Zora Neale Hurston zeichnet die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven auf

Diese Geschichte fehlt der Literatur

»Barracoon« ist der Lebensbericht von Cudjo Lewis, einem der letzten Afrikaner, die in die USA verschleppt und dort versklavt wurden. Lewis hat ihn 1927 der afroamerikanischen Schriftstellerin und Ethnographin Zora Neale Hurston anvertraut. Weil diese aber in Vergessenheit geriet, blieb das Manuskript lange unbeachtet. Erst als Alice Walker Hurston wiederentdeckte, konnte die »Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven« 2018 veröffentlicht werden. Jetzt erscheint sie in deutscher Übersetzung.

Über die damalige Studentin Zora Neale Hurston vermerkte das Jahrbuch der Washingtoner Howard University: »Zoras größter Ehrgeiz besteht darin, sich in Greenwich Village zu etablieren, wo sie Geschichten und Gedichte schreiben und ein Boheme-Leben ohne Beschränkungen führen kann.« Die 1891 in Florida geborene Hurston studierte von 1918 bis 1920 in Washington, D.C., 1924 besuchte sie als einzige schwarze Studentin das Barnard College, ein an die Columbia University angegliedertes College für Frauen, ein Jahr später ging sie nach New York City, um ihre Träume zu verwirklichen. »So fand ich mich in der ersten Januar­woche des Jahres 1925 mit einem Dollar und fünfzig Cent in der Tasche, ohne Arbeit und ohne Freunde, aber mit einer Menge Zuversicht in New York wieder«, erinnerte Hurston sich 1942 in ihrer Autobiographie »Ich mag mich, wenn ich lache«. Dort fand sie das ersehnte Bohemae-Leben. Sie ging auf Partys, arbeitete als Autorin, gewann Literaturwettbewerbe und galt als eine der schillerndsten Persönlichkeiten der »Harlem Renaissance«, wie die Bewegung afroamerikanischer Künstler und Künstlerinnen aller Sparten in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts genannt wird. Als deren Begründer gilt der Philosoph Alain Locke, bei dem Hurston studiert hatte. Er veröffentlichte 1925 die Anthologie »The New Negro«, zu der auch Hurston einige Texte beisteuerte. Der Band machte die Bewegung über die Grenzen von Harlem hinaus bekannt.

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»The New Negro« forderte nicht nur gleiche politische Rechte ein, sondern formulierte auch eine zeitgenössische Idee afroamerikanischer Kunst: im Jazz, in der Bildenden Kunst und vor allem in einer neuen Form von Literatur, die Tradition und modernes Leben zusammenführte. Es ging Alain Locke und vielen anderen akademisch geprägten Vertretern der Harlem Renaissance darum, die afrikanische Herkunft mit Stolz und nicht als erste Station eines Leidenswegs zu betrachten. Afroamerikanische Heldenfiguren sollten in die Literaturgeschichte eingehen, um eine eigene Volkstradition aufzubauen. Hurston wie auch ihr Freund und Dichterkollege Langston Hughes kritisierten die Vorstellung, dass ­positive literarische Bilder von Schwarzen die weiße Mehrheitsgesellschaft beeinflussen sollten, als viel zu elitär. Hughes schreibt in seiner Autobiographie, die Harlem Renaissance sei eine Angelegenheit der Intellektu­ellen gewesen; der durchschnittliche Afroamerikaner habe sie überhaupt nicht wahrgenommen.

Hurston wollte eine Kultur, die den afroamerikanischen Lebenswelten näherstand, »mit runden Vokalen und ihrer eigenen dröhnenden Stimme, mit Kaspereien und Witzen, ekstatischen Gebeten und Arme-Leute-­Essen«, schreibt Charles King in seinem kürzlich erschienenen Buch »Schule der Rebellen« über Franz Boas, den Begründer der modernen Anthropologie (Jungle World 15/2020). Boas, bei dem Hurston einige Kurse an Columbia University belegt hatte, förderte seine ehemalige Studentin und unterstützte ihre Feldforschungen. Hurston wurde nicht nur zu ­einer Vertreterin der afroamerikanischen Literatur, sondern auch zu ­einer Chronistin schwarzer Geschichte in den USA. Dabei kam sie auch ihrer eigenen Biographie auf die Spur, als sie, ausgestattet mit einem Stipendium, im Auftrag von Boas 1927 nach Florida reiste.

Dort, in der Stadt Eatonville, hatte Hurston ihr erstes Lebensjahrzehnt verbracht, ihr Vater war Bürgermeister und Baptistenprediger. Eatonville sei ein »springlebendiger Vorposten der Zivilisation«, ein Ort, an dem Afroamerikaner das »Experiment der Selbstverwaltung« gewagt hatten, schreibt sie in ihrer Autobiographie. Als Kind blieb Zora vom Alltagsrassismus verschont. Das ­änderte sich erst nach dem Tod ihrer Mutter, als sie in Jacksonville zur Schule ging. In ihrer Autobiographie erinnert sie sich: »Jacksonville brachte mir zum Bewusstsein, dass ich ein farbiges kleines Mädchen war. Überall in der Stadt gab es Dinge, die mich das spüren ließen. Straßenbahnen und Läden und auch Gespräche, die ich in der Schule aufschnappte.« Weil ihr Vater das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte, musste sie die Schule schließlich verlassen. Ihre Familie lebte fortan in Armut, Zora kam zeitweise bei Verwandten unter. Erst mit 26 Jahren kehrte sie zur Schule zurück – mit einem Trick: Um in den Genuss einer kostenfreien Bildung zu kommen, gab sie sich als jünger aus; die Veränderung ihres Geburtsdatums hat sie nie wieder zurückgenommen.

Als sie 1927 im Zuge ihrer Forschungen nach Florida zurückkehrte, wollte sie jenen eine Stimme geben, die oft genug überhört worden ­waren, unter ihnen der als Oluale Kossola in Westafrika geborene Cudjo Lewis, der letzte Überlebende derer, die mit letzten US-amerika­nischen Sklavenschiff »Clotilda« nach Amerika verschleppt worden waren. Obgleich bereits 1807 ein Gesetz in Kraft getreten war, das den trans­atlantischen Menschenhandel für illegal erklärte, hatte das Schiff noch im Jahr 1860 in aller Heimlichkeit an der Küste Alabamas Sklaven angelandet.

»Diejenigen, die das Halten von Sklaven aus den verschiedensten Gründen rechtfertigen«, schreibt Zora Neale Hurston in der Einleitung ihres Buchs »Barracoon«, »haben ihre Sicht der Dinge dargestellt. Darunter etliche Sklavenschlepper, die mit ihren Großtaten im Handel fleischlicher Konterbande geprahlt haben.« Auch die Kritiker des Sklavenhandels seien ausführlich zu Wort gekommen, »aber kein einziges Wort von den Verkauften. Von den Königen und Kapitänen, deren ­Worte Schiffe bewegten. Aber kein einziges Wort von der Fracht. Die ­Gedanken des ›schwarzen Elfenbeins‹, der ›Währung Afrikas‹, hatten keinen Marktwert.«

Wert wurde den Gedanken und Worten der ehemaligen Sklaven auch zu Hurstons Lebzeiten nicht beigemessen. »Barracoon: The Story of the Last ›Black Cargo‹« erschien erst 2018 in den USA, fast 60 Jahre nach dem Tod der Autorin. In dem Buch ­erzählt Cudjo Lewis seine Geschichte »ohne interpretierende Einmischung«, wie die Autorin im Vorwort betont. In einem Brief an ihre Geld­geberin berichtet Hurston 1931 von der Forderung eines Verlags, das Buch umzuschreiben und den afroamerikanischen Südstaatendialekt, in dem Cudjo Lewis sein Leben erzählt, durch eine eingängigere Sprache zu ersetzen. Zu diesem Kompromiss war sie nicht bereit, deshalb blieb das Manuskript für mehrere Jahrzehnte ungedruckt.

»Meine Augen weinen nicht, aber in mir drin laufen die Tränen immerzu« Cudjo Lewis

Nicht nur die Form widersprach dem, was die weiße Mehrheitsgesellschaft oder die Vertreter der Harlem Renaissance lesen wollten. »Barracoon« erzählt weder eine Heldengeschichte, noch weist es einen »Weg vorwärts in den amerikanischen Traum«, wie die Herausgeberin Deborah G. Plant im Nachwort schreibt. Das Buch erfüllt auch keineswegs die Forderung Alain Lockes, positive Bilder der Afroamerikaner zu zeichnen. Im Gegenteil spart »Barracoon« unangenehme Wahrheiten nicht aus, etwa dass auch Afrikaner in den Sklavenhandel verstrickt gewesen sind und dass die in den USA ge­borenen Nachkommen befreiter Sklaven diejenigen, die noch in Afrika geboren worden waren, als Wilde betrachteten. »Die Weißen hatten mein Volk hier in Amerika in der Sklaverei gehalten. Sie hatten uns gekauft und ausgebeutet. Aber die unleugbare Tatsache, die mir auf dem Magen lag, war diese: Mein Volk hatte mich in die Sklaverei verkauft und die Weißen hatten mich gekauft«, schreibt Hurston in ihrer Autobio­graphie darüber, was die Begegnung mit Cudjo Lewis in ihr ausgelöst hat. »Das machte dem Ammenmärchen ein Ende, mit dem ich aufgewachsen war – dass die Weißen nach Afrika gefahren seien, den Afrikanern mit einem roten Taschentuch zugewinkt und sie an Bord gelockt hätten und dann mit ihnen davongesegelt seien.«

Cudjo Lewis als freier Mann in den rassistisch geprägten USA der zwanziger Jahre

Cudjo Lewis als freier Mann in den rassistisch geprägten USA der zwanziger Jahre

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Cudjo Lewis wurde 1841 in der westafrikanischen Stadt Bantè geboren, mit 14 wurde der Angehörige der Isha-Yoruba zum Soldaten ausgebildet und wollte 1860 heiraten. Im gleichen Jahr wurde seine Stadt vom König von Dahomey überfallen, alle arbeitsfähigen Frauen und Männer wurden gefangen genommen, die übrigen Bewohner brutal ermordet. ­Lewis landete in einem Barracoon, einem Gefängnis, in dem Menschen auf ihren Verkauf in die Sklaverei warten müssen: »Nach drei Wochen kommt ein weißer Mann in den Barracoon mit zwei Männern aus Dahomey. Alle müssen sich im Kreis aufstellen, so zehn Leute in jedem Kreis. Der weiße Mann guckt und guckt. Dann wählt er aus.« Den größten Teil seiner Erinnerungen machen die Zeit in Afrika und die Überfahrt nach Amerika aus. Es sind ­Erlebnisse, nach denen ihn bisher niemand gefragt hatte. Mit Tränen in den Augen sagt er: »Danke, Jesus, dass jemand kommt und nach Cudjo fragt! Ich will jemand erzählen, wer ich bin, und eines Tages geht er vielleicht nach Afrikaland und sagt meinen Namen, und jemand da sagt: ›Ja, Kossola, den kenn’ ich.‹«

Ein der deutschen Ausgabe beigefügtes englischsprachiges Original­kapitel soll zeigen, dass es fast unmöglich ist, den gesprochenen und von Hurston transkribierten Dialekt Lewis’ ins Deutsche zu übertragen. Wie bei anderen Büchern Hurstons lohnt es sich also durchaus, zu­sätzlich das Original heranzuziehen. Dennoch bleibt »Barracoon« auch in der Übersetzung ein wichtiges Buch, da die Geschichte, die Cudjo Lewis erzählt, bisher in der Literatur fehlte.

Sein Leben war vor allem geprägt von unfreiwilligen Trennungen: von seiner Familie in Afrika, von den anderen Sklaven an Bord des Schiffs und schließlich von seiner Frau und seinen sechs Kindern, die er alle überlebt. »Meine Augen weinen nicht, aber in mir drin laufen die Tränen immerzu«, fasst Lewis seine andauernde Trauer einmal zusammen. Seinen Traum, nach der Befreiung am Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs 1865 nach Afrika zurückzukehren, musste er bald aufgeben, da seine Ersparnisse nicht für eine Überfahrt ausreichten. Mit anderen ehemaligen Sklaven, die noch in ­Afrika geboren worden und mit der »Clotilda« nach Amerika gekommen waren, gründete er 1866 in Alabama den Ort Africatown, an dem die Traditionen, mit denen sie aufgewachsen waren, weitergetragen werden sollten. »Mit Africatown demonstrierten sie der Welt, wer sie waren, und es war eine Zuflucht vor weißer Vorherrschaft und Ächtung durch schwarze Amerikaner«, erläutert Deborah G. Plant im Nachwort.

Die Geschichte eines Mannes, der an afrikanischen Traditionen festhält und sich nicht scheut, die Brutalität »seiner Leute« zu beschreiben, musste fast 100 Jahre auf ihre Veröffentlichung warten. »Wenn man ›Barracoon‹ liest, versteht man sofort, welches Problem viele Schwarze, vor allem schwarze Intellektuelle und politische Führer, vor Jahren damit hatten«, schreibt die US-amerikanische Schriftstellerin Alice Walker im Vorwort des Buches. Sie leitete 1975 die Wiederentdeckung der 1960 verstorbenen Hurston ein, die völlig in Vergessenheit geraten war.

Nach dem Börsencrash von 1929 verlor Hurston die finanzielle Unterstützung ihrer Mäzenin. Ohnehin hatte die Wirtschaftskrise das aufflackernde Interesse der US-amerikanischen Gesellschaft an afroamerikanischer Kultur und Geschichte wieder abflauen lassen. Dennoch etablierte sich Zora Neale Hurston als Autorin. Nach der Veröffentlichung ihres in Florida angesiedelten ­Romans »Their Eyes Were Watching God« (1937) galt sie als wichtigste afroamerikanische Autorin der ­Gegenwart. Nebenbei betrieb sie weiter ethnographische Studien, forschte zu Voodoo auf Haiti, reiste mit Alan Lomax durch Georgia, um afroamerikanische Songtraditionen zu erforschen, und suchte in Hon­duras nach den Ruinen von Maya-Tempeln.

Trotz ihres vielfältigen Engagements ging es mit ihrer Karriere bald nach Erscheinen ihrer Autobiographie 1942 bergab. Ihre Bücher verkauften sich nicht so gut wie er­wartet, Aufträge und Forschungsstipendien blieben aus und immer ­öfter musste sie Aushilfsjobs annehmen. In ihrem letzten Lebensjahrzehnt arbeitete sie als Dienstmädchen und Aushilfslehrerin, schließlich lebte sie von der Wohlfahrt. Als sie 1960 in einem Pflegeheim starb, mussten Nachbarn für ihre Beerdigung sammeln. Da Geld für einen Grabstein fehlte, wurde sie in einem anonymen Grab beerdigt. Auf ihrer Sterbeurkunde war ihr Name falsch geschrieben; ihre persönlichen ­Dokumente wurden verbrannt, darunter Briefe, Fotografien und Tage­bücher. Auch ihre Bücher waren in Vergessenheit geraten – bis Alice Walker sich 1973 entschloss, ihr Grab zu suchen; sie schrieb einen viel­beachteten Artikel über diese Suche und die Bedeutung von Zora Neale Hurston für ihr eigenes Schreiben. Ohne diesen Essay Walkers wäre »Barracoon« wohl für immer unveröffentlicht geblieben, und die Zeugnisse von Cudjo Lewis und Zora Neale Hurston wären für die afroameri­kanische Geschichtsschreibung verloren gegangen.


Zora Neale Hurston: Barracoon. Die ­Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven. Herausgegeben von Deborah G. Plant. Aus dem amerikanischen Englisch von Hans-Ulrich Möhring. Penguin, ­München 2020, 224 Seiten, 20 Euro