Die neue Serie von »Simpsons«-Schöpfer Matt Groening, »Disenchantment«

Keinen Bock auf Zwangsheirat

Der Schöpfer der »Simpsons«, Matt Groening, präsentiert seine neue Serie für Netflix. »Disenchantment« entwirft ein mittelalterliches Fantasy-Reich, das von den Eskapaden der selbstbewussten Königstochter erschüttert wird.

Es gibt wohl kaum eine Cartoonserie, die sich tiefer in die Annalen der ­Populärkultur eingeschrieben hat als »Die Simpsons«.

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Obwohl die Serie ab der achten Staffel qualitativ nachgelassen hat, ist die Familie um ­Homer, Marge, Lisa, Bart und Maggie eine Ikone des komischen Fern­sehens. Matt Groening hat mit »Die Simpsons« ein monumentales Werk erschaffen, das maßgeblich großartige Zeichentrickserien wie »Adventure Time«, »BoJack Horseman« oder »Steven Universe« vorbereitet hat. Zwangsläufig musste sich Groe­nings nachfolgende Serie »Futurama« den Vergleich mit den »Simpsons« gefallen lassen, und auch seiner am 17. August auf Netflix angelaufenen Serie »Disenchantment« ergeht es nicht anders.

»Die Simpsons« wurden als Gegenentwurf zu den domestic comedies der achtziger Jahre konzipiert, in denen die bürgerliche Kleinfamilie ein Ort des Heils und der Liebe war und nicht etwa ein Sumpf aus Neurosen und toxischen Abhängigkeiten. Das im Jahr 3000 angesiedelte »Futurama« hingegen ist eine Auseinandersetzung mit den klassischen Tropen der Science Fiction, in denen ein Pizzalieferant aus dem New York des frühen 21. Jahrhunderts durch die verwirrende Zukunft manövrieren muss.

Im zauberhaft animierten Dreamland kann man sich nicht nur verlieren, es bietet ähnlich wie Springfield oder Neu-New York auch Platz für zahlreiche interessante Nebencharaktere.

Nach Gegenwart und Zukunft, nach domestic comedy und Science Fiction führt Groening seine Zuschauer mit »Disenchantment« nun in die mittelalterlich anmutende Fantasy-Welt der Königreichs Dreamland, das von dem rüpelhaften und ungebildeten König Zog (John DiMaggio) und seiner zweiten Frau, einem kaltherzigen Reptilienwesen mit russischem Akzent namens Oona (Tress MacNeille) regiert wird. Die Parallelen zu Donald und Melania Trump sind deutlich und bisweilen sogar zu aufdringlich. Die Protagonistin der Serie ist Zogs eigensinnige Tochter. Prinzessin Tiabeanie, genannt Bean (Abbi Jacobson), ist deutlich stärker an Prügeleien, übermäßigem Alkoholkonsum und Geschlechtsverkehr mit mutigen Männern, die keine Angst vor dem Zorn des Königs haben, interessiert als an den Aufgaben, die ein Fantasy-Setting nun einmal für eine Prinzessin vorsieht.

Auf der Flucht vor der arrangierten Heirat mit einem aus inzüchtiger Ehe hervorgegangenen Prinzen – denn wo wäre eine aktuelle Fantasy-Parodie ohne »Game of Thrones«-Referenz – stolpert sie über den Elfen Elfo (Nat Faxon), der seinem zucker­süßen kleinen Dorf Elfwood den Rücken gekehrt hat. Elfwood ist ein überzogen gezeichnetes Schlumpfhausen, in dem jeder der Bewohner eine einzige ihn auszeichnende Eigenschaft hat, die seine komplette Existenz determiniert und schon im ­Namen angelegt ist (»Shocko« oder »Kissy« beispielsweise), und in der alle permanent damit beschäftigt sind, »den ganzen Tag Süßigkeiten zu produzieren, um Süßigkeiten zu verdienen«. Elfwood ist die niedliche Diktatur der Angepassten.

Die Naivität und Gutmütigkeit Elfos wird kontrastiert von dem katzenhaften Dämon Luci (Eric Andre), der Bean von einer Geheimloge aus Magiern mit vorläufig unbekannten Motiven zugespielt wurde, um sie zu korrumpieren. Elfo und Luci sind das Engelchen und das Teufelchen auf den Schultern der Prinzessin.

Ihren Charme entwickelt die Geschichte erst im Laufe der zehn Folgen, die bislang auf Netflix angeboten werden. Man lernt zum Beispiel, dass der König, ähnlich wie Homer Simpson, zu echter Liebe für seine Tochter fähig ist. Einmal bringt er sogar den Satz »Ich bin stolz auf dich« über die Lippen. Im zauberhaft animierten Dreamland kann man sich nicht nur verlieren, es bietet ähnlich wie Springfield oder Neu-New York auch Platz für zahlreiche Nebencharaktere, von denen man sich wünscht, dass sie in kommenden Staffeln weiter ausgearbeitet werden.