US-amerikanische Schülerinnen und Schüler protestieren für »gun control«

Den Schuss gehört

Als Reaktion auf das Massaker an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, erleben die Vereinigten Staaten eine Welle von Schülerinnen- und Schülerprotesten.
Reportage Von

Malik ist wütend, sehr wütend. Er hält vor sich ein Schild mit der Aufschrift »Ich bin 18 – Ich kann eine Schusswaffe kaufen, aber kein Bier«. Doch das ist nicht der eigentliche Grund seiner Wut. »Ich gehe auf die High School einen Block die Straße hinunter«, sagt er. Da gebe es zwar »nicht wirklich« ein Problem mit Schusswaffen, aber er habe Freunde in Florida und manche davon sind »auf diese Schule da gegangen«.

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Mit »diese Schule da« meint Malik die Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Am 14. Februar, dem Valentinstag, tötete dort der 19jährige Nicolas Cruz mit einem halbautomatischen AR-15-Gewehr 14 Mitschülerinnen und Mitschüler sowie drei Erwachsene und verletzte viele weitere, einige schwer.

Allein in den ersten neun Wochen dieses Jahres gab es im ganzen Land 14 Schießereien an Schulen und Universitäten, viele davon mit tödlichem ­Ausgang. Vorigen Mittwoch, genau einen Monat nach dem Angriff in Parkland fand deshalb ein US-weiter walkout statt – ein Schulstreik, bei dem die Schülerinnen und Schüler kollektiv die Schule verlassen. Über 3 000 Schulen beteiligten sich, darunter auch die High School in Brooklyn Heights, New York, die Malik besucht. 17 Minuten sollen die walkouts in der Regel dauern – eine ­Minute für jedes Opfer des Massakers in Florida. Die walkouts sind ein mächtiges Symbol, ein Protest von Kindern und Jugendlichen gegen die Schusswaffenmassaker an Schulen, wie sie seit dem Gemetzel an der Columbine High School, Colorado, am 20. April 1999, immer wieder das Land heimsuchen. In Columbine starben zwölf Schülerinnen und Schüler, bevor die beiden Attentäter sich selbst töteten. Nun fordern die Überlebenden des Angriffs von Parkland endlich wirksame gun control – schärfere Waffengesetze und das Verbot des Verkaufs kriegstauglicher Gewehre.

Vor der Borough Hall, dem ehemaligen Rathaus von Brooklyn, protestieren neben Malik noch etwa 1 000 weitere Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Studierende der benachbarten Metro Tech University. Sie tragen meist selbstgemalte Schilder oder Aufkleber, auf denen etwa »Drive out Trump / Pence fascist regime« steht. Eine junge Frau mit Sonnenbrille hält ein Schild mit der Aufschrift »Guns have more rights than my vagina«. Auch sie ist wütend. »Es gibt viel Streit über Abtreibungen, die werden stärker reguliert als Waffenkäufe«, sagt sie. Zum Kauf einer Waffe müsse sie nur in einen Laden spazieren, aber wenn sie eine Abtreibung haben wolle, sei das »ein großes Problem«. Sie spielt darauf an, dass häufig dieselben Politiker, für die das Recht, Waffen zu tragen, zu den unantastbaren Grundpfeilern der Ver­fassung gehört, beim »Recht auf Leben« von Föten keine Ausnahme kennen. Im Hintergrund skandiert die Menge: »Hört auf zu schweigen, beendet die Gewalt.«

 

Eine junge Frau mit Sonnenbrille hält ein Schild mit der Aufschrift »Guns have more rights than my vagina«. »Es gibt viel Streit über Abtreibungen, die werden stärker reguliert als Waffenkäufe«, sagt sie.

 

Auch die rassistische Ungleichbehandlung ärgert die junge Frau. »Wenn ein weißer Junge in eine Schule geht und Leute umlegt, dann kommt er in eine Nervenklinik, ein schwarzer Junge kann dagegen keine Gnade erwarten«, sagt sie. Die Polizisten würden ihn sofort töten und das sei »nicht fair«. Massaker mit Schusswaffen in den Vereinigten Staaten – an Schulen und anderswo – werden zu 90 Prozent von weißen Männern verübt. Kein einziger schwarzer Schüler hat bisher eines jener mass shootings verübt, die, so die New York Times am 15. Februar, »dem ­Gewissen der Nation einen Shock versetzt haben«. Dass Nicolas Cruz hin­gegen glimpflich davonkommen wird, ist zweifelhaft. Michael J. Satz, Staats­anwalt von Broward County, Florida, hatte bereits am Tag zuvor angekündigt, die Todesstrafe für den 19Jährigen zu beantragen.

Die seit Jahrzehnten praktizierte zero tolerance gegen noch so geringfügige jugendliche Renitenz, zu deren Rechtfertigung die Massaker häufig angeführt werden, trifft trotzdem überwiegend schwarze Schülerinnen und Schüler. Sie erhielten in der Vergangenheit drei Mal häufiger disziplinarische Schulverweise oder Unterrichtsausschlüsse als Weiße. An Schulen betreffen Verhaftungen durch die Polizei überwiegend students of color. Das ist bereits seit fünf Jahren bekannt. Man spricht inzwischen von einer school-to-prison pipeline, durch die die Betroffenen ­direkt in das weitverzweigte Netz des Strafvollzugssystems geraten – und häufig nicht mehr hinauskommen. Eine andere Jugendliche unterbricht die junge Frau mit Sonnenbrille: »Es ist nicht nur ein Problem an den Schulen, sondern auch auf den Straßen, und es ist ein intersektionales Problem, dem gerade women of color ausgesetzt sind.« Wenige später löst sich die Menge auf, die zwei Stunden an dem sonnigen, aber kalten Morgen vor dem ehemaligen Rathaus gestanden, Reden ­zugehört und Parolen gerufen hat. Spontan brechen »Fuck Trump«-Sprechchöre aus. Es wird gelacht und gekichert.

 

NRA

Eine Nachricht an die NRA: Keine weiteren Massaker an Schulen

 

So jugendlich unschuldig der Protest zum Teil wirkt, so erwachsen wirken viele Aussagen der Jugendlichen. Ganz selbstverständlich verwenden sie Begriffe wie »Intersektionalität«, wenn sie die Überlappungen von Herrschaftsverhältnissen wie Rassismus und ­Sexismus schildern. Fünftklässler machen sich Gedanken, ob Lehrer bewaffnet werden sollen, wie US-Präsident Donald Trump als Reaktion auf das Parkland-Massaker gefordert hat. »Nicht nur Kinder haben Depressionen«, sagt der elfjährige Tom. Er trägt eine Zahnspange und hat sich die Kapuze seines schwarzen Hoodies gegen die Kälte übergezogen. Was wäre los, wenn ein Lehrer mit psychischen Problemen einfach eine ganze Schulklasse umlegen würde? Oder wenn er seine Waffe in der Schublade des Lehrerpults vergäße und sie so in die Hände von Kindern fiele?