Leben in Berlin

»Die Luft ist raus«

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Reportage Von

»Aber Sie zeigen wirkliches Interesse an unserer Herkunftskultur und Abstammung, vielleicht weil Sie selbst Französisch sprechen«, sagt einer von ihnen. Seine Tochter habe eine Masterarbeit im Fach Soziologie über die Besucherinnen und Besucher des Restaurants geschrieben. Darin habe sie festgestellt, dass die Afrikanerinnen und Afrikaner im Stadtteil äußerst isoliert seien.

Grau wie der Asphalt, hart wie die Bordsteinkante: das Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg.

Bild:
Oliver Feldhaus
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Nach einigen Besuchen stellt er der Jungle World seine 31jährige Tochter Vanessa vor. »Eigentlich denkt man woanders vielleicht positiver, besser, ja auch schöner über seine Stadt«, sagt sie über das Ergebnis ihrer soziologischen Arbeit. In Berlin, wo sie geboren wurde, sei man »nicht unbedingt multikultureller« als in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo und Herkunftsstadt ihres Vaters. In Berlin bemerke sie ständig Spaltungen, Marginalisierung und Isolation. Es herrsche eine unausgesprochene Frustration. Eigentlich würde sie gerne die Stadt verlassen, aber in Berlin lebe nun einmal ihre Familie, sagt Vanessa. Erfahrungen mit anderen deutschen Städten habe sie kaum. Arbeitsbedingt habe sie eine Weile im Rhein-Main-Gebiet gelebt, genauer gesagt zwischen Mainz und Frankfurt am Main. Dort sei es »wirklich anders, als wäre ich in einem anderen Land«, sagt sie. Die Menschen dort tauschten regelmäßig höfliche Worte aus. Auch habe sie diese als »leistungsorientierter, weltoffener und viel mehr miteinander verbunden« wahrgenommen. Das Leben, sagt die Soziologin, sei im Westen Deutschlands »strukturierter, bejahender und ordentlicher« als in Ostdeutschland und Berlin.

»Du bist so wunderbar, Berlin«, lautet der Werbespruch einer Biermarke, die ansonsten vor allem für Kopfschmerzen am Tag nach dem Genuss bekannt ist. Dass Berlin wirklich so wunderbar ist, wie diese Bierwerbung, die vor fast jedem Film in Berliner Kinos gezeigt wird, suggerieren will, glaubt wahrscheinlich niemand. Wenn es nach dem Franzosen Maxime geht, dann ist Berlin nicht einmal ein klein wenig wunderbar. Er hat inzwischen das Gefühl, bei ihm sei »die Luft langsam raus«. Er sei ständig müde von der »täglichen eintönigen wirtschaftlichen Armut« und dem »sich stets wiederholenden Hype«.