Rafael Gómez Nieto, ein antifaschistischer Veteran des Spanischen Bürgerkriegs und Zweiten Weltkriegs, ist gestorben

Die spanische »Neunte« gegen Nazi-Deutschland

Der spanische Republikaner Rafael Gómez Nieto schloss sich nach der Niederlage im Bürgerkrieg der alliierten Einheit »La Nueve« an. Diese war maßgeblich an der Befreiung von Paris beteiligt und kämpfte sich gegen die nationalsozialistische Wehrmacht und SS-Divisionen bis nach Berchtesgaden durch.
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Der Covid-19-Pandemie fallen auch einige der letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs zum Opfer, darunter nun der Spanier Rafael Gómez Nieto. Er war der letzte noch lebende Kämpfer der »División La Nueve«. Am 31. März erlag er in einem Pflegeheim bei Straßburg im Alter von 99 Jahren den Folgen der Virusinfektion.

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Gómez Nieto wurde am 21. Januar 1921 in Adra geboren, damals ein kleines Fischerdorf, knapp 50 Kilometer westlich der andalusischen Provinzhauptstadt Almería gelegen. Seine Familie – sein Vater war Berufssoldat der Republik – wurde im katalanischen Badalona vom Militärputsch Francisco Francos überrascht.

»Sie hatten keinen militärischen Geist, aber sie waren wundervolle Soldaten. Sie schlossen sich uns an, weil es uns allen um die Freiheit ging.« Raymond Dronne, Kommandeur der »Nueve«

Im Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 kämpfte Gómez Nieto als Teenager bereits für die Republik gegen die Faschisten unter Franco. Er gehörte zur Einheit der »Leva del Biberón«, auch »Quinta del Biberón« (»Einberufungsjahrgang der Babyflasche«) genannt, und kämpfte unter anderem 1938 in der Ebro-Schlacht, der letzten großen republikanischen Offensive. Die Truppe der Minderjährigen war ein letztes Aufgebot, das sich in der Schlussphase des Bürgerkriegs einen Namen machte.

Gómez Nieto gelang während der sich abzeichnenden Niederlage der Republik die Flucht durch Katalonien über die Pyrenäen nach Frankreich, wo er in einem Flüchtlingslager in Saint-Cyprien unter miserabelsten Bedingungen interniert wurde. Mit seinem Vater konnte er nach Oran in Algerien übersetzen. Dort lernte er das Handwerk des Schuhmachers, um das Auskommen seiner Familie zu sichern. Doch der nationalsozialistische Afrika-Feldzug brachte den Weltkrieg auch dahin.

Mit 18 Jahren schloss Gómez Nieto sich mit weiteren aus Spanien geflohenen Republikanern, Anarchisten und Kommunisten den »Freien Französischen Truppen« an, die unter anderem in Tunesien gegen deutsche und italienische Einheiten kämpften. Später wurden die Spanier der französischen 2. Panzerdivision unter General Philippe Leclerc zugeteilt. Deren 9. Kompanie bestand aus 160 Soldaten. Die Einheit unter dem Befehl des Franzosen Raymond Dronne erhielt den Beinamen »La Nueve«, da ihr 146 Spanier angehörten, allesamt Freiwillige, die die Gräuel des Faschismus in Spanien erlebt hatten. Sie gaben ihren gepanzerten Leichtfahrzeugen spanische Namen wie »Guadalajara«, »Guernica« – an dessen Steuer Gómez Nieto saß –, »Teruel« und »Don Quijote«.

Für die alliierte Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944 wurde die »Nueve« aus Nordafrika nach Südengland ausgeschifft, sie landete am Strandabschnitt »Utah Beach«. Mit der Integration der Division von Leclerc in die US-amerikanische Armeedivision unter General George Smith Patton jr. wurden die Spanier zur Speerspitze des Vorstoßes auf Paris – »wegen ihrer Tapferkeit und unkonventionellen Organisation«, erläuterte der Sohn des Verstorbenen, Jean Paul Gómez, kürzlich in einer spanischen Online-Zeitung. Als Vorhut im Ort Écouché in der Normandie musste die »Nueve« erste Verluste hinnehmen. Gegen zwei SS-Divisionen, zwei Panzerdivisionen und Fallschirmjäger hielten die Spanier bis zum Eintreffen britischer Verstärkung die Stellung. »Vor Paris warteten dann über 60 000 Wehrmachtssoldaten mit modernster Ausrüstung, es war die Hölle«, erinnerte sich Jean Paul Gómez an die Erzählungen seines Vaters.

Während General Patton den Vorstoß verzögerte, kam die Stunde der »Nueve«. Am 24. August fuhr Gómez Nieto mit seinem Panzerwagen »Guernica« direkt ins Zentrum der französischen Hauptstadt, auf einer Straße, die heutzutage den Namen seiner Kompanie trägt. Ohne auf einen deutschen Soldaten zu treffen, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, kappte die Einheit die deutschen Telefonverbindungen und hisste zwei Flaggen am Rathaus: die französische und die der spanischen Zweiten Republik. Dann fuhren die Soldaten der »Nueve« zur Botschaft des franquistischen Spanien und tauschten dort ebenso die Fahnen aus. Bei der Siegesparade auf den Champs Elysées in Paris ertönte neben der »Marseillaise« auch das spanisch-republikanische Lied »Ay Carmela«, und die »Nueve« bildete das Geleit für General Charles de Gaulle. »Die Pariser waren erstaunt, eine französische Einheit zu sehen, die Spanisch sprach«, erinnerte sich Gómez Nieto in einer Dokumentation des andalusischen Regionalsenders Canal Sur.

Doch der Krieg war noch nicht gewonnen. Gómez Nieto und die Soldaten der »Nueve« beteiligten sich auch am alliierten Vorstoß über das Elsass bis nach Bayern. »Auf jedem Friedhof zwischen Paris und den bayerischen Alpen gibt es einen Grabstein eines spanischen Soldaten«, betonte Jean Paul Gómez. »Als der Krieg vorbei war, waren von 146 Soldaten der ›Nueve‹ nur noch 16 am Leben.« Das letzte Aufgebot der spanischen Kompanie stürmte das Alpenrefugium Adolf Hitlers, den »Adlerhorst« am Kehlstein im Berchtesgadener Land. »Von dort nahm sich mein Vater ein Teeporzellanset und eine Fotokamera mit«, erzählt sein Sohn.

Eines der schönsten überlieferten Zitate zur »Nueve« stammt von ihrem Kommandanten Dronne: »Es waren Individualisten, Idealisten, mutige Männer, etwas unvorsichtig. Sie hatten keinen militärischen Geist, es waren auch Antimilitaristen unter ihnen, aber sie waren wundervolle Soldaten. Sie schlossen sich uns an, weil es uns allen um die Freiheit ging.«

Doch die Hoffnung vieler spanischer Republikaner im Exil oder im Untergrund, eine alliierte Befreiung Spaniens vom Faschismus zu erleben, wurde nach Kriegsende herb enttäuscht. Und die Geschichte der »Nueve« geriet in Vergessenheit. Nicht einmal de Gaulle erwähnte sie in seiner Siegesrede. Erst 2004 ehrte die Stadt Paris die spanischen Kämpfer mit einer Ehrenplakette, 2010 erhielten drei Überlebende die höchste Auszeichnung der Stadt, die Médaille Grand Vermeil. Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, die selbst als Kind mit ihrer Familie aus Spanien nach Frankreich eingewandert war, veranlasste 2014 die Umbenennung des Gartens vor dem Rathaus zum »Jardin des Combattants de la Nueve«. Gómez Nieto, der auch zum Mitglied der Ehrenlegion ernannt wurde, lebte nach dem Krieg mit seiner Familie erst in Algerien und fertigte weiter Schuhe an, ehe er nach Straßburg zog, wo er zurückgezogen wohnte.

»Frankreich wird den Republikanern der ›Nueve‹ ewig dankbar sein«, schrieb der französische Präsident Emmanuel Macron in einer Kondolenzbotschaft anlässlich des Todes von Gómez Nieto. »Er trug stets mit Stolz das Emblem der spanischen Republik an seiner Uniform, als Teil der Vorhut der Armee der Freiheit«, schloss sich die französische Regierung der Würdigung des »Helden der Freiheit« an. »Mit Gómez-Nieto geht auch ein gewichtiger Teil des republikanischen Widerstands gegen den Faschismus verloren«, schreibt der auf Spaniens Geschichtspolitik spezialisierte Journalist und Politologe Alejandro Torres.

Die spanische Koalitionsregierung aus Sozialdemokraten (PSOE) und dem linken Parteienbund Unidas Podemos plant eine Ehrung von Gómez Nieto, wie das Staatssekretariat für Demokratische Erinnerung unter Fernando Martínez jüngst verkündete. Diese soll nach Aufhebung der Ausgangssperren offiziell zelebriert werden. Ein Park im Westen Madrids erinnert bereits an die Division. Seit 2017 befindet sich auch dort ein »Jardín de los Combatientes de La Nueve«.