Die Diskussion über Achille Mbembes Haltung zu Israel und den Juden ist weder eine Diffamierungskampagne noch eine Hexenjagd

Planetarisches Leben ohne Israel

Der Philosoph und Historiker Achille Mbembe sieht sich wegen der Kritik an seinen Aussagen zu Israel und der Shoah als Opfer einer Diffamierungskampagne mit rassistischen Zügen. Seine Anhänger fordern die Entlassung des Bundesbeauftragten für den Kampf gegen den Antisemitismus.

Achille Mbembe wird die Ruhrtriennale in diesem Jahr nicht wie geplant mit einer Rede eröffnen. Wie alle Großveranstaltungen wurde auch das jährlich im Ruhrgebiet stattfindende Kulturfestival wegen der Covid-19-Pandemie abgesagt. Aber mit der Einladung Mbem­bes gelang es der scheidenden Intendantin Stefanie Carp nach dem Streit um die sich mit der antisemitischen Bewegung BDS solidarisierende schottische Band Young Fathers im Jahr 2018 ein weiteres Mal, eine bundesweite Debatte über Antisemitismus aus­zulösen. Der in Südafrika lehrende kamerunische Philosoph und Historiker Mbembe wollte dem Programmbuch zufolge unter anderem über sein »Konzept der Reparierens« und »die Moda­litäten dessen, was er ›planetarisches Leben‹ nennt«, sowie »die globalen Praktiken von Inhaftierung und Eingrenzung« sprechen.

Einen Monat dauerte es, bis Mbembes Aussagen bundesweit diskutiert wurden. Eine geplante und gezielt geführte Kampagne lässt sich nur schwer erkennen.

Noch an dem Tag, an dem das Programm der Ruhrtriennale veröffentlicht wurde, begann nach Mbembes Ansicht das, was er am 11. Mai in der Taz als eine »gigantische Diffamierungskampagne mit rassistischen Zügen« bezeichnete. Der Autor dieses Artikels wies am 19. März auf dem Blog Ruhr­barone darauf hin, dass der als Redner geladene Mbembe sich der Kampagne für den akademischen Boykott Israels angeschlossen habe, die von der BDS-Bewegung ausgeht. Der nordrhein-westfälische Landtag hatte als Konsequenz aus der Debatte über die Ruhr­triennale im Herbst 2018 beschlossen, dass öffentliche Räume des Landes BDS-Anhängern nicht mehr zur Verfügung gestellt werden dürfen. Das Land Nordrhein-Westfalen ist maßgeblich an der Kultur Ruhr GmbH beteiligt, die die Ruhrtriennale veranstaltet, die Kulturministerin Isabel Pfeiffer-­Poensgen (parteilos) ist die Vorsitzende des Aufsichtsrats. Ein Auftritt Mbembes in der Bochumer Jahrhunderthalle hätte gegen den Landtagsbeschluss verstoßen.

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Malca Goldstein-Wolf, eine jüdische Aktivistin, teilte den Blogartikel auf ­Facebook, markierte den FDP-Landtagsabgeordneten Lorenz Deutsch und fragte ihn: »Wirst Du aktiv?« Der Politiker wurde tätig, allerdings hatte er es nicht sonderlich eilig: Sechs Tage später veröffentlichte Deutsch einen offenen Brief an Carp, in dem er auf die Verbindungen Mbembes zu BDS hinwies und die Intendantin bat, »die ausgesprochene Einladung zu überdenken«. Mit Deutschs Schreiben begann eine Debatte über Mbembes Verhältnis zu BDS, Israel und Antisemitismus.

Eine größere politische Dimension erhielt die Diskussion, als der Anti­semitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, der Funke-Mediengruppe Mitte April sagte: »Die Eröffnungsrede für eine solch bedeutende Veranstaltung zu halten, ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass das Festival mit öffentlichen Geldern finanziert wird. Es sollte daher eine Person ausgewählt werden, die dieser Verantwortung gerecht wird – und nicht in der Vergangenheit bereits durch die Relativierung des Holocaust aufgefallen ist.« Mbembe habe in ­seinen Schriften das Existenzrecht Israels in Frage gestellt und das Apartheidsystem Südafrikas mit dem politischen System Israels gleichgesetzt und mit dem Holocaust verglichen.

Einen Monat dauerte es also, bis das Thema bundesweit in einem größeren Rahmen diskutiert wurde. Eine geplante und gezielt geführte »gigantische Diffamierungskampagne« lässt sich da nur schwer erkennen (siehe auch den Kommentar auf Seite 13 im Dschungel).

Die Debatte verlief wie gewöhnlich: Kritiker Mbembes begannen, sich durch die Veröffentlichungen des Wissenschaftlers zu arbeiten, und hinterfragten seine Beteuerungen, er habe nichts mit BDS zu tun und Israel spiele in seinem Werk keine Rolle. Mbembe fordert in seinem Vorwort für das 2015 erschienene Buch »Apartheid Israel – The Politics of an Analogy« die »globale Isolation« Israels, die auch zu den Zielen von BDS gehört. Tobias Rapp wunderte sich im Spiegel, dass Mbembe trotz etwa der Verbrechen im Syrien-Krieg schreibt: »Die Besetzung Palästinas ist der schlimmste moralische Skandal unserer Zeit.« Martin Eimermacher zitierte in der Zeit Mbembe: ­Israel habe ein System, »wo das Blut (das vergossene Blut) das Gesetz macht, in expliziter Anwendung des alten Diktums der Vergeltung, des Aug-um-Auge«. Eimermacher kam zu dem Schluss: »In der Wissenschaft gilt eine solche Verquickung des Alten Testaments mit Israel als Merkmal der Judenfeindschaft.« Die US-amerikanische Wochenzeitung The Algemeiner Journal machte darauf aufmerksam, dass Mbembe 2018 gedroht hatte, er werde an einer Konferenz in Süd­afrika nicht teilnehmen, wenn die eingeladene israelische Psychologin ­Shifra Sagy dort erscheine. Aufgrund der Proteste Mbembes und anderer wurde Sagys Panel aus dem Konferenzprogramm gestrichen.

Verteidiger des Wissenschaftlers beschränkten sich häufig darauf, den ­Kritikern vorzuwerfen, diese hätten Mbembes Texte entweder gar nicht, zu spät oder nicht richtig gelesen. Die ­Intendantin Carp sagte der Süddeutschen Zeitung: »Offenkundig hat der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, die Bücher von Achille Mbembe nicht gelesen, genauso wenig wie die meisten anderen Ankläger, die drei verkürzte Zitate aus dem mehrtausendseitigen Gesamtwerk von Mbembe wiederholen.« Andreas Eckert, Professor am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Berliner Humboldt-Universität, sah »gewisse Anzeichen einer Hexenjagd«. Andreas Görgen, der Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Außenministerium, lobte in sozialen Medien Eckerts »differenzierten Blick«. Dominic Johnson behauptete in der Taz: »Dabei interessiert sich Mbembe nicht besonders für Israel.« Dem ­Antisemitismusbeauftragten Klein warf er vor, »einen der wichtigsten ­afrikanischen Kolonialismusdenker in deutschen Augen zu diskreditieren«. ­Einen Beleg für eine solche Absicht Kleins lieferte Johnson nicht. Daniel Bax forderte im Freitag, Klein zu entlassen. Der Forderung schlossen sich später mehrere Wissenschaftler um den israelischen Historiker Moshe Zuckermann in einem Aufruf an. Kein Verteidiger Mbembes setzte sich jedoch inhaltlich mit den kritisierten Aussagen aus­einander.

Die Diskussion hat gezeigt, dass die Möglichkeiten für BDS-Anhänger ­kleiner geworden sind und der Einspruch gegen ihre Ansichten lauter wird. Durch die auch im Fall Mbembe zu beobachtende Verweigerung, mit ­Argumenten zu streiten, trägt dieses Milieu zu seiner eigenen Isolierung bei.