Auch der digitale Kapitalismus macht krank

Digital ist auch nicht besser

Kapitalismus macht krank. Das gilt auch in der digitalen Arbeitswelt, wie eine neue Studie der Universität Augsburg zeigt.

Schon Aristoteles träumte von einer Zukunft, in der »ein jedes Werkzeug in der Lage wäre, entweder auf einen Befehl hin oder indem es einen Befehl im Voraus bemerkt, sein Werk zu voll­führen«. Der Philosoph der griechischen Antike glaubte, »wenn auf diese Weise die Weberschiffchen selbst webten, dann benötigen wohl weder die Baumeister Handlanger noch die Herren Sklaven«.

Hauptursache für den Stress ist nach Einschätzung der Forscher das Ungleichgewicht zwischen den Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Technolo­gien und den Anforderungen, die diese an die Arbeitnehmer stellen. Die Schlussfolgerung der gewerkschaftlich geförderten Studie lautet jedoch nicht etwa, dass man die Technik an die Bedürfnisse der Menschen anpassen müsse, die mit ihr arbeiten.

Die Automatisierung der Arbeit ist längst Realität, durch die fortschreitende Digitalisierung erreicht sie ganz neue Dimensionen. Die Werkzeuge sind untereinander vernetzt, geben sich gegenseitig Befehle und nehmen dem Menschen nicht nur einfache Arbeitsschritte, sondern auch komplexe Auf­gaben und Berechnungen ab. Was Aristoteles – dem die Sklaverei als selbstverständlich galt – sich jedoch vermutlich kaum hätte vorstellen können, ist, dass damit nicht das Ende von Plackerei und Ausbeutung einhergeht, sondern die fortschreitende Automatisierung stattdessen unter kapitalistischen ­Bedingungen mit steigender Arbeitsbelastung, psychischen Erkrankungen, Stress und Hetzerei verbunden ist. Statt weniger Arbeit und mehr Freizeit bedeutet die Automatisierung von Arbeitsprozessen im Kapitalismus meist mehr Arbeit in weniger Zeit. Die Menschen haben sich dem Tempo der Maschinen unterzuordnen – mit entsprechenden gesundheitlichen Folgen für die Betroffenen.

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Das gilt auch hinsichtlich der Digitalisierung, wie eine neue Studie zum Phänomen des digitalen Stresses zeigt. In Zusammenarbeit mit der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung befragte die Universität Augsburg in der bisher größten repräsentativen Studie zum Thema mehr als 2 600 Lohnabhängige aus verschiedenen Branchen und Tätigkeitsfeldern zu den gesundheitlichen Belastungen in der digitalen Arbeitswelt. Dabei mussten die Teilnehmenden zunächst Auskunft darüber geben, welche Technologien sie in welcher Häufigkeit bei der Arbeit nutzen. Anschließend wurden Faktoren wie Krankheitstage und Stressempfinden abgefragt.

Die Studie zeigt, dass Arbeitnehmer mit hohem digitalen Stress häufig auch gesundheitlich beeinträchtigt sind. So leidet mehr als die Hälfte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich einem hohen digitalen Stress ausgesetzt sehen, unter Rückenschmerzen, Kopfschmerzen oder allgemeiner Müdigkeit. Unter regelmäßigen Kopfschmerzen leiden 55 Prozent der stark digital Gestressten, aber nur 30 Prozent der weniger Belasteten. Körperlich ­erschöpft sind 38 Prozent von ihnen, 22 Prozentpunkte mehr als bei den ­weniger Gestressten. Sogar um 25 Prozentpunkte erhöht ist der Anteil der­jenigen, die mit nächtlichen Schlafstörungen zu kämpfen haben, und auch der Anteil derer mit sogenannter emotionaler Erschöpfung liegt 27 Prozentpunkte höher als bei den weniger Gestressten.

»Digitaler Stress hat viele Seiten«, heißt es in der Studie. Neben der Angst, durch die Digitalisierung den Arbeitsplatz zu verlieren, gehören die Unsicherheit der Beschäftigten im Umgang mit immer neuen Arbeitsmitteln, die Unzuverlässigkeit der Technik, die Komplexität der Systeme und die Arbeitsflut durch elektronische Systeme zu den wesentlichen Stressfaktoren. In besonderem Maße von digitalem Stress betroffen sind weibliche Beschäftige, was unter anderem daran liegt, dass der Digitalisierungsgrad der Arbeitsplätze der befragten Frauen um 16 Prozent höher ist als bei denen der Männer. Besonders ausgeprägt ist der digitale Stress bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zwischen 25 und 34 Jahren, gefolgt von der Gruppe der 35- bis 44jährigen.

Hauptursache für den Stress ist nach Einschätzung der Forscher das Ungleichgewicht zwischen den Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Technolo­gien und den Anforderungen, die diese an die Arbeitnehmer stellen. Die Schlussfolgerung der gewerkschaftlich geförderten Studie lautet jedoch nicht etwa, dass man die Technik an die Bedürfnisse der Menschen anpassen müsse, die mit ihr arbeiten, oder gar, dass die Beschäftigten von den aus der Digitalisierung entstehenden Produktivitätszuwächsen, zum Beispiel durch Verkürzung der Arbeitszeit oder Senkung der Arbeitsintensität, profitieren sollten. Statt der Beseitigung der Ursachen steht bei den Forschern die Krankheitsprävention im Mittelpunkt. Durch verhaltens- und verhältnispräventive Maßnahmen sollen »Fehlbeanspruchungen durch digitalen Stress« vermieden werden. Unter Verhältnis­prävention verstehen die Wissenschaftler vor allem einen optimierteren Einsatz digitaler Technik, etwa durch einen besseren Support, höhere Benutzerfreundlichkeit und Verlässlichkeit, und sehen dabei die Unternehmen in der Pflicht. Bei der Verhaltensprävention – »der Vermittlung und dem Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien und in der Bewältigung von digitalem Stress« – sind hingegen auch die Beschäftigten gefragt.

Nicht um weniger Stress und Arbeitsverdichtung geht es also, sondern um einen besseren Umgang damit und um eine höhere Anpassung der Beschäftigten an die Maschine. Die Ratschläge der Forscher liegen damit ganz auf ­Linie verschiedener Unternehmensratgeber. Das Online-Unternehmens­portal Impulse beispielsweise empfiehlt zum Abbau des digitalen Stresses Übungen zur »Selbstdisziplin und ­Impulskontrolle« und legt den Gestressten statt der Überwindung der Pro­duktionsverhältnisse, die sie krank machen, »Yoga, Pilates, Aufmerksamkeitsübungen« und »progressive Muskelentspannung« nahe.