Trotz der Lockerungen mehren sich die Proteste gegen die »Coronaverschwörung«

Lachnummer 2020

Verschwörungstheoretiker, Impfgegner, Nazis und andere »besorgte Bürger« veranstalten »Coronaproteste« und sogenannte Hygienedemonstrationen. Ob die Dynamik für die Etablierung einer Partei ausreicht, ist fraglich.

Das ging schnell: Von der Parole über eine Partei mit eigenen Angaben zufolge 100 000 Mitgliedern bis zum Löschantrag bei Wikipedia wegen Irrelevanz – in wenigen Tagen hat sich »Widerstand 2020« vom Hoffnungsträger der sogenannten Coronarebellen, der von der rechten Konkurrenz misstrauisch beobachtet wurde, zur Lachnummer gewandelt. Immerhin ging mittlerweile beim Bundeswahlleiter ein Antrag auf Zulassung als Partei ein, aber ohne Programm und streng genommen auch ohne Mitglieder dürfte die Sache recht schwierig werden. Beschwingt von der Aussicht, bald das Land zu regieren, hatten die Widerständler des Jahres nämlich glatt vergessen, dass eine Anmeldung online ohne Identitätsprüfung nicht zählt. Eine Anonymous-Gruppe ist ziemlich sicher, dass bei den auf der Website von »Widerstand 2020« freudig verkündeten Mitgliederzahlen gemogelt wurde, weil die konstante Zunahme eher für gekaufte Fans sprach als für menschliches, niemals gleichförmig verlaufendes Handeln. Victoria Hamm, eine der drei Gründerinnen, gab am Wochenende bereits ihren ­Austritt bekannt.

Nazis sind für die »Coronarebellen« die anderen, also die Regierung, die Opposition, Bill Gates, George Soros, die Presse. Und Juden sowieso.

Stilistisch an die für Facebook typischen, mit Sinnsprüchen versehenen Bildchen erinnernd, die grenzenlose Tier- oder Mutterliebe thematisieren, versuchen die Anhänger von »Widerstand 2020« unverdrossen, ihre Sicht der Dinge vor allem bei Twitter unterzubringen. »Während draußen die Freiheit stirbt, diskutieren die Lemminge, ob sie ihre Masken bei 60 oder 90 Grad waschen müssen«, steht beispielsweise auf einem der gern geteilten farbenfreudigen Werke. Ein anderes verkündet: »70 Jahre haben wir uns gewundert, wie die Massen 1933 kontrolliert wurden. 2020 bekommt ihr gezeigt, wie’s geht.«

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Dass Maßnahmen, die andere Menschen vor einer etwaigen Ansteckung mit einem potentiell tödlichen Virus schützen, nichts anderes sind als mörderischer Naziterror, sehen die Verbreiter dieser Botschaften wohl tatsächlich so. Und auch die Andeutung, dass das unschuldige deutsche Volk gegen seinen Willen von der NSDAP regiert worden sei und in Wirklichkeit aus lauter Widerständigen bestanden habe, passt zum Weltbild: Nazis sind die anderen, also die Regierung, die Opposition, alle Andersdenkenden, Bill Gates, George ­Soros, die Presse. Und Juden sowieso.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum trotz umfangreicher medialer Aufklärung über die Hintergründe von Verschwörungstheorien am Wochenende noch mehr sogenannte Hygienedemonstrationen stattfanden, allein in Stuttgart nahmen mindestens 5 000 Menschen teil. Keiner der Teilnehmer kam auf die Idee, sich von offenkundigen Nazis zu distanzieren oder gegen diejenigen vorzugehen, die extrem geschmacklose Plakate trugen, wie eines, auf dem unter dem Bild von Anne Frank stand, auch sie würde mitdemonstrieren. Auch ein Berliner Demonstrant, der einen gelben Stern mit der Aufschrift »Jude« als Armbinde trug, wurde von den anderen Demonstrierenden, soweit erkennbar, nicht zur Rede gestellt. An anderen Orten trugen Demonstranten diese Sterne mit dem in Frakturschrift gehaltenen Wort »Ungeimpft«. Zu beziehen sind solche Armbinden in rechtsextremen Versandhandlungen.

Diejenigen, die gegen die derzeitigen Beschränkungen und für das Menschenrecht, andere anzustecken, auf die Straßen und Plätze der Republik gingen, glauben wirklich an das, was sie auf Spruchbändern und Plakaten vor sich hertragen: Es gebe gar kein Virus namens Sars-CoV-2, beziehungsweise es sei von Bill Gates und anderen finsteren Mächtigen erfunden worden, um die Welt und vor allem die Euro­päer zu versklaven oder zu überwachen. Die gesetzliche Vorgabe, einen Mundschutz zu tragen, sei nur der Anfang; bald würden Zwangsimpfungen folgen, bei denen ein Mikrochip injiziert werde, um Menschen fernzusteuern oder ihre Gedanken zu beeinflussen. Dass Menschen keine Computer sind und die Idee solcher Chips völliger Unfug ist, interessiert nicht. Denn eine mittlerweile beunruhigend große Anzahl von Menschen akzeptiert nicht nur nichts, was nicht den eigenen Vorstellungen entspricht, sondern bekommt es gar nicht mehr mit, wenn die ihnen verhassten »Mainstream-Medien« Fakten überprüfen und Experten interviewen. Das lässt sich auf Facebook gut beobachten, wo viele Anhänger von Verschwörungstheorien zwar für ihre Behauptungen kaum Likes erhalten, gleichwohl aber trotz oder vielleicht wegen dieser zunehmenden sozialen Isolierung unverdrossen weiter einschlägige Inhalte posten.

Die Proteste zu Demonstrationen besorgter Bürger zu erklären und sogar darauf zu dringen, die vermeintlichen Ängste und Sorgen der Teilnehmer ernster zu nehmen, wäre, wie schon bei Pegida, falsch. Denn auf den jüngsten Demonstrationen, auf denen »Widerstand« und »Volksverräter« zu den Lieblingsparolen gehörten, ging es um etwas ganz anderes: um die Verbreitung von Verschwörungstheorien und die Schlüsse, die die Demonstranten daraus ziehen. Tatsächliche Ängste und Sorgen wegen der Folgen der Pandemiemaßnahmen kommen bei den sogenannten Hygienedemos nur am Rande zur Sprache: Die Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, finanzielle Probleme von Kurzarbeitern oder Hartz-IV-Empfängern, die Schwierigkeiten Alleinerziehender, Einsamkeit, psychische Probleme oder die weitgehende Isolierung von in Heimen Lebenden werden in den Redebeiträgen kaum ­erwähnt. Stattdessen geht es um die von den Mächtigen eingeschränkte Freiheit und das von den Rednern vermittelte wohlige Gefühl, zu den wenigen zu gehören, die das perfide Treiben der imaginierten Zwangsimpfungs­elite durchschaut haben.

Zum relativen Erfolg der Proteste trägt sicher auch bei, dass sie inklusiv sind. Im Gegensatz zu Pegida gibt es außer der Polizei und Gegendemonstranten keinen eindeutigen Feind an Ort und Stelle, so dass sich beispielsweise auch Teilnehmer mit dunkler Hautfarbe willkommen fühlen können. In den Livestreams vom Wochenende befragten Hobbyreporter aus dem Umfeld von Pegida in einigen Fällen demonstrativ türkischstämmige Betreiber von Imbissbuden, sich hippiesk gebende junge Menschen und dunkelhäutige Demonstranten – vermutlich um den Eindruck zu erwecken, es handele sich um eine große Bewegung, die niemanden diskriminiert und allein deswegen schon nichts mit Nazis zu tun haben kann.

Dass die bunte Gesellschaft der Verschwörungsgläubigen tatsächlich ihre eigene Widerstandspartei bekommt, die nach eigenem Bekunden Deutschland zunächst von Experten regieren lassen will, also von Menschen, die in ihrem Sinne Experten sind, und nicht etwa von wirklichen, ist eher ungewiss. Auszuschließen ist es allerdings auch nicht, denn die AfD verzeichnet seit dem Beginn der Pandemie sinkende Umfragewerte und ist viel zu spät auf den Zug der »Coronarebellen« aufgesprungen. Diejenigen, die schon lange von großen Volksaufständen gegen Merkel träumen, versuchen zurzeit aber alles, um irgendwie doch noch mitzumachen, was durchaus putzige Formen annimmt. Ein rechtsextremes Magazin, das damit wirbt, Mut zur Wahrheit zu haben, versucht hektisch, eine große Demonstration gegen die »Notstandsgesetze« zu organisieren – die aber nur stattfinden soll, wenn 5 000 Leute vorab ihre Teilnahme bestätigen. Bislang haben sich dazu nur 500 bereit gefunden, wie der Website des Magazins zu entnehmen ist. Das könnte auch daran liegen, dass es weder einen verbindlichen Termin noch einen Veranstaltungsort für die Großdemonstration gibt, was für verbindliche Zusagen ja nicht ganz unwichtig ist.