Eine Kritik linker Debatten über das »gute Wohnen«

Für einen modernen Urbanismus

Linke Debatten über das »gute Wohnen« erschöpfen sich meist in defensiven Forderungen, wie der nach bezahlbarem Wohnraum. Eine linke Wohnungspolitik muss ihre eigenen vier Wände verlassen.

Auf dem Höhepunkt ihrer historischen Entfaltung zeigte sich die konstitutive Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft in der Doppelstruktur von Öffentlichkeit und Privateigentum, die sich im bürgerlichen Subjekt als citoyen und bourgeois wiederholte. Die progressiven Aspekte, die in der Verbindung von bürgerlicher Privatheit und Individualisierung aufschienen, erhielten ihre Geltung nur in jener historischen Epoche, in der Öffentlichkeit und Konsumsphäre noch nicht ineinander fielen.

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In der Debatte um gutes Wohnen will man aber von diesen Voraussetzungen nichts wissen und verteidigt deshalb das Prinzip des privaten Rückzugs gegen die Rationalität der funktionalen Architektur. Damit gerät der kritische Anspruch von Baukunst und Stadtgestaltung, neben defensiven Kämpfen um bezahlbare Mieten und der Flucht in qualitativen Wohnraum eine Idee von städtischem Leben und moderner Urbanität zu bewahren, aus dem Blick.
Das entgeht auch Tim König, wenn er in einem Beitrag in dieser Zeitung den heimeligen Kiezbiedermeier mit Hans G. Helms völlig zu Recht als »bürgerlich-kleinbürgerliches Scheingefecht« entlarvt.

Doch die Ideologie der Architektur, gegen die Helms polemisiert, lag auch für Alexander Mitscherlich, Heide Berndt, Alfred Lorenzer und Klaus Horn nicht auf einer Erscheinungsebene, sondern im Primat der Kapitalimperative in der Stadtgestaltung und einer von historischen Gebundenheiten gelösten Betrachtung der Architektur. Mitscherlich sah die Ursache der gescholtenen »Unwirtlichkeit« weder im Beton noch im industrialisierten Bauen, sondern ausdrücklich in den Besitzverhältnissen an Grund und Boden, gegen die sich kein Autonomieanspruch der Architektur behaupten kann: »Denn Privatbesitz, unbeschadet seiner unter Umständen für die Gemeinschaft tödlichen Auswirkungen, ist ein Tabu, ein Fetisch, an den niemand zu rühren wagte.«

Auch Theodor W. Adorno wollte in seiner Funktionalismuskritik keinesfalls eine verblasste gründerzeitliche Tradition gegen den Funktionalismus der verwalteten Welt mobilisieren und wusste, dass eine Wiederbelebung des Ornaments in der Industriegesellschaft nur den fetischistischen Kunstgenuss stärkt. Ihm ging es um eine Selbstkritik der Moderne im Sinne der Dialektik der Aufklärung. So wie sich das Neue Bauen gleichermaßen aus sozialutopistischen Ideen und dem fortgeschrittenen Stand der Technik speiste, ist es gegen das antimoderne Ressentiment ebenso zu verteidigen wie vor der entfesselten Rationalität der standardisierten Bauformen. Die Idee des Wohnens ist ein Statthalter und kein Programm.

Kritisierten Mitscherlich und Adorno die Architektur vor dem Hintergrund der spätfordistischen Massenkonsumgesellschaft der sechziger Jahre, so registrierte Jürgen Habermas eine Dekade später ganz andere Tendenzen eines neokonservativen Unbehagens, das ästhetische Argumente gegen die Monotonie des Gebauten instrumentalisierte, ohne seine historischen Ursachen zu reflektieren. Anders als die Ideologiekritik an der modernen Architektur fügte sich diese Entdeckung der Tradition in den aufkommenden Konkurrenz­individualismus der distinguierten und wertegewandelten Milieus. Im neuen Überbietungswettbewerb der Innenstädte wurde urbanes Flair zu einem wichtigen Standortfaktor und Mittel einer sozialräumlichen Reorganisation von Zentrum und Peripherie. Damals entwickelte sich ein auf innerstädtische Identität fixierter Urbanitätsdiskurs, in dessen Folge verstärkte Forderungen nach Denkmalschutz aufkamen und die Altbaugebiete als Idealform qualitativen Wohnens neu entdeckt, verteilt und von Investoren beworben wurden – mit entsprechenden Konsequenzen für die seitdem vernachlässigten und abgehängten Vor- und Satellitenstädte.

Die suggestive Attraktivität des Altbaus verdankt sich weniger der Architektur als seiner zentralen Lage, der Verkettung der Generationslagerung seiner Bewohner mit historischen Umbrüchen sowie ökonomischen Transformationen. Die Struktur der ostdeutschen Altbaugebiete etwa ist ohne die brutale Privatisierung nach dem Anschluss der DDR nicht zu verstehen. So sind die medial gewiss oft überstrapazierten sozialen Problem in Plattenbausiedlungen mit der »Ästhetik des Altbaus« und dem sozialen Eskapismus seiner Bewohner auf das Engste gekoppelt, wie auch Investitionen und Wohnumfeldaufwertung einer ökonomischen Logik folgen und entsprechend dort stattfinden, wo zahlungskräftige Bevölkerungsgruppen wohnen. Dass sich das Stereotyp des Altbaus meist mit Bildern von hippen, inhabergeführten Läden und gemütlichen Cafés verbindet, ist ebenso ein Effekt dieser Bevölkerungsstruktur wie Ursache seiner Beliebtheit.

Auch die vermeintliche »Massivität und Monotonie« der Großwohnsiedlungen hat vor allem soziale Gründe. Eine Linke, deren Architektur dennoch zum Schreckbild stilisiert, besorgt unbewusst das Geschäft der privaten Investoren, die sanierte Altbauwohnungen mit völlig überzogenen Mietpreisen belegen.

Ist es nicht seltsam, dass eine Debatte um linke Wohnungspolitik auf die eigenen vier Wände beschränkt bleibt und das historische Bewusstsein über das nostalgische Entdecken von bis zu acht Tapetenschichten aus vergangenen Zeiten (Jungle World 7/2018) nicht hinauskommt? Das sagt viel über den gegenwärtigen Zustand einer Öffentlichkeit, die auch aus der Stadtplanung verschwindet, wenn sie in den gesellschaftlichen Institutionen fehlt.