Das ungewöhnliche Leben des Rockmusikers Alex Chilton

A Man Called Destruction

Vor zehn Jahren starb der amerikanische Antipopstar Alex Chilton.

Im Jahr 1987 sang Paul Westerberg: »Children by the millions sing for Alex Chilton.« Der Sänger der Replacements muss wohl vorher einen Blick in ein Paralleluniversum geworfen haben, denn Alex Chilton hat zwar zahlreiche Songs geschrieben, die in einer besseren Welt Hits geworden wären, doch in Wirklichkeit blieb ihm eine derartige Verehrung verwehrt. Dabei sah es zunächst so aus, als würde seine Karriere genau darauf hinauslaufen.

Chilton hatte einen für einen Jugendlichen sehr ungewöhnlichen Gesangsstil entwickelt. Seiner kratzigen Soulstimme konnte man die Abkunft des Genres aus dem Blues deutlich anhören.

20 Jahre zuvor stand Alex Chilton mit 16 Jahren zum ersten Mal in einem Tonstudio. Erst vor kurzem war er als Sänger zu den Box Tops gestoßen, die auf Umwegen an einen neuen Song des erfolgreichen Songwriters Wayne Carson gekommen waren. Dieser Song hieß »The Letter« und schon kurze Zeit später fanden sie sich damit an der Spitze der Charts und auf den Bühnen der USA wieder. Chilton hatte einen für einen Jugendlichen sehr ungewöhnlichen Gesangsstil entwickelt. Seiner kratzigen Soulstimme konnte man die Abkunft des Genres aus dem Blues deutlich anhören. Und so blickten die Box Tops, wohin sie auch kamen, in fragende Gesichter, weil alle mit einer schwarzen und deutlich älteren Band gerechnet hatten. Einem Veranstalter musste Chilton sogar die ersten Zeilen ihres Hits vorsingen, um ihn davon zu überzeugen, dass tatsächlich die Band vor ihm stand, die er gebucht hatte.

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Der weitere Verlauf von Chiltons Karriere hätte sich kaum mehr von seinen Anfängen bei den Box Tops unterscheiden können: Manager und Plattenfirma der jungen Band hielten damals die Zügel fest in der Hand und ließen den Musikern kaum kreative Kontrolle. Später würde Chilton seine Autonomie als Künstler hingegen sogar so weit treiben, dass er sich weigerte, überhaupt einen Manager zu engagieren. Doch die fragenden Gesichter des Publikums in diesen frühen Tagen sollten sich spätestens dann als Kon­stante erweisen, als er mit seiner Demontage des Mythos Rock ’n’ Roll ähnliche Blicke erntete. In Chiltons Fall ist dieser Mythos mit einer Band verknüpft, die sich zu einem gewissen Teil selbst zu einem Mythos entwickelte, mehr wohl, als es Chilton lieb gewesen sein dürfte.

Fast die Nummer eins

Nach dem Ende der Box Tops änderte Chilton seinen Gesangsstil und sang von da an sanft und melodiös. Zusammen mit Chris Bell, Andy Hummel und Jody Stephens gründete er Big Star, in deren Musik Unschuld, Distinktion und Abenteuerlust – kurz: die Euphorie eines adoleszenten Musikfans – aufeinandertrafen. Auf den drei Alben, die Big Star in den siebziger Jahren veröffentlichten, kann man dieser euphorischen Unschuld erst beim Aufblühen und dann beim Sterben zuhören. »#1 Record« von 1972 entstand (dank der Verbindung der Band zum jungen Produzenten und Besitzer der Ardent Studios, John Fry) in Eigenregie, was für eine Nachwuchsband zu dieser Zeit eine große Ausnahme darstellte und Big Star zu einer frühen Indie-Band im eigentlichen Sinne des Wortes machte.

Die zwölf Songs darauf kombinieren adoleszenten Weltschmerz mit Zuversicht. »Would you be an outlaw for my love?« fragt der Junge aus »Thirteen« seine Freundin, weil dessen Vater versucht, die Beziehung zu unterbinden. »If it’s so, well, let me know/If it’s no, well, I can go/I won’t make you«. In ihrem frühen Stadium kennt die Liebe keinen Zwang, die Unschuld bleibt bestehen. In diesem romantischen Gedanken konzentriert sich der idealistische Glaube an Musik als Kraft für ein besseres Leben: »Rock ’n’ Roll is here to stay/Come inside where it’s okay.« Und doch steckt in Chiltons Stimme Traurigkeit. »Thirteen« schildert die Euphorie der frühen Liebe mit unterschwelliger Melancholie. Als hätte er geahnt, was noch kommen würde.

Mit spürbarer Freude missachtete Alex Chilton geradezu jede Regel der Rockmusik, der Musikaufnahme und des guten Geschmacks.

Besonders bemerkenswert ist das auf »#1 Record« präsentierte Selbstbewusstsein. Schon der Albumtitel und auch der Bandname zeugen davon: Chilton, Bell, Hummel und Stephens waren überzeugt davon, mit dieser Platte einen großen Wurf zu landen. Zuerst sah es auch aus, als würde genau das gelingen. Die Musikpresse lobte »#1 Record« in den Himmel, der Rolling Stone erklärte es sogar zu einem der besten Alben des Jahres, obwohl Big Star mit ihren an Beatles-Harmonien und Byrds-Gitarrenklang gesättigten, verletzlichen Popsongs wenig mit den damals den Zeitgeist bestimmenden Genres Glam, Soul und Progressive Rock gemeinsam hatten. Die Singles »When My Baby’s Beside Me« und »In the Street« schafften es sogar ins Radio. Doch dann brach alles zusammen: Den Vertrieb überließ Ardent dem Soul-Label Stax Records, die jedoch Schwierigkeiten hatten, das Album in den Handel zu kriegen. Nur 4 000 Exemplare schafften den Weg in die Läden. Als die Radiosender von den niedrigen Verkaufszahlen erfuhren, nahmen sie alle Songs von Big Star wieder aus dem Programm.

Paranoide Verletzlichkeit

Bei ihrem zweiten Album »Radio City«, erschienen 1974, waren Big Star nur noch ein Trio. Nach dem kommerziellen Debakel des ersten Albums hatte Chris Bell das Handtuch geworfen. Die restlichen Bandmitglieder ließen ihren Frust in die Musik einfließen: »Radio City« ist rauer als sein Vorgänger, dessen leichtgewichtiger Optimismus einer fordernden Dringlichkeit weicht. Doch das Pop-Herz der Platte schlägt noch laut und mit »September Gurls« ­befand sich darauf sogar ein Song, der zum Hit wurde – allerdings erst zwölf Jahre später, als die Bangles ihn ziemlich originalgetreu coverten. Das Original jedoch versandete genauso wie »#1 Record«. Stax hatten den Vertrieb in die Hände des Major-Labels Columbia gegeben, das kein Interesse an Big Star zeigte. Wieder blieb es beim bloßen Kritikererfolg.

Mit dem Misserfolg von »Radio City« war der Popstar Alex Chilton – ob im Sinne des populären Entertainers mit The Box Tops oder des Komponisten und Performers eingängiger Songs mit Themen für Heranwachsende bei Big Star – Geschichte. Das dritte Big-Star-Album »Third« wurde zum Zeugnis dieser Selbstzerstörung. »Third« nimmt die Unschuld eines Songs wie »Thirteen«, den Optimismus von »#1 Record« und den Tatendrang von »Radio City« auf und ertränkt sie in einem Cocktail aus hartem Alkohol und Beruhigungsmitteln, und zwar ganz buchstäblich: Chilton soll während der Aufnahmen wenig andere Lebensmittel zu sich genommen haben. Die Band klingt schwermütig, als würde sie die Motivation zu spielen immer wieder verlassen.

Die meisten Songs auf »Third« sind schwer zugänglich, düster, zerbrechlich. Das einzige Element, dass das Album mit seinen Vorgänger gemein hat, ist die Verletzlichkeit, die dafür aber bis in die Paranoia treibt. »Keeping an eye on the sky«, heißt es in »Stroke It, Noel«, »Oh, the bombs/When will they come?« Dann setzten Streicher ein: »But do you wanna dance?«

Big Star

»Sitting in the back of a car / Music so loud, can’t tell a thing« sang Chilton (Mitte) 1974 im Big-Star-Song »Back of a Car«. Hier posiert er vor einer Tankstelle mit seinen Bandkollegen Andy Hummel und Jody Stephens

Bild:
mauritius images  / AF archive / Alamy

Es verwundert nicht, dass Columbia sich weigerte, das Album überhaupt auf den Markt zu bringen. Erst 1978 wurde »Third« veröffentlicht – drei Jahre nach seiner Aufnahme. Grund dafür war ein immer stärker werdendes Interesse an der Band in der Musikpresse, vor allem in deren Anzeigenspalten, in denen zahlreiche Musikfans nach Platten der Band suchten. Die wenigen Exemplare von »#1 Record« und »Radio City«, die im Umlauf waren, hatten weite Kreise gezogen und Big Star waren zu einer Kultband im wahrsten Sinne des Wortes geworden: eine nahezu völlig ­unbekannte Band, die von wenig Eingeweihten verehrt wurde. Wie unverhältnismäßig das war, veranschaulicht der tragische Tod Chris Bells bei einem Autounfall Weihnachten 1978. Er war 27 Jahre alt, doch weit entfernt davon, in den renommierten »Club 27« aufgenommen zu werden. In einer Meldung in einer Lokalzeitung war lediglich vom Tod des »Sohnes eines lokalen Gastwirts« die Rede.

Auf der Straße und wieder zurück

Für drei Jahre war Alex Chilton von der Bildfläche verschwunden. Als ihm 1975 das Geld ausging, das er aus Box-Tops-Zeiten angespart hatte, verdingte er sich sogar als Straßenmusiker. Eine Karriere, die an der Spitze der Charts begonnen hatte, drohte in ruhmloser Anonymität zu enden. Die New Yorker Punkszene bot ihm die Möglichkeit zum Neubeginn. Auf dem Label des Television-Managers Terry Ork veröffentlichte er die Single »Bangkok«, eine absurde Mischung aus Rock ’n’ Roll im Stil der Fünfziger, Punk und Pop Art. Der Text ist purer Nonsens: Der Refrain besteht nur aus dem Wort »Bangkok«, die Strophen sind eine Aneinanderreihung loser Assoziationen, die am Schluss auch noch für irrelevant erklärt werden (»Here is a revision that is kinda minor / It’s just a little town down in Indochina«). Die Musik ist nicht weniger stürmisch, die Gitarre entschließt sich an willkürlich wirkenden Stellen zur Dissonanz, Chilton fängt inmitten eines Breaks an zu lachen. In vieler Hinsicht verweigerte er sich den Konventionen der damaligen Rockmusik noch radikaler als die Punkbands, mit denen er sich die Bühne teilte.

Mit seinen frühen Soloaufnahmen trieb er seinen Willen zur Destruk­tion auf die Spitze. Wo Riff und Gesangsmelodie von »Bangkok« durchaus das Zeug zum Ohrwurm hatten, geriet Pop auf seinen ersten beiden Soloalben »Like Flies on Sherbert« und »Bach’s Bottom« nun endgültig ins Hintertreffen. Stattdessen versuchte Chilton, den Mythos Rock ’n’ Roll, der ihn so schlimm gelinkt hatte, restlos zu zertrümmern. Diese Alben bestehen aus notdürftig zusammengebastelten Coverversionen und völlig absurden Eigenkompositionen. Hatte Chilton, der eigentlich ein begnadeter Gitarrist war, für Big Star noch höchst ausgefeilte Arrangements in Hochglanz-Sounds gepackt, überschritt er die Grenze zum Dilettantismus nun wiederholt und mit Genuss. »Du spielst ja wie ein 14jähriger«, meinte er zum Produzenten Jim Dickinson, der das unumwunden zugab. Also bestand Chilton darauf, dass Dickinson den Großteil der Gitarren einspielen sollte, nahm seine Band heimlich beim Üben auf und packte Fehler mit auf die fertige Platte. Auf »Bach’s Bottom« kann man ihn sogar während eines Songs seinen Bassisten kritisieren hören: der Prozess als Teil des Produkts.

Zu diesen erratischen Songs spielte er immer wieder auf die Säulenheiligen der amerikanischen Musiktradition an, gab einen gehässigen Elvis oder zerfetzte den melodramatischen Carter-Family-Klassiker »No More the Moon Shines on Lorena« mit einem stümperhaften Rhythmus, mit schiefem Gesang und wahnsinnigen Lachern. Mit spürbarer Freude missachtete er geradezu jede Regel der Rockmusik, der Musikaufnahme und des guten Geschmacks. »Like Flies on Shit« sollte »Like Flies on Sherbert« ursprünglich heißen, und tatsächlich lassen sich diese Alben ganz gut mit einer Tüte voller Exkremente vergleichen, die angezündet auf den Türschwellen der Mythologen des Rock hinterlassen wurde.

Diese Alben waren aber garantiert nicht das, was die nun stetig wachsende Fangemeinde von Big Star erwartet hatte. Dazu kam, dass Chiltons Live-Auftritte vollkommen unvorhersehbar geworden waren. Er spielte selten nüchtern und tat alles, um sein Publikum vor den Kopf zu stoßen und keinerlei Assoziationen zu seinen alten Bands aufkommen zu lassen. Wenn er doch mal einen Big-Star-Song darbot, dann im dadaistischen Stil seiner Soloalben. Oder er spielte einfach ein komplett unironisches Set aus Jazz-Standards. Manchmal wurde er angefleht, nur einen Song zu spielen, den er selbst geschrieben hatte. Doch Alex Chilton war nicht die Art von Musiker, die Aufforderungen nachkam.

Vom Musiker zum Tellerwäscher

Mitte der achtziger Jahre hatte Chilton genug vom Chaos. Er fing an, in einem Hotel in New Orleans zu arbeiten. Zuerst als Tellerwäscher – womit der amerikanische Traum endgültig auf den Kopf gestellt war –, dann als Musiker, der ausgewählte Coversongs für Touristen spielte. Dieser Rückzug hatte auch persönliche Gründe: Nachdem einer seiner Live-Gigs besonders eskaliert war, schwor Chilton dem Exzess ab und suchte Abstand. Er hatte sich gerade damit abgefunden, seinen Lebensunterhalt auf diese Weise immerhin mit Musik bestreiten zu können, da bekam er unerwarteten Besuch: Peter Buck von R.E.M. hatte Chilton ausfindig gemacht und überredete ihn, wieder Musik zu machen. Der Hype um Big Star war in der Zwischenzeit weitergegangen. Ob R.E.M., Replacements oder Bangles: Glaubte man diesen Bands (und einigen mehr), waren Big Star die einflussreichste Gitarrenband für Musiker der Achtziger gewesen, obwohl sie nur bis 1975 existiert hatten. Und diese Entwicklung sollte sich noch bis weit in die Neunziger fortsetzen, als Teenage Fanclub, Primal Scream, Elliott Smith und viele mehr in den Lobgesang mit einstimmten. Dennoch wahrte sich Chilton weiterhin Distanz und wurde nie müde zu betonen, wie wenig ihm seine beliebtesten Platten bedeuten würden.

Bei Rot über die Ampel

Umso überraschender war es, als Alex Chilton einer Anfrage für einen Big-Star-Gig eine halbherzige Zusage gab: »Wenn ich nichts Besseres vorhabe, mache ich es.« Und so spielten Big Star 1993 ihr erstes Konzert seit fast zwei Jahrzehnten. Danach existierten sie noch 17 weitere Jahre. Es wäre übertrieben, diese Reunion als richtiges Comeback zu werten, denn sie spielten eine bis zwei Handvoll Shows im Jahr. Und doch hatte sich Alex Chilton unerwartet bereit erklärt, sein Erbe wieder selbst zu verwalten, was einer kleinen Sensation gleichkam. Ob er wirklich Spaß daran hatte, ist eine Frage, die noch heute debattiert wird. »Ich habe es nie erlebt, dass Alex etwas getan hätte, worauf er keine Lust hatte, also muss es ihm gefallen haben«, mutmaßt Jody Stephens in der Big-Star-Doku »Nothing Can Hurt Me«. Aber komplett überzeugt wirkt er dabei nicht.
Darauf, sich in seinem späten Ruhmes zu sonnen, hatte Chilton in den letzten Jahren seines Lebens genauso wenig Lust wie darauf, auf seine große Leidenschaft zu verzichten. So machte er im Stillen weiter Musik, die sich klanglich meist irgendwo in der Mitte zwischen der Eleganz von Big Star und dem Chaos seiner frühen Soloalben bewegte, und gab kaum Interviews. »Leute haben mir erklärt, dass ich mit jedem Schritt meiner Karriere falsch lag«, sagte er in einem der wenigen Interviews, zu denen er sich bereit erklärte. »Aber im Rückblick sieht es so aus, als hätte ich doch nicht so falsch gelegen.«

Am 17. März 2010 starb er an einer Herzattacke. In der Woche zuvor hatte er sich gegenüber seiner Frau Laura Kersting wiederholt über Atemknappheit und Schwächeanfälle beklagt, sich aber gegen einen Arztbesuch entschieden, weil er nicht krankenversichert war. Sein Bewusstsein verlor er im Auto auf dem Weg ins Krankenhaus. Das Letzte, was Alex Chilton getan hatte, bevor er diese Welt verließ, war, Kersting dazu aufzufordern, eine rote Ampel zu ignorieren. Es waren passende letzte Worte für einen Künstler, dem Regeln so wenig bedeuteten.