über die Bedeutung einer zeitgemäßen Klassenpolitik hat Sandro Mezzadra mit der »Jungle World« gesprochen.
Interview Von

In Ihrem Buch kritisieren Sie unter anderem den »nostalgischen Reflex, der die Geschichte linker Politiken als Zerfallsprozess der Arbeitereinheitsfront beschreibt«. Sind Klasse, soziale Frage und Ausbeutung heute keine linken Begriffe mehr?
Viel wichtiger, als solche Labels zu vergeben, wäre es, die Transformationen der Subjekte zu reflektieren, die hinter den von Ihnen genannte Kategorien stehen. Ich finde es sehr beschränkt, die soziale Frage heute nur als ökonomische Frage von Einkommensunterschieden und wachsender Armut zu behandeln. Ähnlich verhält es sich mit der in linken Diskursen und Theorien weit verbreiteten Gleichsetzung von Klassenbewusstsein mit materiellen Interessen.

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Die soziale Frage ist in den vergangenen Jahren in Europa in neuen Formen aufgetaucht, etwa durch die Finanzkrise und deren soziale und politische Folgen, später durch die Migration. Warum ist es der Linken nicht gelungen, sich als eine europäische Kraft zu artikulieren? Versuche gab es ja immerhin – die ­Solidarität mit Griechenland, die »acampadas« in Madrid, die Soli­darität mit den Geflüchteten …
Die sozialen und politischen Experimente, die Sie genannt haben, sind meines Erachtens nicht als Scheitern der Linken zu bezeichnen, sondern als Erfahrungen, die Ideen und eine Sprache hervorgebracht haben, die für unser künftiges Handeln nutzbar gemacht werden können. Nur weil sie nicht zur Gründung einer einheitlichen europäischen linken Bewegung geführt haben, sollte man sie nicht als gescheitert betrachten.

Dass es keine handlungsfähige Linke auf europäischer Ebene gibt, liegt in meinen Augen daran, dass ein Großteil dessen, was unter »Linke« in Europa verstanden wird, sich weiterhin in einem nationalstaatlichen Rahmen bewegt. Auf diesem Feld kann man politische Kämpfe austragen, was, obwohl darüber seit Jahren theoretisiert wird, noch nicht passiert ist.

Es ist darüber hinaus nicht nur die Unfähigkeit der politischen Linken, die die Entstehung einer linken Bewegung oder einen Linksruck in der Gesellschaft verhindert. Die Schwierigkeiten für eine linke Politik sind real, nicht nur in Europa. Die Versuche neuer sozialer Bewegungen, transnationale Räume zu schaffen und darin handlungsfähig zu werden, müssen sich ständig gegen die Gewalt der globalen kapitalistischen governance behaupten. Mein Eindruck ist, dass die Instrumente noch nicht gefunden worden sind, um damit umzugehen. Es müssen sowohl Formen der politischen Aktion als auch institutionelle Wege gefunden werden, mit denen wir einem Kapitalismus begegnen, der sich grundlegend verändert hat im Vergleich zu jenem Kapitalismus, auf den sich die Linke mit ihrer Sprache und mit ihren Begriffen traditionell bezogen hat.

Stattdessen beobachtet man, wie linke Parteien versuchen, mit dem Rechtspopulismus zu konkurrieren. Hier in Deutschland zum Beispiel hat der Erfolg der rechten AfD nicht etwa dazu geführt, dass die Partei »Die Linke« sich schärfer links profilieren würde. Im Gegenteil, ein Teil der Linkspartei schlägt beim Thema Migration durchaus deutschnationale Töne an. Findet eine Renationalisierung der Linken statt?
Ja, das ist eines der Probleme, vor denen wir heute stehen. Sie haben das deutsche Beispiel genannt. Man könnte aber auch Spanien erwähnen. Dort scheint sich die einst positive Ambivalenz von Podemos, insbesondere seit den letzten Wahlen und nach der katalanischen Krise, in Richtung der Renationalisierung aufzulösen. In Italien gibt es ähn­liche Tendenzen.

Was kann man diesen Tendenzen entgegensetzen?
Die Aufgabe ist, wenn Sie mir eine Vereinfachung erlauben, der Aufbau eines neuen Internationalismus. Ein Internationalismus, der nicht die einzelnen Nationalstaaten als Referenzrahmen hat, sondern in einem europäischen Raum entsteht und auch Bezug auf die Verhältnisse außerhalb Europas nimmt und politisch interveniert, etwa dort, wo die Menschen herkommen, die nach Europa fliehen.

Es geht auch nicht primär darum, eine grundsätzliche Kritik am Nationalstaat zu artikulieren. Entscheidend ist ein revolutionärer politischen Realismus im Sinne Rosa Luxemburgs, insbesondere bei der Frage nach der Fähigkeit der Nationalstaaten in Europa, eine progressive Sozialpolitik zu implementieren. Da wird deutlich: Der Nationalstaat ist entweder Garant für die Stabilisierung des heutigen Kapitalismus – dessen Regierungsform in Europa derzeit die Große Koalition ist –, oder er gestaltet sich als Neuauflage von autoritärer, nationalistischer und ­tendentiell rassistischer Politik.

 

»Durch einen rein materialistischen Klassenbegriff ist die gegenwärtige Welt der Arbeit und des Lebens nicht mehr zu deuten. Er ist nicht mehr zeitgemäß, denn er lässt außer Acht, dass der Kampf um die materiellen Interessen von Leidenschaften, Affekten und Widersprüchen durchkreuzt ist, die immer wieder neue Subjektivitäten hervorbringen.«

 

In Ihrem Buch schlagen Sie vor, »Klassenpolitik heute anders zu denken: als eine bewegte Politik der Solidarität und des Gemeinsamen«. Was bedeutet das?
Was ist Klasse überhaupt? Viele, die sich mit linker Politik und Theorie beschäftigen, glauben, es genau zu wissen, vor allem wenn es darum geht, den Klassenbegriff anderer zu kritisieren. Mir erscheint es absolut notwendig, den Klassenbegriff eines Großteils der Linken zu kritisieren. Dieser bezieht sich entweder auf den Wohlfahrtstaat oder die Vorstellung eines »linken Volkes«.

Von Klasse zu reden, ergibt erst dann Sinn, wenn man auf den Unterschied zwischen Klasse als soziologischem Konzept und Klassenpolitik hinweist. Ich habe vorhin von einer kapitalistischen Transitionsphase gesprochen. In dieser Phase ist es unumgänglich, sich mit der neuen Zusammensetzung von dem, was man Klasse nennt, auseinanderzusetzen, denn die Menschen, die täglich Ausbeutung erfahren, sind nicht mehr die, die der Klassenbegriff der sechziger oder siebziger Jahre bezeichnete.

Die Grenzen der Klasse, wie man sie traditionell marxistisch definiert hat, haben sich ausgedehnt. Wer befindet sich denn innerhalb dieser Grenzen?
Sicher nicht mehr die Figur des Fabrikarbeiters, die lange im Mittelpunkt des linken Klassenbegriffs stand. In Italien haben wir vor drei Jahrzehnten angefangen, das zu reflektieren. Aber wie es scheint, müssen wir immer und immer wieder darauf hinweisen. Ein Blick auf linke Debatten, besonders hier in Deutschland, aber auch anderswo, hinterlässt den Eindruck, dass das Hauptproblem der Linken derzeit sei, zu diesem verlorenen Subjekt zurückzufinden, sich irgendwie mit ihm zu versöhnen – obwohl es als solches nicht mehr existiert. Das bedeutet nicht, dass es keine Fabrikarbeiter mehr gibt, sondern nur, dass diese aufgrund der veränderten kapitalistischen Produktions- und Herrschaftsverhältnisse nicht mehr der Ausgangspunkt einer linken Klassenpolitik sein können.