Zum Tod des Konkret-Herausgebers Hermann L. Gremliza

Er wird fehlen

Kurz vor Weihnachten starb Hermann L. Gremliza. Der Herausgeber der Zeitschrift »Konkret« war weitaus mehr als ein glänzender Stilist.
Nachruf Von

Hermann L. Gremliza ist tot. Eine ­Woche schon. Und auf der Website von Konkret, der Zeitschrift, die er heraus­gegeben hat, steht kein Nachruf, sondern nur eine schlichte Zeile mit seinem Namen, seinem Geburtstag und dem ­Datum seines Todes: »Hermann L. Gremliza – 20.11.1940 – 20.12.2019«. Im Tod ist der Mensch allein und auf sich selbst zurückgeworfen. Es folgen Leerzeilen und die nüchterne Mitteilung: »Die Januar-Ausgabe von Konkret erscheint am 3.1.2020.« Diese Ankündigung wurde vor dem Tod des Herausgebers verfasst und veröffentlicht.

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Gremliza war, die Nachrufe der vergangenen Tage haben darauf gerne hingewiesen, ein glänzender Stilist. Wenn er auf dem Unterschied von Sippenhaftung und Sippenhaft beharrte, kritisierte, dass, statt Finesse und Raffinement zu unterscheiden, um Feinheiten, Differenzen und Genauigkeit wenig besorgte Schreiber die Raffinesse eines zumeist eher brachialen Vorgehens priesen, oder wenn er das Binnen-I aus Konkret verbannte, auch weil ihm die bequeme Gedankenlosigkeit zuwider war, mit der »Juden und Jüdinnen« zum Zwecke der Silbensparung zu »JüdInnen« erniedrigt wurden, war sein Anliegen aber nicht, »gutes« oder gar »richtiges« Deutsch für Kenner und Besserwisser zu propagieren. Er wollte nicht Sprachpapst sein und hatte auch keine pädagogische Attitude. Er verstand es vielmehr, wie Georg ­Fülberth in seinem Nachruf bemerkte, »die Sprache als Beobachtungsstation von Gesellschaft zu nutzen«.

Gremliza beobachtete die Gesellschaft, insbesondere die deutsche, und ihre Entwicklung, er konnte sie erklären und kritisieren, er wollte aber auch intervenieren – mit seinen Mitteln. Und dazu gehörte nicht allein seine Fähigkeit, geschliffen zu formulieren und, wie Dietmar Dath in der FAZ würdigte, Arbeiten zu verfassen, »die man so gern wieder liest, selbst, wo man nicht einsehen mag, was sie lehren«. Gremliza zog Menschen an, brachte sie zusammen, diskutierte, aß und trank mit ihnen, gab ihnen Chancen, ohne sie gleich anzuleiten.

Als Herausgeber war Hermann L. Gremliza jemand, der gerne Möglichkeiten eröffnete – und vergleichsweise selten eine klare Trennung vollzog.

Die Liste der Redakteurinnen und Redakteure, der Volontäre, Praktikantinnen und Praktikanten, die für Konkret gearbeitet haben, um dort etwas von Gremliza zu lernen, ist lang. Sie wollten auch zu der damals wie heute einzigartigen und höchst heterogenen Zeitschrift beitragen, in der auf Grundlage eher orthodox kommunistischer Positionen Ansätze der Behindertenbewegung, unterschiedliche feministische Theorien, autonome und anarchistische Konzepte und auch linksökologische Strömungen diskutiert wurden, um nur einige zu nennen.
Für manche sind die Wochen, Monate und manchmal Jahre bei Konkret ­eine Marginalie in ihrer Vita geblieben, für andere haben sich durch oder sogar in Konkret neue Perspektiven ergeben. Als Herausgeber war Gremliza jemand, der gerne Möglichkeiten eröffnete – und vergleichsweise selten eine klare Trennung vollzog. Konkret ist, seit Gremliza 1974 den »Neuen Konkret Verlag« gründete, deswegen bis heute ein Blatt, in dem eine große Zahl linker Autoren und (lange Zeit deutlich seltener) Autorinnen der verschiedenen Strömungen und Fraktionen sich äußern und analysieren, miteinander streiten und gegeneinander polemisieren. Zugleich bewahrten Herausgeber und Zeitschrift stets auch Distanz zu den Organisationen und Institutionen der radikalen und etwas weniger radikalen Linken, zu den neuen sozialen Bewegungen, um die teilnehmende Beobachtung bei Bedarf aufgeben zu können: So geschah es, als in der Friedensbewegung der frühen achtziger Jahre antiamerikanische und deutschnationale Positionen an Bedeutung gewannen und als in der Bewegung gegen den Golfkrieg mit den irakischen Raketenangriffen auf Israel auch das antisemi­tische Ressentiment bei manchen Fraktionen der Linken durchbrach.

Dass es in den scharfen Auseinandersetzungen, die es zwischen Konkret und linken Bewegungen gab, immer wieder zentral um das Verhältnis Deutschlands zu seiner fortlebenden Vergangenheit ging, kann nicht überraschen. Die deutsche Vereinigung war für Gremliza und für Konkret insofern eine Zäsur, die allerdings nicht überraschend kam. Dass Gremliza angesichts dieser Zäsur den Versuch, eine »Radikale Linke« zu formieren und die Politik des »Deutschland? Nie wieder!« aktiv unterstützte, zeigte, dass er auch anderes konnte und wollte, als politischer Kolumnist zu sein. Auch sein Engagement für das Vorhaben, aus dem FDJ-Blatt Junge Welt eine linke bis linksradikale Alternative zur Taz zu entwickeln, führt vor Augen, dass er trotz des Wiedererstarkens des großen Deutschlands nicht den Weg in eine verbitterte Resignation ging, sondern viel Energie und zahlreiche Ideen in neue Projekte steckte. Dass sich daraus schließlich die Jungle World entwickeln und die Junge Welt in ihrer derzeitigen Gestalt verfestigen würde, war nicht sein Plan. Aber es passte zu seiner Fähigkeit, Dingen ihren Lauf zu lassen und so Möglichkeiten zu eröffnen. Das wird auch daran sichtbar, wie er über die Jahre sein Wirken in Konkret veränderte, dessen Geschäfte von Katrin Gremliza geführt werden, und dessen Redaktion sich deutlich verjüngte.

So kurz nach Hermann L. Gremlizas Tod kann ich ihn und sein Wirken nicht umfassend würdigen, es bleiben notwendig fragmentarische Anmerkungen – zumal ich selbst teilnehmender Beobachter bin und kein Unbeteiligter. Unser Verhältnis hatte sich in den vergangenen Jahren auch stark verändert: Als Herausgeber war er der Pflicht enthoben, die seltener gewordenen Texte von mir durch Kommata und zugespitztere Formulierungen treffsicherer zu machen. Dafür musste ich versuchen, durch Einsatz meines juristischen Handwerkszeugs vorauszusehen, ob seine und andere Konkret-Texte Anlass für Rechtsstreitigkeiten mit Nazis oder anderen unerfreulichen Personen der Zeitgeschichte bieten könnten, die es aus Kostengründen zu vermeiden galt. Das gab mir das Vergnügen, einige Pointen exklusiv lesen zu können, und zwang mich manches Mal zu der unerfreulichen Entscheidung, ihm von gelungenen, auch aufklärerischen Formulierungen dringend abzuraten. Er hatte mit seinen Formulierungen Recht, ich wusste nur um die möglichen Auswirkungen.

Als Günter Amendt 2011 starb, hat Gremliza in seiner Würdigung des Freundes auf eine fatale Tendenz des vereinnahmenden Nachrufgewerbes hingewiesen: »›Das Private ist politisch‹. Der Satz ist auch eine Nachricht über Günter Amendts Tod. Das private ­Unglück hat politische Folgen. Eine davon ist die hektische Aneignung dessen, der sich nicht mehr wehren kann, durch einen Betrieb, der ihn zeitlebens boykottiert und totgeschwiegen hat, so gut er konnte. Jetzt: ›Amendt, der berühmte Soziologe‹.«

Gremliza wurde nicht boykottiert und er ließ sich auch nicht totschweigen. Ihn auszugrenzen und zu stigmatisieren, versuchten aber manche. Ich möchte deswegen zum Abschluss Die Zeit zitieren, die 1984, nachdem Gremliza Manfred Bissinger als Konkret-Chefredakteur entlassen und ­damit auch Abschied vom Konzept des linkssozialdemokratischen, an der Friedensbewegung orientierten Massenblatts genommen hatte, prognostizierte, dass künftig, da nur noch Gremliza das Blatt füllen werde, »eine ­weitere linksstehende Zeitschrift in die farblose Unbeträchtlichkeit versinken wird; denn von allen Konkret-Schreibern ist Gremliza der abstrakteste, uninteressanteste – wer wird sich schon auf sein permanentes Zähneknirschen abonnieren?«

2019 wusste derjenige, der in der Zeit den Nachruf auf Gremliza formulierte, über den Verstorbenen und dessen Texte nur Wohlmeinendes zu sagen: »Es war ein Stil voller Eleganz, voll glühendem Witz, der mehr war als Humor, und einem nahezu unerschöpflichen Reservoir tiefer Gelehrtheit. Gremliza verband Denken und Schreiben auf eine Weise, die selbst von vielen jener geachtet und beneidet wurde, die ihm politisch niemals zugestimmt hätten.« Auch große Medien haben das Recht, sich zu irren. Wie über die Jahre aus dem »uninteressantesten Schreiber« der »große Publizist« werden konnte, hätte ich aber doch gerne gelesen. Vielleicht aber auch nicht.

Die Lücke, die Hermann L. Gremlizas Tod reißt, ist zu groß, als dass Nach­rufe sie schließen könnten, wie motiviert und kenntnisreich sie auch sein mögen. Gremliza, seine Sprachkolumne mit dem Titel »Express« am Ende ­jeder Ausgabe von Konkret, sein Rat, die Gespräche mit ihm, sein Wissen über die Linke und ihre Akteurinnen und Akteure sind mir unersetzlich – auch und gerade, weil wir bis zuletzt in vielen Fragen unterschiedlicher Auffassung waren, beide aber den Dissens, so denke ich, als Kraft für Entwicklungen geschätzt haben.

Oliver Tolmein war Taz-Redakteur und wechselte 1989 zu Konkret. Er kündigte 1991 im Zuge der redaktionsinternen Auseinandersetzungen über den Antisemitismus von Teilen der Friedensbewegung im Golfkrieg. 1994 wurde er auf Betreiben Gremlizas Chefredakteur der Jungen Welt. Zurzeit arbeitet er als Rechtsanwalt in Hamburg und schreibt gelegentlich für die Jungle World, Konkret und das Feuilleton der FAZ.