Homophobie in Russland

Leugnen und verschweigen

In Russland wird die HIV/Aids-Prävention durch reaktionäre Ressentiments behindert.

Das bei Moskau gelegene »Innovationszentrum Skolkowo« ist zum Aushängeschild der Modernisierungsbestrebungen der russischen Regierung unter dem Ministerpräsidenten Dmitrij Medwedjew geworden. Einem weltoffenen Image verpflichtet, beherbergte das Zentrum Ende September die größte internationale Konferenz zur HIV/Aids-Problematik Russlands: »Pro-HIV-­2019«. Ärzte, Psychologen und Vertreter von NGOs aus verschiedenen Ländern sprachen über die Situation in Russland, wo das Thema HIV in jüngster Zeit verstärkt öffentliches Interesse fand. Besonderer Gast der Konferenz war Oksana Puschkina, eine Duma-Abgeordnete und ehemalige Fernsehmoderatorin. Als Mitglied der Kremlpartei Einiges Russland arbeitet Puschkina im Ausschuss für die Angelegenheiten von Familien, Frauen und Kindern. Die Vorsitzende des Ausschusses, Tamara Pletnjewa, Abgeordnete der Kommunistischen Partei (KPRF), plädierte kürzlich dafür, Homosexuelle zu »heilen«. Puschkina redete auf der Konferenz hingegen viel über die Vorurteile, die es zu überwinden gelte, und über eigene Bemühungen, das vom Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) entwickelte sogenannte 90-90-90-Ziel in der Politik bekannter zu machen: Bis 2020 sollen 90 Prozent aller Menschen mit HIV eine Diagnose erhalten haben; 90 Prozent der Menschen mit einer HIV-Diagnose sollen eine lebensrettende antiretrovirale Therapie gemacht und 90 Prozent der Menschen in einer HIV-Therapie eine Viruslast unter der Nachweisgrenze haben.

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Weltweit sinkt die Zahl der Aids-Toten. Russland ist aber weiter davon entfernt, das 90-90-90-Ziel zu erreichen, als westeuropäische Länder. Die Debatte über die Ursachen dafür gestaltet sich schwierig. Noch bevor Puschkina auf der Konferenz kritische Fragen über die Rolle ihrer eigenen Partei gestellt werden konnten, verabschiedete sie sich, sie musste eine weitere internationale Konferenz zur Bekämpfung häuslicher Gewalt besuchen.

Die zurückgelassenen Experten redeten zwei Tage lang über Fragen der Prävention, ohne Debatten über die politische Dimension zu vertiefen. Klagen über die Schwierigkeit, präzise Statistiken über Medikamentenresistenz zu bekommen, sind seit langem aus Fachkreisen zu hören. Derzeit mehren sich Meldungen über die erhöhte Epi­demiegefahr in den Regionen Kemerowo, Irkutsk und Jekaterinburg. Dort ist die Aids-Sterblichkeit besonderes hoch, besorgniserregend ist auch die Lage in St. Petersburg und Samara, wo eine erhöhte Medikamentenimmunität festgestellt wurde.

Nur wenige Tage nach dem Ende der Konferenz zeigte ein Gerichtsurteil ein weiteres Problem: die wachsende öffentliche Präsenz von Aids-Leugnern. Ein St. Petersburger Gericht stellte das Verfahren gegen den Priester Georgij Sytschew und seine Ehefrau Jelena ein. Das Ehepaar soll seiner HIV-infizierten Adoptivtochter die medizinische Behandlung verweigert haben, das Mädchen starb im Alter von zehn Jahren. Die russisch-orthodoxe Kirche versuchte, die Empörung über das Urteil zu dämpfen, indem sie verlautbaren ließ, der Angeklagte sei kein »Aids-Dissident«.