Keine typischen Mädchen: The Slits waren eine der ersten Punkbands, die nur aus Frauen bestand

Am Anfang war der Rhythmus

Die Dokumentation »Here to Be Heard: The Story of the Slits« erzählt die Geschichte der Musikerinnen.

Wo warst du am 4. Juni 1976? Wer was auf sich hält und alt genug ist, um damals im Norden Englands gelebt zu haben, wird auf diese Frage nur eine Antwort haben. Und die kommt – sorry, das muss jetzt sein – wie aus der Pistole geschossen: Bei den Sex Pistols in der Lesser Free Trade Hall zu Manchester, Eintritt 50 Pence.

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Heute wird das Konzert gern als »gig that changed the world« bezeichnet. Auf den wenigen unscharfen Schwarzweiß-Fotos, die erhalten sind, sieht man ein paar Dutzend Leute vor der Bühne, meist männlich, meist langhaarig, die Jeansjacken, Karohemden und Pullunder tragen. Einer der Pullunderträger könnte Mark E. Smith sein, seine Anwesenheit ist verbürgt, er ging danach nach Hause und gründete seine Band The Fall.

Im Grunde gründete jeder, der bei diesem Konzert war, später eine Band: Peter Hook und Bernard Sumner wurden eine Hälfte von Joy Division, Pete Shelley und Howard Devoto formierten die Buzzcocks und Tony Wilson machte seine Plattenfirma Factory Records auf. Ein Teenager namens Stephen Patrick Morrissey war auch anwesend. Und Mick Hucknall ist der rothaarige Beweis dafür, dass man auch die falschen Schlüsse ziehen kann aus einem Sex-Pistols-Konzert: er wurde Sänger von Simply Red.

Keine Frauenband war so früh so »outside of everything« wie die Slits, und das nicht nur was das Geschlecht, sondern auch was den Sound angeht.

Je länger das Ereignis zurückliegt, desto mehr Leute behaupten, dabei gewesen zu sein; Woodstock war eine Gartenparty im Vergleich zum Konzert der Sex Pistols in Manchester. Je länger ein Pop-Ereignis zurückliegt, desto größer wird rückblickend seine Bedeutung, das gilt besonders für Punk-Phänomene. Da ist nicht nur eine Portion Nostalgie oder »Retromania« (wie es der Autor Simon Reynolds nannte) im Spiel, sondern auch reichlich Geschichtsklitterung. Was damals eine Handvoll Eingeweihte interessiert hat, wird post festum zur Weltrevolution hochgejazzt.

Jetzt also »Here to Be Heard: The Story of the Slits«, ein Film von William E. Badgley, gemacht im genreüblichen Rockumentary-Format, das heißt: talking heads, Zeitkolorit, Konzertaufnahmen und so weiter. An filmischer Raffinesse war dem Regisseur nicht gelegen, verwackelte Bilder, scheppernder Sound und Gesprächspartnerinnen, die auf irgendeiner dunklen Treppe hocken – offenbar wollte Badgley den punkigen Geist seines Gegenstands filmisch verdoppeln. Dem Erkenntnisgewinn tut das allerdings keinen Abbruch, der Film ist ein ergiebiges Zeitdokument.

Sie waren nicht dabei, 1976 in Manchester: Ari Up, Tessa Pollitt, Viv Albertine und die Frau mit dem schönen Namen Palmolive, zusammen die Band mit dem nicht minder schönen Namen The Slits. Mit den Sex Pistols waren sie befreundet, Gitarristin Viv Albertine spielte mit Sid Vicious bei den Flowers of Romance (was später der Titel eines Songs von Public Image Limited werden sollte, da war Vicious schon tot). Der Name The Slits gefiel Ende der Siebziger nicht jedem. Auf Tour wurden sie aus dem Hotel geschmissen, wegen des Bandnamens, geschrieben auf einem Koffer, der sei pornographisch. Warum Slits? Palmolive, die Schlagzeugerin: »It’s a vicious Name.« Ari Up, laut Viv Albertine eine Sängerin »equal to Johnny Rotten«: »Slits hat drei Bedeutungen: die Erste ist, jemanden aufschlitzen. Die zweite: der Schlitz bei einem Rock. Und die dritte: … «

Die Pünktchen stehen für das ­Unsagbare, und schon in den ersten Minuten von »Here to Be Heard« wird klar, wie viel 1977 noch unsagbar, unerhört und undenkbar war. »Die Leute hatten Angst vor den Slits«, erklärt Vivian Goldman, gefragte Punk-Historikerin. Kastrationsangst? Palmolive: »If men don’t like us to be free, that’s their problem, if they don’t like it they can fuck off.« Was wohl viele Männer getan haben – aber nicht alle. Tessa Pollitt – sie spielte den für den Slits-Sound so essentiellen Bass – blättert mit Plastikhandschuhen in alten Zeitungen und zeigt ein Foto. »Meine Jeans ­haben einen Riss auf der Gesäßtasche, das waren die Jeans, die Ari trug, als sie von einem Typen mit einem Messer attackiert wurde. Der ging auf sie los und sagte: ›Here’s a slit for you‹. Du brauchtest Mut, um so rumzulaufen.« Rumzulaufen mit zerrissenen Klamotten, die notdürftig von Sicherheitsnadeln zusammengehalten werden. Heute ist es Routine, die Punks mit ihrer zerrissenen Kleidung als Sinnbild einer zerrissenen Gesellschaft zu deuten, zerrissen von einer Politik, deren mächtigste Protagonistin den Riss in der Gesellschaft forcierte, indem sie deren Existenz dementiert: »There is no such thing as society«, der Signatursatz von Margaret Thatcher. Die Iron Lady wird zwar erst 1979 Premierministerin, wirft aber ihren langen, eisernen Schatten voraus auf ein Großbritannien, das sich noch nicht vom Zweiten Weltkrieg erholt hat. Durch ein steingraues, ruinöses, zertrümmertes London staksen die jungen Punkzombies mit ihren eckigen, knochigen Körpern, als wollten sie Thatchers Credo unterstreichen: nein, es gibt keine Gesellschaft, jedenfalls keine, die uns haben will, und keine, zu der wir gehören wollen. Gleich am Anfang des Films fallen Schlüsselsätze, die für den frühen Punk allgemein gelten, besonders aber für die Slits: »Rebel against everything«, »outside of everything«. Das liest sich heute wie Turnschuhwerbung zum Weggähnen, leuchtet in Badgleys Doku aber sofort ein.

»Outside of everything« sind die Slits schon mal qua Geschlecht, eine Frauenband unter Männern. Nach gängiger Geschichtsschreibung ist Punk/Post-Punk vor allem in England die erste Bewegung der Popgeschichte, in der Frauen sich mehr ­herausnehmen, als ihnen von der Musikindustrie und gesellschaftlichen Konventionen zugedacht ist, also mehr sind als die sensible Singer-Songwriterin oder die sexy … ja, was eigentlich? Schon die Worte, die man(n) für Frauen in Popberufen fand, erzeugen Brechreiz.

 

Rockröhre? Frontfrau? Heulboje? Ja, es gab Rockbands, die nur aus Frauen bestanden: Fanny, die Runaways, aber hinter denen standen stets Männer, die die Strippen zogen. Dirty old men wie Kim Fowley, der sich die Runaways ausgedacht hatte, aber nicht verhindern konnte, ja ungewollt dazu beitrug, dass eine Joan Jett zur prollig-glamourösen großen Schwester von Riot Grrrl wurde – Kontingenz, Baby!

Im Zuge von Punk entstehen in England reihenweise Frauenbands beziehungsweise von Frauen geprägte Bands, die mit Rollenkonventionen brachen: X-Ray Spex, Delta Five, Essential Logic, The Modettes, The Au Pairs, The Raincoats, deren Mitgründerin Gina Birch sich im Film ausdrücklich auf die Slits beruft, auch Siouxsie & The Banshees, die dank Siouxsies Sexappeal die größte Reichweite hatten. Aber keine Frauenband war so früh so »outside of everything« wie die Slits, und das nicht nur was das Geschlecht, sondern auch was den Sound angeht. Tessa Pollitts Bass war die Basis, ansonsten galt für die Slits: »In the Beginning There Was Rhythm!« Mit diesem von Ari Up maximal alarmierend herausgerufenen Mantra beginnt der gleichnamige (Nicht-)Hit der Slits, und mit diesem Ausruf beginnt auch »Here to Be Heard«. Phonetisch korrekt ausgeschrieben müsste es allerdings heißen: »In the Beginning There Was Riddim!«

Die von Eingewanderten aus der ehemaligen britischen Kolonie Jamaika importierte Riddim-, Soundsystem- oder schlicht Bass-Culture gehört in Großbritannien seit den fünfziger Jahren zur schwarzen Subkultur, erreicht aber erst in den Sieb­zigern via Punk und New Wave ein breiteres, nichtschwarzes Publikum.

(Post-)Punkbands wie The Clash, The Members, The Mekons oder Gang of Four nahmen Reggaesongs auf und experimentieren mit Dub, britische Reggaegruppen wie Steel Pulse oder Matumbi feierten bescheidene Erfolge außerhalb der durchgängig ethnisch markierten Nische. In diesem Klima des Wandels machten die Schlitze einen Schnitt. »Cut«, das Debütalbum der Slits, erscheint 1979, für Kathleen Hanna, Sängerin von Bikini Kill und Le Tigre, ist es die Platte ihres Lebens, für die männlich-weiß dominierte Rock-Geschichtsschreibung ist »Cut« das possierliche Kuriosum neben den Punk-Monolithen »Never Mind the Bollocks«, »London Calling« oder »Entertainment!«. Don Letts kommt der Sache schon näher. Der 1956 in London als Sohn jamaikanischer Eltern gebo­rene Allrounder war es, der als DJ im Roxy die junge Punkszene mit Dub und Reggae bekanntmachte, später als Filmemacher und Entrepreneur den Influencer avant la lettre gab und Punk karibifizierte. Dieser Don Letts wird in einem hübschen Filmmoment vorgestellt als einer, der »versuchte, die Slits zu managen«. Es blieb beim Versuch. Letts wendet sein Scheitern als Manager der Unmanage­baren positiv: »They were this Avantgarde-Afro-Jazz-Punk-Motherfucking group that no one could touch.« Prosaischer gesagt: Mit »Cut« gelang den Slits ein Wunderwerk dubfeministischer Klangästhetik.

»Hätten die Slits weitergemacht mit Up-Tempo-Gitarrensongs wie ›Shoplifting‹, sie hätten groß werden können, aber das wollten sie nicht, sie wollten etwas ganz Spezielles«, sagt Adrian Sherwood, als Produzent eine der Schlüsselfiguren der »punky reggae party«, von der Bob Marley sang: »New wave, new rave / Wailers be there / The Dammed, The Jam, The Clash / May­tals will be there / Doctor Feelgood too, ooh / No boring old farts will be there / And it’s a punky reggae party.« Eine Herrenparty also. Vivian Goldman korrigiert: »In der ursprünglichen Version des Songs kamen die Slits vor«, weiß der Himmel, warum Marley sie wieder aus dem Song verbannt hat.

Aber was ist das, eine dubfeministische Klangästhetik? Wenn Gang of Four Dubelemente und die Augustus-Pablo-Gedächtnis-Melodica verwenden, dann gelten sie als eine Rockband, die Fremdes integriert. Wenn The Clash Reggaesongs spielen, dann sind sie immer noch eine Rockband, die mal was anderes probiert. Die Slits gehen freier um mit ihrer Liebe zur jamaikanischen Musik als andere Bands ihrer Zeit: sie spielen herum, singen dialogisch, fallen einander ins Wort und ließen mehr Lücken zu, ganz im Sinne ihrer nobelpreisverdächtigen oder besser John-Cage-preisverdächtigen Songzeile: »Silence is a rhythm too«. So bleibt »Cut« ein Paradox: Wie kein anderes Album spiegelt es seine Entstehungszeit, das wilde Durcheinander der Tribes and Styles, das sich erst rückblickend als das identifizieren lässt, was man gern als »Aufbruch« bezeichnet. Und wie kein anderes Album transzendierte es seine Entstehungszeit, auf ihm finden sich keine Punkrock-­Signatursounds, kein Stempel »Made in 1979«. Aber das lag natürlich alles nur an Dennis. Dennis ist Dennis Bovell, 1953 auf Barbados geboren, Bassist und Gitarrist von Matumbi und als Produzent verantwortlich für die besten Platten von so unterschiedlichen Leuten wie Linton Kwesi Johnson und Orange Juice. »Das hat Dennis gemacht«, zitiert eine resignierte Tessa Pollitt die Kommentare zu »Cut«.

Dass vier Frauen ohne männliche Hilfe so eine Musik hinbekommen, das wollte 1979 keiner so recht glauben.
Bei aller misogynen Geringschätzung ihrer Arbeit würden die überlebenden Slits – Sängerin Ari Up starb 2010 an Krebs – die Zuschreibung (dub-)feministisch aber vermutlich zurückweisen. Tessa Pollitt und Viv Albertine, die mittlerweile Buchautorin ist, sind im Verlauf ihrer gut 60 Lebensjahre diverse Feminismen begegnet. Der erste kam in den Siebzigern in Gestalt von weiblichen Hippies daher, und von denen mussten sich junge Punks distanzieren, gut möglich, dass das F-Wort dadurch bis heute kontaminiert ist. Möglich aber auch, dass Frauen, die vor 40 Jahren auf die Idee kamen, ihre Band »Die Schlitze« zu nennen, Erfahrungen mit Degradierungen, Verletzungen und Gewalt gemacht haben, die sie heute nicht im Namen eines Me-Too-Feminismus teilen möchten. Davon erzählt Viv Albertines großartige wie tragikomische Autobiographie »Clothes, Clothes, Clothes, Music, Music, Music, Boys, Boys, Boys.«

»Here to Be Heard: The Story of the Slits« ist kein kinematographisches Wunderwerk, aber ein gutes Gegengift. Hier kommt nicht das Manchester-Heldengefühl auf, oder das, was Jello Biafra mal »Nostalgia for an age that never existed« nannte – eher Wehmut. Was hätte sein können und was ist jetzt? Bei einem Auftritt der Slits tanzt ein 14jähriges Mädchen mit orangegefärbten Locken auf der Bühne. »Es war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft«, sagt Viv Albertine. »It was a dream come true«, sagt das Mädchen in Orange und preist heute die Pionierverdienste der Slits, der originalen »punky reggae party«. Ihr Name ist Neneh Cherry.

P.S.: In den Neunzigern gab es in den USA eine frauendominierte Band, die sich »Loch« nannte. Ihr Album »Live Through This« wurde ein Hit. Aber das lag natürlich alles nur an Kurt.

 

Here to Be Heard: The Story of the Slits. (GB 2017) Regie: William E. Badgley