Ein Gespräch mit Helmut Dahmer über den Attentäter von Halle

»Nach Corona ist vor Corona«

Antisemitismus, Xenophobie und das Schweigen der Mehrheit: In der Pandemie wird die Illusion von Gemeinschaftlichkeit beschworen. Dahinter verbergen sich Autoritarismus und alte deutsche Ressentiments, sagt der Soziologe Helmut Dahmer. Ein Gespräch über »pathisches Vergessen«, den Groll der Abgehängten und das Attentat in Halle.
Interview Von

Am 9. Oktober vergangenen Jahres versuchte ein Neonazi, die Synagoge von Halle zu stürmen. Als das misslang, ermordete er eine Passantin und den Kunden eines Dönerimbisses. Der Prozess soll in Kürze beginnen. Wie bewerten Sie den Anschlag?

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Als Kriegskind, Soziologe und Sozialist habe ich das Wiederauftauchen des verdrängten »nationalsozialistischen Untergrunds« seit den achtziger Jahren mit wachsender Sorge verfolgt. Die offiziellen Reaktionen auf das Attentat in Halle im Oktober 2019 fielen so hilflos aus wie in allen früheren Fällen gleicher Art: Überraschung, Staunen, Bestürzung, Trauer und der Ruf nach Stärkung der Exekutivgewalt, gerade so, als handele es sich stets wieder um die »unvorstellbare«, allererste Mordaktion gegen Juden und »Ausländer« im Nachkriegsdeutschland. Nach den 100 Mordopfern in den neunziger Jahren und nach der Mordserie der NSU-Bande wollte oder konnte keiner den Wald sehen, in dem diese Bäume wuchsen, und niemand nahm hinter den jeweils aktiven »verwirrten Einzeltätern« die lange ­Reihe ihrer Gesinnungsgenossen wahr.

»Wieder einmal heißt es, alle säßen in einem Boot, nur ist es für die einen das Schlauchboot, für die andern die Hochseejacht, und Rettungswesten sind knapp. Das ist die Normalität im Ausnahmezustand.«

Welcher Zusammenhang besteht zwischen der kollektiven Amnesie nach 1945 und dem, was Sie der heutigen Generation als »pathisches Vergessen« ankreiden?

1945 habe ich gesehen, wie die NS-Mordgemeinschaft sich von einem Tag auf den andern schuldbewusst und angsterfüllt ihrer Vergangenheit zu entledigen suchte. Das Projekt, ganz Europa einer deutschen, »arischen« Herrschaft zu unterwerfen, war gescheitert und hatte ungeheure Leichenberge und Trümmerhaufen hinterlassen. Zwölf Jahre der Lebens- und Sozialgeschichte mussten in ­einer gewaltigen kollektiven Anstrengung aus der Erinnerung getilgt und fortan dauerhaft beschwiegen werden. Das war der neue Grundkonsens, und das war, sozialpsychologisch gesehen, auch der Sand, auf dem die beiden deutschen Teilstaaten errichtet wurden.

Welche Auswirkungen hat dieses Beschweigen auf die heutige Generation?

Der NS-Vernichtungskrieg und der Holocaust, das große Vergessen und die Straflosigkeit gehören zu unserem kulturellen Erbe, das eine Generation der anderen vermacht. Und die Gewalt, die solche unheilvollen Traditionen über die jeweils Lebenden haben, ist umso stärker, je weniger sie sich ihrer bewusst sind. Die faschistischen Attentäter sind, wie die Demagogen, die ihnen auf die Sprünge helfen, Wiederholungstäter; sie führen ein altbekanntes Stück auf, an das keiner sich mehr erinnern will.

Sie bezeichnen den Antisemitismus als eine Sonderform der ­Xenophobie und sprechen eher von »sozialen Vorurteilen« als von Rassismus. Wie sehen Sie den Zusammenhang dieser Begriffe?

In der Soziologie versteht man unter sozialen Vorurteilen ein Sammel­surium gruppenbezogener Stereotype, also von fixen Meinungen über bekannte oder fiktive Nationen oder Stämme. Auch in dieser Nacht sind alle Katzen grau und vor allem die Raubkatzen unkenntlich. Auf diese, nämlich die destruktiven, mörderischen Vorurteile, kommt es aber an. Um der Verharmlosung entgegenzuwirken, hat Max Horkheimer das Vorurteil einen »Schlüssel« ­genannt, der es ermöglicht, »eingepresste Bosheit loszulassen«. Damit spielte er auf den von Nietzsche geprägten Begriff des Ressentiments an.

Warum kann das Ressentiment bei den ausgebeuteten Teilen der Bevölkerung so leicht verfangen?

In den Erniedrigten und Beleidigten der Klassengesellschaften staut sich ein ungeheurer Groll an, der nach Abfuhr verlangt. Demagogen nannte Nietzsche »Richtungsänderer des Ressentiments«. Sie sind es, die den Verunsicherten, Frustrierten und Abgehängten verraten, wer, und nicht etwa was, an ihrer Misere »schuld« ist, und an wem sie ihr Mütchen kühlen können. »Fremd« waren und verfremdet wurden – neben Muslimen und Zigeunern – im christianisierten Europa vor allem die jüdischen Minderheiten. Im heutigen Verhältnis zu Fremden, Migranten, Asylsuchenden verschafft sich diese alte Erfahrung unerkannt Geltung. Nach dem Mord an den europäischen Juden hat sich das fortschwelende Ressentiment der Nachgeborenen neue Hassobjekte gesucht. War die Judophobie der Groß- und Urgroßeltern verpönt, so blieb den Kindeskindern doch die Xenophobie als das weniger verfängliche, allgemeinere Ventil. Rassismus ist biologisierte Xenophobie. Antisemitisch war nicht nur der Attentäter von Halle, auch die NSU-Täter waren überzeugte Antisemiten. Doch sie brachten keine Juden um, sondern – ersatzweise – Kleinhändler, Kiosk- und Dönerbudenbetreiber, die sie wegen ihres Aussehens, ihrer Sprache und ihres Metiers als »nichtdeutsch« identifizierten. Die NSU-Täter nannten ihre Opfer denn auch kurzerhand »Alis«.

Der rechtsextreme Attentäter wollte offenbar ursprünglich Moscheen angreifen. Erst später soll er seine Pläne laut einem Bericht des Spiegel geändert und die ­Synagoge in Halle als Ziel gewählt haben. Wie passt das für Sie zusammen?

Es zeigt, dass das Ressentiment sein Objekt je nach Opportunität wechseln kann. So, wie die NSU-Gang auf »eliminatorischen Antisemitismus« eingeschworen war, aber »anstelle« von Juden »Alis«, »ausländisch Aussehende« tötete. So kam der Attentäter von Halle nach seinem gescheiterten Überfall auf die Synagoge zurück auf sein ursprüngliches Vorhaben, Muslime umzubringen. Er »begnügte« sich dann mit der Erschießung eines Gastes in einer Dönerbude.

Rechte Bewegungen und Parteien haben neuen Zulauf – aber distanzieren sich nicht gerade große Teile des Kapitals von rechten Strömungen?

Teile des Kapitals wahrten auch in der Weimarer Republik Distanz zur NSDAP, andere Teile aber finanzierten die Hitler-Truppe. Als im Gefolge der großen Krise von 1929 das Parlament handlungsunfähig wurde, setzte sich die Tendenz zum starken Staat durch, erst in Gestalt der Präsidialkabinette Brüning, Papen, Schleicher, dann in Gestalt Hitlers, den die bürgerlichen Parteien zum Notstandsdiktator machten, weil sie ihm zutrauten, die Arbeiterorganisationen zu zertrümmern und eine profitable Kriegswirtschaft aufzuziehen. Gegenwärtig sehen wir, dass sich – wie in den dreißiger Jahren – mehr und mehr parlamentarische und scheinparlamentarische Regime in autoritäre verwandeln.

Können die Rechten von der Coronakrise profitieren?

Auch in der Bekämpfung der Coronapandemie tritt die Tendenz zu autoritären Lösungen zutage. Überall schlägt die Stunde der Exekutive. Kleine, ad hoc gebildete Stäbe aus Politikern der großen Parteien entscheiden ohne parlamentarische Kontrolle, mit oder ohne Expertise über die Dauer des von ihnen verhängten Ausnahmezustands, über Restriktionen von Grundrechten und des öffentlichen Lebens, ja sogar über die Regulierung, nämlich das Herunterfahren und die Wiederankurbelung der Wirtschaft. Die par­lamentarische wie die außerparlamentarische Opposition spielen ­dabei keine Rolle. Und so werden auch die neofaschistischen Gruppen und Parteien nicht unmittelbar von der gegenwärtigen Krise profitieren. Sie warten auf ihre Stunde.

Werden in der Krise nicht auch wirtschaftsliberale Dogmen in Frage gestellt?

Die »schweigende« Mehrheit, auf die die antifaschistische Minderheit gestern wie heute baut, lernt, was »die Märkte« alles nicht zustande brachten, etwa ein krisenfestes Gesundheitssystem. Sie sieht auch mit Staunen, was jetzt alles an jahrzehntelang tabuisierten Alternativen möglich und in kurzer Zeit realisierbar ist: die Entprivatisierung in Gestalt von Verstaatlichung notleidender Unternehmen und die Beschlagnahmung oder die planmäßige Erzeugung fehlender Produkte. Auch der jähe Wechsel von angeblich alternativloser Sparpolitik zur Kreditschwemme war beeindruckend. Manche träumen gar, nun stehe die Abschaffung von Konkurrenz und Verarmung national wie international bevor. Das alles zeigt, dass die Pandemien unserer Tage als Naturkatastrophen getarnte Sozialkatas­trophen sind.

Halten Sie die Hoffnung auf mehr Solidarität durch die Coronakrise für illusionär?

Galt bis gestern noch, jedermann solle sich als Ich-AG im Überlebenskampf behaupten, wird plötzlich wieder zu Solidarität aufgerufen. Eine illusionäre Gemeinschaftlichkeit wird beschworen, besungen und beklatscht, um darüber hinwegzutäuschen, dass die Position in der Einkommenspyramide über Leben und Tod entscheidet. Wieder einmal heißt es, alle säßen in einem Boot, nur ist es für die einen das Schlauchboot, für die andern die Hochseejacht, und Rettungswesten sind knapp. Das ist die Normalität im Ausnahmezustand. Auch für die Zeit ­danach aber ist nur eines sicher: Nach Corona ist vor Corona.
 

Helmut Dahmer studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie an Universitäten in Bonn, Göttingen und Frankfurt am Main und war Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS). In den sechziger Jahren studierte er bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Nach seiner Promotion lehrte er als Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Seit seiner Pensionierung 2002 lebt er als freier Publizist in Wien. Kürzlich veröffentlichte er das Buch »Antisemitismus, Xenophobie und pathisches Vergessen.

Bild:
SelmaHackerty (CC BY-SA 4.0)