Der Sponsor und Vorsitzende des Fußballclubs Tennis Borussia Berlin drängt Kritiker aus dem Verein

Punktsieg gegen die Fans

Eine Mitgliederversammlung beim ehemaligen Fußballbundesligisten Tennis Borussia Berlin endete mit einer Niederlage der vereinsinternen Opposition beim Versuch, einen vom Vorstand unabhängigen Aufsichtsrat zu erhalten.

Es war bereits abzusehen, dass es bei der Mitgliederversammlung von Tennis Borussia Berlin rundgehen würde.

Anzeige

Doch was sich dann abspielte, dürfte selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen haben. Aber der Reihe nach: Die Mitgliederversammlung war von Mitgliedern des Vereins, allen voran der Abteilung Aktive Fans (TBAF), satzungsgemäß durch eine Unterschriftensammlung erzwungen worden. Die Vereinsführung um den Vorstandsvorsitzenden Jens Redlich, der auch geschäftsführender Gesellschafter des Hauptsponsors Crunch Fit ist, war davon erwartungsgemäß wenig begeistert.

Neben den üblichen Tätigkeits­berichten und einer offenbar dringend nötigen Aussprache über die Arbeit des Vorstands stand die Wahl mehrerer Posten im Aufsichts- und Ältestenrat auf der Tagesordnung. Diese war nötig geworden, da im Laufe der vergangenen Monate gleich mehrfach Funktionsträger entweder vom Vorstand aus dem Amt gedrängt worden oder aber von sich aus entnervt zurückgetreten waren. Der Aufsichtsrat bestand beispielsweise zum Zeitpunkt der Mitgliederversammlung bereits seit Längerem nur noch aus zwei gewählten Mitgliedern. Ihnen waren zwar vom Ältestenrat fünf »kommissarische Aufsichtsräte« zur Seite gestellt worden, doch kam eine Zusammenarbeit nie zustande – nicht zuletzt deshalb, weil die vereinsinterne Opposition dieses Vorgehen für nicht satzungskonform erachtete und da­rüber hinaus einer der Ernannten Prokurist bei Crunch Fit, also ein ­Angestellter des Vorstandsvorsitzenden war.

An der Mitgliederversammlung von TeBe beteiligten sich rund 570 Stimmberechtigte, ein nicht unwesentlicher Teil davon allerdings nicht persönlich – eine Besonderheit der Vereinssatzung erlaubt es einem Anwesenden, bis zu drei Stimmen von anderen Mitgliedern übertragen zu bekommen.

Dass Vorstand und Opposition die Satzung nicht immer gleich auslegten, war also bereits bekannt. Dennoch war die Überraschung groß, als plötzlich über einen Vorschlag ab­gestimmt werden sollte, der vorsah, statt fünf Aufsichtsratsmitglieder nachzunominieren, gleich den ganzen Aufsichtsrat neu zu wählen – ­womit der Vorstand so ganz nebenbei auch die verbliebenen beiden kritischen Aufsichtsratsmitglieder losgeworden wäre. Erwartungsgemäß gab es lautstarken Protest. Dennoch wurde der Antrag, der später – wohl aus Furcht vor Wahlanfechtungen – wieder zurückgenommen wurde, mit großer Mehrheit angenommen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, wie die Mehrheitsverhältnisse im Saal aussahen. Wie sie zustande gekommen waren, ist, gelinde gesagt, interessant: Es beteiligten sich rund 570 Stimmberechtigte, ein nicht unwesentlicher Teil davon allerdings nicht persönlich – eine Besonderheit der Vereinssatzung erlaubt es, einem Anwesenden bis zu drei Stimmen von anderen Mitgliedern übertragen zu bekommen. Bei der vorangegangenen Mitgliederversammlung 2017 waren lediglich 69 von insgesamt rund 600 stimmberechtigten Mitgliedern zugegen gewesen. Diese Steigerung wirkt umso erstaunlicher, wenn man den 1. FC Union Berlin als Vergleich heranzieht.

Auf dessen Mitgliederversammlung im November waren 751 von mehr als 21 000 Mitgliedern anwesend.

Der Mitgliederzuwachs war offenbar nicht nur enorm groß, sondern erfolgte auch enorm kurzfristig. Noch im Dezember hatte der Verein Informationen der Abteilung TBAF zufolge überhaupt nur etwa 560 stimmberechtigte Mitglieder. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, eine weitere Besonderheit der Vereinssatzung zu erwähnen: Neumitglieder haben ohne jegliche Sperrfrist sofort Stimmrecht. Theoretisch ist es also möglich, einzutreten, abzustimmen und sofort wieder auszutreten. Zumindest bei der Anwesenheit einer Gruppe Bauarbeiter in Arbeitskleidung, die mangels deutscher Sprachkenntnisse und entsprechender Übersetzung der Versammlung überhaupt nicht folgen konnten und den gesamten Abend lieber bei Freibier im Tresenbereich verbrachten, dürfte genau diese Satzungslücke eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben.

Es wäre jedoch falsch, der Vereinsführung zu unterstellen, sie habe sich ihre am Ende mehr als deutliche Mehrheit nur erkauft – zumal ja nicht einmal klar ist, wer genau die besagten Bauarbeiter anwarb. Viel wichtiger dürfte sein, dass offenbar innerhalb des Vereins sehr erfolgreich dafür geworben worden war, Bekannte und Verwandte zum zumindest kurzfristigen Beitritt zu bewegen. So waren zum Beispiel anders als bei früheren Versammlungen auffallend viele Eltern von Jugendspielern anwesend.

Was diesen erzählt worden war, lässt sich leicht ausmalen. Auf der einen Seite steht der große Vorsitzende mit seinen Getreuen, der mit seinem Geld den sportlichen Erfolg bringt. Auf der anderen stehen die bösen Rabauken von TBAF, eine verschwindend kleine Minderheit, die den Verein zerstören will – eine Darstellung, die offenbar bei vielen Gehör fand.

Dabei handelt es sich bei der Opposition keineswegs um eine verschwindend kleine Minderheit. Die mehr als 150 Stimmen, die ihre Kandidaten erhielten, übertrafen die Zahl der überhaupt anwesenden Mitglieder bei den letzten Versammlungen. Des Weiteren handelt es sich bei den Mitgliedern von TBAF mitnichten um realitätsferne Radikalinskis, sondern um ganz normale Fußballfans, die befürchten, dass ihr Verein bereits zum dritten Mal in die Insolvenz gehen wird, weil es keinen unabhängigen Aufsichtsrat gibt, der in der Lage wäre, die Arbeit des Vorstands wirksam zu kontrollieren.

Dass genau das nicht wenigen durchaus realistisch erscheint, liegt nicht zuletzt an der Personalie Andreas Voigt. Derzeit fungiert er als Geschäftsführer und Finanzvorstand in Personalunion. Als vormaliger Vorstandsvorsitzender und späterer Geschäftsführer war er auch vor der Ära Redlich bereits eine der zentralen Figuren in der Vereinsführung. Wenn der Verein damals wirklich, wie Redlich behauptet, kurz vor der Pleite stand, müsste Voigt also eigentlich einer der Hauptverantwortlichen dafür gewesen sein. Wieso er dennoch weiterhin im Amt ist, bleibt vielen Mitgliedern ein Rätsel.

Es scheint jedoch so, als sei der Plan der Vereinsführung nicht ganz aufgegangen. Zwar wurden alle ihre Kandidaten gewählt, die praktischerweise en bloc ganz oben auf den Stimmzetteln standen. Das mediale und gesellschaftliche Echo ­jedoch ist überwältigend negativ. Noch am positivsten äußerte sich der auch für Sport zuständige Innensenator Andreas Geisel (SPD). Redlichs Vorgehen bewege sich »innerhalb der Satzung«, sagte er, wobei auch ihm wahrscheinlich bewusst ist, dass legal nicht immer dasselbe ist wie legitim.

Unterstützung für die Opposition gab es vor allem von Fußballfans zahlreicher Vereine im In- und Ausland, die das, was bei Tennis Borussia geschieht, als einen neuerlichen Höhepunkt einer Entwicklung sehen, in der Investoren und Sponsoren immer mehr, Fans und Mitglieder hingegen immer weniger Einfluss haben.

Wem gehört der Fußball? Kaum eine Frage bewegt die Fußballwelt derzeit mehr als diese. Gehört er denen, die das Geld geben, oder denen, deren Lebensinhalt er ist? Der Konflikt bei Tennis Borussia wird diese Frage sicher nicht abschließend beantworten. Für den Moment jedoch haben die Geldgeber einen weiteren Punktsieg erlangt.