Iranische Ringer verlieren lieber, als gegen Israelis anzutreten

Verlieren für Allah

Der Präsident des iranischen Ringerverbands ist zurückgetreten. Einer seiner Sportler hatte einen Kampf absichtlich verlieren müssen, um nicht in der nächsten Runde auf einen Israeli zu treffen. Erfolgte die Demission aus Protest gegen das Regime?

Anders als in Deutschland ist Ringen im Iran ausgesprochen beliebt. Die Sportart hat im Land eine lange Tradition und wird in puncto Popularität nur vom Fußball geschlagen. Entsprechend bekannt ist Rasoul Khadem, der bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 die Gold­medaille im Freistilkampf der Gewichtsklasse bis 90 Kilogramm ­gewann und damit zum ersten Olympiasieger der sogenannten Islamischen Republik wurde. Im Iran wird er seitdem als Idol verehrt. Auch nach dem Ende seiner Karriere als Aktiver blieb Khadem dem Ringen erhalten: Vor sechs Jahren wurde er technischer Direktor der iranischen Nationalmannschaft und Cheftrainer der Freistilringer, im Januar 2014 wählte man ihn außerdem zum Präsidenten des iranischen Ringerverbands. Doch vor wenigen Tagen machte die Nachricht die Runde, dass Rasoul Khadem zurückgetreten sei.

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»Manchmal ist Rücktritt der beste Auftritt«, wurde er in einer Presse­erklärung zitiert. Seine Arbeit im Verband sei »belanglos« geworden. Der iranischen Nachrichtenagentur ISNA zufolge legten auch weitere führende Ringerfunktionäre ihre Ämter nieder. Ein Grund für die Demission wurde in der Erklärung zwar nicht an­gegeben, doch Khadem äußerte sich an anderer Stelle, etwa gegenüber ­einem Radiosender. Es könne nicht sein, sagte er, dass iranische Sportler sich jahrelang auf ein internatio­nales Turnier vorbereiteten, um dann aus politischen Gründen nicht an­treten zu dürfen oder einen Kampf verlieren zu müssen.

Damit war offenbar Alireza Karimi-Machiani gemeint, der sich bei der U23-Weltmeisterschaft im November 2017 auf Anweisung seines Trainers Hamidreza Jamshidi im Achtelfinale absichtlich geschlagen geben musste – weil sonst der Israeli Uri Kalaschnikow sein nächster Gegner gewesen wäre. Wettkämpfe gegen Sportler und Mannschaften aus dem jüdischen Staat werden – so will es das Regime in Teheran – seit 1983 vom Iran strikt boykottiert respektive umgangen, etwa durch willentliche ­Niederlagen in der Runde zuvor oder durch Krankschreibungen. Dabei kommt es bisweilen zu grotesken Szenen. Karimi-Machiani etwa war ­seinem russischen Gegner überlegen und lag in Führung, doch auf Zuruf seines Trainers (»Du musst verlieren, Alireza!«) ließ er sich von seinem Kontrahenten vorführen.

 

Die iranischen Fußballprofis Masoud Shojaei und Ehsan Hajsafi (beide Panionios Athen) wurden vom iranischen Sportministerium auf Lebenszeit gesperrt, weil sie gegen Maccabi Tel Aviv gespielt hatten.

 

Der Internationale Ringerverband UWW sperrte Karimi-Machiani schließlich für sechs Monate und den Trainer Jamshidi für zwei Jahre. Der oberste geistliche Führer des Iran, Ali Khamenei, pries dagegen die »Opferbereitschaft« und den »Sportsgeist« von Karimi-Machiani. Während einer Feierstunde im Iran überreichte er dem Sportler einen Ring und versprach ihm außerdem eine »Belohnung durch Gott«. Dass Karimi-­Machiani »für ein großes und erhabenes Ziel auf eine sichere Meisterschaft verzichtet hat«, sei ein Grund, »wirklich stolz« zu sein, so Khamenei.

Nach diesem Muster boykottierten und vermieden iranische Sportler in der Vergangenheit immer wieder Wettkämpfe mit Israelis. Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen beispielsweise weigerte sich der ­iranische Judo-Weltmeister Arash Miresmaeili, gegen den Israeli Ehud Vaks anzutreten. Vaks kam dadurch kampflos weiter, während Miresmaeili von der politischen Führung ­seines Landes gefeiert wurde: »Das großartige Handeln und die Selbstaufopferung unseres Champions, der auf eine sichere Olympiamedaille aus Protest gegen Massaker, Terror und Besetzung verzichtet hat, ist eine nationale Ruhmestat«, sagte der damalige Staatspräsident Mohammed Khatami.

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking gab es ebenfalls einen antiisraelischen Boykott: Der iranische Schwimmer Mohammad Alirezaei erschien nicht zu einem Vorlauf in der Disziplin 100 Meter Brust, weil mit Tom Beeri auch ein israelischer Schwimmer im Becken war. Zunächst hatte das Nationale Olympische ­Komitee des Iran den Start von Alirezaei erlaubt, weil dieser auf Bahn eins und der Israeli auf Bahn sieben eingeteilt waren und es sich damit nicht um ein direktes Duell gehandelt hätte. Am Ende blieb Alirezaeis Platz aber doch frei.

Was geschieht, wenn iranische Sportler ausnahmsweise doch einmal gegen israelische antreten, war zuletzt im August des vergangenen Jahres zu beobachten. Da nämlich spielte in der Qualifikation zur Europa ­League im Fußball der griechische Club Panionios Athen gegen Maccabi Tel Aviv und setzte dabei seine beiden iranischen Profis Masoud Shojaei und Ehsan Hajsafi ein. Prompt wurden sie vom iranischen Sportministerium auf Lebenszeit gesperrt. Sie hätten »die rote Linie überschritten«, hieß es zur Begründung.

Lässt sich der überraschende Rücktritt von Rasoul Khadem und der ­anderen Ringerfunktionäre als regimekritischer Protest gegen die antisemitische Politik des Iran auch im Sport deuten? »Wenn wir mit der Politik weitermachen müssen, nicht ­gegen Athleten des zionistischen Regimes anzutreten, darf die Verantwortung dafür nicht von den Sportlern und Trainern getragen werden«, sagte Khadem. »Einen Athleten zu zwingen, eine Niederlage zu akzeptieren oder die ganze Nacht herum­zulaufen, um ein ärztliches Attest aufzutreiben, ist nicht in Ordnung.« Nach seinem Dafürhalten wäre es besser, wenn die Iraner sich offen zu ihrer politischen Position bekennen würden, statt Gründe vorzuschieben. Der Iran müsse sich »ehrlich verhalten und die Konsequenzen tragen«, findet Khadem.

In diesen Sätzen spiegelt sich die begreifliche Verärgerung eines früheren Weltklassesportlers darüber ­wider, dass seine Schützlinge mit Hindernissen konfrontiert werden, die nicht sportlicher Natur sind und die sie nicht zu verantworten haben, aber mittragen sollen. Rasoul Khadem äußert keine prinzipiellen Einwände gegen die antiisraelische ­Politik des Regimes, bemerkt aber, welche Beeinträchtigung sie auch für iranische Athleten darstellen können. Sein Vorschlag, offen Position zu beziehen, läuft allerdings auf einen Ausschluss des Iran aus den internationalen Sportverbänden hinaus. Denn diese verbieten den Boykott eines sportlichen Gegners – genau deshalb täuschen iranische Sportler ja immer wieder gesundheitliche Gründe für den Nichtantritt gegen Israelis vor oder verlieren absichtlich, wenn sie sich in der nächsten Runde mit einem Israeli messen müssten.

Doch die tatsächlichen Gründe liegen auf der Hand, deshalb hat der Internationale Ringerverband auch die beteiligten Boykotteure mit ­Sperren belegt. Nichts anderes wäre geschehen, wenn das Regime von sich aus die Verantwortung für Karimi-Machianis Niederlage übernommen hätte. Khadems Rücktritt ist zwar ein außergewöhnlicher, aus Verzweiflung und Frustration geborener Schritt; er zeigt, dass es iranische Sportfunktionäre gibt, die den Anti­semitismus des Regimes nicht selbstverständlich über den sportlichen Erfolg stellen. Aber er ist auch ein Protest, der dem Regime nicht weh tut.