In Berlin gibt es fragwürdige Allianzen mit Imamen, die Kontakte zu Islamisten pflegen

Respekt für Muslimbrüder

Eine interreligiöse Tandemfahrt jüdischer und islamischer Geistlicher durch Berlin rief kürzlich Kritik hervor, weil zwei beteiligte Imame Verbindungen zur Muslimbruderschaft unterhalten. Auch zwei der Organisatoren der Veranstaltung stehen den Muslimbrüdern nahe.

Ende Juni fuhren jüdische und islamische Geistliche auf Tandems durch Berlin. Die Rabbiner und Imame stellten kein neues Verkehrskonzept vor. Die Initiative »Meet2respect« hatte die Radtour organisiert. »Gemeinsam ­Antisemitismus und Islamfeindlichkeit entgegenlenken« war das Motto. Na­tionale und internationale Medien berichteten über die Veranstaltungen überwiegend positiv.

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Doch es gab auch Kritik wegen der Teilnahme bekannter Islamisten. Der Psychologe und Autor Ahmad Mansour etwa warnte: »Die jüdische Gemeinschaft darf nicht so naiv sein und sich von solchen Initiativen instrumentalisieren lassen.« Anlass für die Warnung war die Teilnahme Mohamed Taha ­Sabris, des Imams der Neuköllner Begegnungsstätte (NBS), und Khaled al-Seddiqs, des Imams des Interkulturellen Zentrums für Dialog und Bildung e. V. (IZDB), an der Tandemfahrt. Beide Moscheen werden wegen ihrer Verbindungen zur islamistischen Muslimbruderschaft im Berliner Verfassungsschutzbericht genannt. Im vergangenen Jahr wurde ein Foto öffentlich bekannt, auf dem Sabri die rechte Hand mit ausgestreckten Fingern und eingeklapptem Daumen hochhält. Diese sogenannte Rabia-Geste gilt seit dem Massaker an Muslimbrüdern vor der Rabi’a-al-Adawiya-Moschee in Kairo vom 14. August 2013 als Erkennungszeichen der Muslimbruderschaft. Als offiziellen Partner führt Meet2respect auch die Şehitlik-Moschee auf. Diese gehört zur Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), die der türkischen Regierung untersteht.

2016 trat Heider als Redner auf der Jahreskonferenz der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland auf, die der Muslimbruderschaft zugerechnet wird.

Nicht öffentlich beachtet wurde allerdings bislang, dass sich auch im Koordinierungskreis von Meet2respect zwei Personen betätigen, die der Muslimbruderschaft nahestehen: Der Ber­liner Imam Ferid Heider erteilt sowohl in der NBS als auch im IZDB deutschsprachigen Islamunterricht für Jugendliche. Auch von ihm ist ein Foto öffentlich bekannt, auf dem er die Rabia-Geste zeigt. Er leitet zudem den Verlag »Welt der Bücher« und warb in dieser Funktion in der Vergangenheit für das Buch »Erlaubtes und Verbotenes im Islam« von Yusuf al-Qaradawi, einem der wichtigsten Ideologen der Muslimbruderschaft. Im Oktober 2016 trat Heider als Redner auf der 35. Jahreskonferenz der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD) auf. Die Organisation wird der Muslimbruderschaft zugerechnet.

Im Koordinierungskreis von Meet2re­spect sitzt auch Mohammad Imran ­Sagir. Er war Ende der neunziger Jahre Vorsitzender der Muslimischen Jugend in Deutschland (MJD). Der Verein gilt als Jugendorganisation der IGD und wurde deshalb zeitweise vom Verfassungsschutz beobachtet. Sagir ist mittlerweile Geschäftsführer der Organisation Muslimisches Seelsorgetelefon. Ihr Träger ist Islamic Relief Deutschland, der deutsche Ableger der inter­national tätigen Organisation Islamic ­Relief, die eigenen Angaben zufolge Hilfs- und Entwicklungsprojekte betreibt. Das israelische Verteidigungsministerium rechnet Islamic Relief allerdings dem Finanzsystem der Terrorgruppe Hamas zu. Islamic Relief Deutschland unterhält enge Verbindungen zur IGD, so war der Verein Haupt­sponsor des Jahrestreffens 2015 der deutschen Muslimbrüder und steuerte auch einen eigenen Redebeitrag bei, wie aus einer Anfrage des damaligen Bundestagsabgeordneten Volker Beck (Grüne) hervorging.

Sagir betätigt sich neben seiner Funktion beim Muslimischen Seelsorgetelefon auch als Imam. Einem Bericht des Tagesspiegel vom vergangenen Jahr zufolge ist er Seelsorger für muslimische Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Plötzensee in Berlin.
Meet2respect ist keine eigenständige Initiative. Es handelt sich um ein Projekt von

»Leadership Berlin – Netzwerk Verantwortung e. V. «. Nach eigenen Angaben setzt sich dieser gemeinnützige Verein »jeweils zu ungefähr einem Drittel aus der Wirtschaft, einem Drittel aus dem öffentlichen Bereich und einem Drittel aus dem Non-Profit-Bereich« zusammen. Als »institutionelle Mitglieder« gibt der Verein Firmen wie die Deutsche Bank und Siemens sowie öffentliche Unternehmen wie die Berliner Stadtreinigung und die Berliner Verkehrsbetriebe an. Im Beirat von Lea­dership Berlin sitzen unter anderem der Chefredakteur des Tagesspiegel, Stephan-Andreas Casdorff, der Leiter der Justizvollzugsanstalt Moabit, Wolfgang Fixson, und die Leiterin des Jugendamts Treptow-Köpenick, Iris Hölling.

Der Geschäftsführer von Leadership Berlin, Bernhard Heider, zeigte sich wenig erfreut über die kritischen Kommentare zur Tandemfahrt der Imame und Rabbiner. »Es hängt am seidenen Faden, ob wir die Veranstaltung nochmals machen können. Und das liegt nicht an den Muslimen, wo wir auf eine sehr große Bereitschaft getroffen sind, sondern an der jüdischen Community, in der die Vorbehalte gegenüber Mus­limen sehr ausgeprägt sind«, sagte er der Berliner Zeitung. Heiders Verweis, auch der Zentralrat der Juden habe die Veranstaltung unterstützt, wies dieser umgehend zurück: »Wir gehörten nicht zu den Unterstützern.«

Als offizielles »natürliches Mitglied« führt Leadership Berlin Lydia Nofal. Sie ist SPD-Mitglied und im Arbeitskreis Muslime in der SPD engagiert, Mitarbeiterin der Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA Berlin) und stellvertretende Berliner Landesvorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Nofal und Mohammad Imran Sagir gehören zu den Gründern des Berliner Vereins Inssan e. V. Dieser wurde in Berlin bekannt, als er vor zehn Jahren den Bau einer Moschee in Charlottenburg plante. Gegen dieses Vorhaben en­gagierte sich eine örtliche Bürgerinitiative, sie trug die Verbindungen von Inssan zu den Muslimbrüdern, insbesondere zur Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), in einem 69seitigen Dossier zusammen. Die Recherche hatte der Pulitzer-Preisträger Ian Johnson betrieben, der damalige Deutschland-Korrespondent des New Yorker Wall Street Journal. Nofal nahm zuletzt 2016 an einem Treffen des MJD in Hessen teil. Angekündigt war die Veranstaltung als »großes Familientreffen«.