Eine Expedition an den bulgarischen Goldstrand zu feierwütigenn deutschen Touristen

Urlaub mit den Deutschen

Bulgarien ist eines der beliebtesten Urlaubsländer der Deutschen. Insbesondere der Goldstrand und die gleichnamige Touristenstadt an der Schwarzmeerküste haben sich zum Ziel für Sauf- und Partytouristen entwickelt, denen es am Ballermann in Mallorca zu teuer oder zu streng geworden ist.

»Bullealarm, Bullealarm, lass uns nach Bulgarien fahren«, wummert es ­extrem laut aus der Musikanlage der Poolbar »Megapark Dolphin«. Es ist eine Zeile des neuen Songs der Partysänger Honk und Ikke Hüftgold. »Drum hebt eure Hände, Malle ist schon bald am Ende«, heißt es weiter. Wenig später winkt Hüftgold mit einer Hand und schreit dabei immer wieder »huuh«. Damit will er das Publikum bei seinem Konzert am bulgarischen Goldstrand für den nächsten Song anheizen. Es klappt, die Menge antwortet begeistert mit »huuh«. Dann beginnt der gleichnamige Song »Huuh«. »Wir sind Chaoten und wir suchen das Glück«, dröhnt es aus den Boxen. In der folgenden Zeile ändert der Sänger, der stets mit Perücke auftritt, »Malle« passend in »Bulle« um: »Ohne Niveau auf Bulle zurück«. Später wird das Publikum zum lautstarken Singen animiert. Die rechte Seite schreit: »Die linke Seite ist homosexuell«. Die Geschlechterper­formance der Ballermann-Fans, die sich nicht nur am berüchtigten Strand in Mallorca, sondern auch hier am Goldstrand in Bulgarien einfinden, lässt zu wünschen übrig.

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Später präsentiert »Ingo ohne ­Flamingo«, der stets mit einer gelben ­Entenmaske auftritt, seinen Song »Hartz IV und der Tag gehört dir«. Darin lobt er den ­Müßiggang, Klischees über Arbeitslose, die »den ganzen Tag Pizza und Bier« konsumieren, dürfen nicht fehlen.

»Einige Naturgebiete wurden quasi in Beton gegossen und an Teilen der Schwarzmeerküste war es möglich, dank Korruption ohne offizielle Genehmigung zu bauen.«
Ladenbesitzerin aus Kawarna

Mit bürgerlichem Namen heißt Hüftgold Matthias Distel und wohnt mit seiner Familie in Deutschland. Sein Label »Summerfield Records« produzierte in den vergangenen Jahren einen beacht­lichen Teil der neuen Generation des deutschen Schlagers: laut, vulgär und Grenzen austestend. Es vertonte nach dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2014 beispielsweise den mehr als dubiosen Fangesang »So gehen die Deutschen«. Auch dieser Song wird am bulgarischen Partystrand angespielt. Später gibt Honk seinen Hit »Hallo Helmut« zum Besten. Darin macht er sich über fliegende Brillenhändler aus dem ­Senegal lustig, die in gebrochenem Deutsch Strandurlaubern ihre Ware ­verkaufen wollen. In Mallorca war es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Übergriffen von Urlaubern auf afrikanische Brillenverkäufer ­gekommen.

Bulle oder Malle
Auf der Toilette unterhalten sich zwei junge Männer, ob denn nun »Bulle« oder »Malle« die »geilere Option« sei. Der eine meint, dass »Bulle« eher ­etwas für jüngere Leute sei. Die Situation hier sei noch so wie die in Palma de Mallorca vor 20 Jahren. Auf die Frage des anderen Manns, woran das liege, antwortet er: »Hier am Strand ist einfach alles viel liberaler als in Spanien.«

»Bulle statt Malle« ist mittlerweile der Schlachtruf einiger deutscher Ballermann-Größen geworden. Hüftgold führt damit einen persönlichen Kampf ­gegen Alkoholverbote am Partystrand im spanischen Palma de Mallorca. Er wirbt dafür, stattdessen an den bulgarischen Goldstrand zu fahren. Vor zwei Jahren hatte er in Mallorca aus Protest gegen ein am Strand verhängtes Alkoholverbot 4 000 Freibierdosen verteilen lassen. Es kamen Hunderte Menschen, die sich am Strand eine Dosenbierschlacht lieferten. Die spanische Polizei schritt nicht ein, Hüftgold bekam später jedoch ein Auftrittsverbot in der bei deutschen Ballermann-Touristen beliebten Biergarten-Diskothek »Bierkönig«.

Der Bürgermeister von Palma versprach, härter durchzugreifen, eine Konsequenz aus den Schlägereien und ­Exzessen der vergangenen Jahre, aber auch dem anhaltenden Protest der ­Inselbewohner gegen den Massentourismus. Zuletzt war es in Palma de Mallorca im September 2017 zu einer größeren Demonstration gegen diese Form des Tourismus gekommen. Auch in anderen spanischen Städten gab es immer wieder Proteste deswegen (Jungle World 35/2017).

 

Am bulgarischen Goldstrand kommt die versprochene Bierpyramide zwar nicht zustande, dafür gibt es aber auch keine Dosenschlacht, Schlägereien oder sonstigen Ärger mit den Behörden. Die Labelacts geben hier Konzerte in der Poolbar »Megapark Dolphin« – nicht zu verwechseln mit der Freiluft-Großraumdisko »Mega-Park« in Mallorca – und im »Partystadl zum Roten Pferd«.

Bauboom im Nationalpark
Doch die Tourismusindustrie in Bulgarien hat nicht nur Freunde. Anfang ­dieses Jahres etwa protestierten Tausende Bulgarinnen und Bulgaren ­gegen die Umwandlung eines Teils des Nationalparks im Pirin-Gebirge, der von der Unesco als Weltnaturerbe anerkannt ist, zu einem weiteren Skigebiet.
Der Nationalpark Goldstrand grenzt heutzutage an das Strandbad Goldstrand. Bereits 1956 begann man dort mit dem Bau der ersten Hotelanlagen mitten in der Natur. Mit der Zeit wurde das Gebiet für Reisende aus Westdeutschland und der DDR interessant, die auch nach Albena oder an den ­Sonnenstrand fuhren. Einige DDR-Bürger versuchten damals, über Bulgarien in den Westen zu fliehen, indem sie von dort in die Türkei oder nach Griechenland reisten. Nach der politischen Wende im Jahr 1989 wurden in Bulgarien staatliche Urlaubseinrichtungen privatisiert und es entstanden auch neue Ressorts.

»Einige Naturgebiete wurden quasi in Beton gegossen und an Teilen der Schwarzmeerküste war es möglich, dank Korruption ohne offizielle Genehmigung zu bauen«, sagt eine bulgarische Ladenbesitzerin im Urlaubsort Kawarna, der nordöstlich vom Goldstrand an der Schwarzmeerküste liegt. Der Bauboom hat Spuren hinterlassen, davon zeugen die vielen leerstehenden Gebäude und Bauruinen in Strandnähe. Nicht nur in Kawarna, auch an anderen Orten an der bulgarischen Schwarzmeerküste sieht es häufig so aus. Der Anteil des Tourismus am Bruttoinlandsprodukt ging in Bulgarien in den ­Folgejahren der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise etwas zurück. Mittlerweile sind die Einnahmen aus dem Tourismus wieder leicht gestiegen.

Beim Schlendern über die Promenade hört man aus auf der Straße aufgestellten Lautsprechern in extremer Lautstärke die Schlagerzeile »Geh’ mal Bier holen, du wirst schon wieder hässlich«.

Es ist vier Uhr nachmittags in der Touristenstadt Goldstrand. Beim Schlendern über die Promenade hört man aus auf der Straße aufgestellten Lautsprechern in extremer Lautstärke die Schlagerzeile »Geh’ mal Bier holen, du wirst schon wieder hässlich«. Es reihen sich kleine Läden aneinander, in denen es allerlei billigen Kram zu kaufen gibt: Kalaschnikows als Halskettenanhänger, Fußballfanutensilien, Tassen mit dem Konterfei Wladimir Putins, gefälschte Markenuhren, Sonnenbrillen oder Holzpenisse, die als Flaschen­öffner dienen. Auch Wurfsterne und Schlagringe werden vereinzelt feilgeboten. Dazwischen gibt es Läden, in ­denen man sich eine Maniküre, Fischpediküre oder ein neues Tattoo gönnen kann.

Auch jede Menge Klamotten gibt es hier zu Billigpreisen. Viele davon werden in Bulgarien hergestellt, einige in der Türkei. Nach einer Untersuchung der NGO »Kampagne für saubere Kleidung« liegt die Bezahlung für in Bulga­rien in der Textilindustrie Beschäftigte sehr häufig deutlich unter den ohnehin schlechten handelsüblichen Löhnen. Einige Geschäfte verkaufen Produkte aus Rosen, die in großen Monokulturen im Rosental im Norden des Landes ­angebaut werden.

Ballern mit Sangria
Knapp eine Million Deutsche machten im vergangenen Jahr Urlaub in Bulgarien, viele davon am Goldstrand oder am Sonnenstrand. Bereits seit mehr als einem Jahrzehnt ist die Tourismusstadt Goldstrand, die nordöstlich der Stadt Warna liegt, der größere Magnet für Deutsche. Deutsche Fußballclubs, Kegelvereine und Abiturklassen werden in Dutzenden Großhotels begrüßt. Der Pauschalurlaub am Schwarzen Meer ist immer noch billiger als in Mallorca, auch wenn die Preise in den vergangenen Jahren mancherorts leicht gestiegen sind. Am Goldstrand kostet etwa die Miete für eine Liege mit Auflage und einen Sonnenschirm umgerechnet rund zehn Euro pro Tag.

Seit Jahren gibt es das deutschsprachige Magazin Ballermann am Balkan. Von Jahr zu Jahr gibt es mehr deutsche Partymusik, mehr deutsches Bier und mehr Sauftourismus. »Ballern in Bulle«, dieses Motto hält die »Ballermann 6 Beachbar« (ehemals »Oberbayern«) am Goldstrand hoch. Sie bietet täglich von 16.30 bis 17  Uhr und von 22 bis 22.30 Uhr kostenlos Sangria an. ­Ansonsten kann man den Fünf-Liter-Eimer für 22,50 Euro kaufen. Dazu gibt es T-Shirts mit dem Aufdruck »Auswärts Asozial« des Sängers Killermichel, der mittlerweile ebenfalls Dauergast in Bulgarien ist. Auch er war während der Freibier­aktionen von Hüftgold in Mallorca dabei und feuerte die Menge zusammen mit ihm an. Zuvor hatte er bereits andere Freibieraktionen mit etwas weniger Bierdosen veranstaltet.

Zur diesjährigen Fußball-WM der Männer brachte Killermichel mit seinem Kollegen Pepe Palme das Lied »Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da« heraus. Der Titel ist an den Spruch deutscher Fußballhooligans angelehnt, den man häufig in Stadien hört beziehungsweise während der die Spiele begleitenden Ausschreitungen. In seinem Webshop verkauft Killermichel jede Menge Fanartikel, die an die ­Fußball-Ultra-Kultur erinnern, zum Beispiel ein bedrucktes T-Shirt, das eine stilisierte Frau mit zwei Bengalos in der Hand zeigt, oder Schals mit dem Schriftzug »Killermichel Ultras«. Fußballfans, Ultras, aber auch Hooligans sind fester Bestandteil der deutschen Partyurlaubsszene in Mallorca. Hin und wieder kommt es zu Schlägereien ­unter verschiedenen Fangruppen.

Herbal Highs und Viagra
Auf den Promenaden des Goldstrands versuchen Angestellte der zahlreichen Clubs, den Urlauberinnen und Urlaubern eine Karte für die am Abend ­folgenden Partys zu verkaufen. Eine junge Frau mit weit ausgeschnittenem Top will die Karten einer Gruppe junger Männer andrehen – Sauf- und Sex­touristen sind die Zielgruppe. Ein Deutscher erzählt, dass es in den Clubs durchaus vorkommen kann, dass Frauen, die Männer antanzen, dafür und für alles Weitere Geld verlangen. Im Sexshop neben dem Erotikclub »Malibu« kann man »Herbal Highs« und Viagrapillen kaufen.

In vielen Restaurants wird der »Schopska-Salat« angeboten, bestehend aus Tomaten, Zwiebeln, Paprika, Gurken, geriebenem Weißkäse und Oliven – die Farbgebung erinnert an die bulga­rischen Nationalfarben weiß, grün, rot. Der Salat war 1956 speziell vom staat­lichen Unternehmen »Balkantourist« entwickelt worden. Ansonsten finden sich viele Fast-Food-Läden am Goldstrand.

Das Ferienparadies, das auch einen »Bierkönig Bulgaria« beherbergt, ist ­jedoch nicht nur ein Sauferlebnispark. Auf der Hälfte des etwa 3,5 Kilometer langen Strands finden sich eher ältere Menschen und Familien, im anderen Teil vergnügen sich die Jüngeren bei Kampftrinken und Ballermann-Partys. Vor einigen Jahren wurde auf den ­Promenaden ein im Maßstab 1:10 dem Eiffelturm in Paris nachempfundenes Gebäude erbaut, das als Aussichtsturm und Cocktailbar dient. Von dort aus kann man das Treiben gut beobachten. Oder sich auf ruhigere Abschnitte an der bulgarischen Schwarzmeerküste in weiter Ferne konzentrieren.