Russlands Comeback als Großmacht

Ein blutiger Betrug

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Trump ist der Nahe Osten herzlich egal

Trump und Erdogan haben in Bezug auf Syrien gegenüber den Iranern eines gemeinsam: Das geschundene Land dient ihnen nur als Bühne für Innenpolitik. Mehr interessiert sie daran nicht. Erdogan hat das Problem einer zerfallenden Partei, einer wirtschaftlichen Krise, ihn bedrängt der Verlust der großen Städte bei den Kommunalwahlen, die als Futtertröge für seine Kader dienten, und die Unpopularität der syrischen Flüchtlinge bei seinen eigenen Wählern. Vor allem muss er aber ein Bündnis zwischen den Kurden und seinen national türkischen Opponenten fürchten, wie die letzten Wahlen deutlich gezeigt haben. Ihm bleibt, die nationalistische Welle zu reiten. Der Sultan führt in Syrien den Krieg um sein Überleben in Ankara.

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Trump ist der ganze Nahe Osten herzlich egal. Außer er kann einen guten Spruch darüber machen. Auf dem Weg zu einer Wahlkampfveranstaltung in Houston kündigte er den kurzfristig ausgehandelten Waffenstillstand zwischen seinen Emissären und Erdogan per Twitter in seiner unnachahmlichen Manier an: „Dies ist ein großartiger Tag für die Zivilisation.“ Er sprach von einem „Deal“ wie sein eigenes Klischee, so als sei im Übrigen überhaupt irgendetwas verhandelt worden, was über die vereinbarte Laufzeit von 5 Tagen Bestand haben könnte. Und er sprach von „tough love“.

Der „Deal“ Trumps mit Erdogan hat mit seinen fünf Tagen genau die Dauer gehabt, die Zeitspanne zu überbrücken, bis der türkische Präsident zu Putin nach Sotschi fährt.

Den Gedanken führte er wenig später bei seiner Rede in Dallas vor jubelnden Fans aus: „Manchmal muss man sie kämpfen lassen, wie zwei Kinder in einem Tumult. Man muss sie kämpfen lassen, und dann zieht man sie auseinander.“ Die Verhandlungen der USA mit der Türkei waren in Wahrheit wohl eher eine Mischung aus Augenwischerei und Zeitgewinn, es ging darum, den Trump-Kritikern etwas Wind aus den Segeln zu nehmen.

Erdogan bekommt, was er will

Die schnell ausgehandelte Übereinkunft gibt Erdogan im Grunde genommen alles, was er will. Aus welchem Territorium genau sich die YPG zurückziehen soll, war so schwammig formuliert, dass man nachher trefflich darüber streiten konnte. Der Syrienbeauftragte Trumps, James Jeffrey, gab eine Pressekonferenz, in der er, zumal als alter Offizier, eine verheerende Lage umriss: „Wie Sie wissen, haben wir eine sehr verwickelte Situation mit russischen, syrischen, türkischen, amerikanischen, SDF- und einigen Daesh-Elementen [IS], die alle auf sehr wilde Weise herumschweben, und wir sind am meisten besorgt, unsere Truppen aus dem Weg zu bekommen“. Noch im September hatte Jeffrey entschieden davon gesprochen, Trumps erste Ankündigung eines Abzugs aus Syrien Anfang 2019 sei „völlig missverstanden“ worden.