Coronakrise in der Klassen­gesellschaft

Her mit der Hilfe

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronakrise treffen prekär Beschäftigte, Illegalisierte und Obdachlose besonders hart.
Kommentar Von

Die Anfrage der Jungle World für einen Kommentar zu den ökonomischen Folgen der Coronaepidemie für Prekäre und Selbständige erreicht mich im ICE auf dem Weg zu einer Podiumsdiskussion über reproduktive Gerechtigkeit. Es ist der Tag, an dem die WHO Covid-19 von einer Epidemie zur Pandemie hochstuft. Auf Facebook wird eine Veranstaltung nach der anderen abgesagt, um dazu beizutragen, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen.

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Sollte ich das auch machen? Verhalte ich mich unverantwortlich, wenn ich mit dem Zug reise und später Menschen an einem Ort zum Diskutieren zusammenbringe? Auf Twitter debattieren derweil immer mehr Menschen darüber, ob auch Soloselbstständige für ihre Verdienstausfälle entschädigt werden könnten. Freunde und Bekannte sorgen sich, dass sie monatelang kein Geld verdienen werden, während die Ausgaben konstant bleiben oder steigen.

Diese Sorge hält mich davon ab, die Veranstaltung abzusagen. In der Vortragsbranche gibt es kaum Ausfallhonorare. Viele von uns leben von der Hand in den Mund und haben kaum Rücklagen. Arm trotz Arbeit, können wir es uns nicht leisten, mehrere Wochen nichts zu verdienen. Zwar gibt es erste Überlegungen und Versuche, Veranstaltungen zu streamen. Aber wenn eine Lesung einmal gestreamt wurde und online steht, warum sollte ein anderer Veranstalter dieselbe Autorin noch einmal buchen? Wegen der Vorsichtsmaßnahmen werden nicht nur massenhaft Vorträge, Workshops und Lesungen abgesagt, auch den Branchen, in denen Bildungs- und Kulturarbeiter ein alternatives Einkommen generieren könnten, geht es schlecht.

Eine Petition für staatliche Hilfen für Freiberufler und Künstler während der Coronakrise erhielt innerhalb weniger Tage rund 200 000 Unterschriften. Aber selbst großzügige Hilfen werden nicht den Verdienstausfall ausgleichen können, vielmehr werden viele Selbständige für den Übergang das gefürchtete Hartz IV beantragen müssen. Die Schikanen, Sanktionen und Maßnahmen, denen Hartz-IV-Empfänger ausgesetzt sind, ergeben in der Coronakrise erst recht keinen Sinn mehr und sollten ausgesetzt werden. Lösungen, die vielen existenzbedrohten und marginalisierten Menschen helfen, wären besser als solche, die eine bestimmte Gruppe, die vermeintlich wichtig ist für den »Kulturstandort Deutschland«, bestmöglich entschädigen. Die Auswirkungen der Vorsichtsmaßnahmen werden gravierend sein – für das Gesundheitssystem, das Sozialleben und die Erwerbsmöglichkeiten. Das betrifft nicht nur Kulturproduzenten, sondern auch Kellnerinnen, Sexarbeiter, Aufstockerinnen und die, für die es keinen Rettungsschirm und keine Petition gibt: Illegalisierte und Obdachlose.

Zur gleichen Zeit wird das Leben teurer, wenn Hamsterkäufe die Versorgung einschränken und Bibliotheksschließungen den kostenlosen Zugriff auf Bücher und Zeitschriften unmöglich machen. Die Tafeln bekommen kaum noch Lebensmittel; weil ein Großteil der Ehrenamtlichen zur Risikogruppe gehört, werden viele Ausgabestellen geschlossen. Arme Menschen trifft eine solche Krise zuerst und hart. Wenn soziale Isolation und Zukunftsangst zusammenkommen, bilden sie einen Nährboden für Depressionen oder Gewalt.

Immerhin bilden sich in vielen Stadtvierteln Nachbarschaftsnetzwerke, die solidarisch Einkauf, Büchertausch und Kinderbetreuung organisieren. Solidarität heißt also nicht nur #StayTheFuckHome, sondern auch #HelpEachOther.