Ein Gespräch mit Robin Wonsley über Antifaschismus und Militanz in Minneapolis

»Wir brauchen eskalierende Antworten«

Robin Wonsley ist seit etlichen Jahren in antirassistischen und antikapitalistischen Gruppen in Minneapolis und Minnesota aktiv und war von Beginn an beteiligt an den Protesten, die auf den gewaltsamen Tod George Floyds folgten. Mit der »Jungle World« sprach sie über die Proteste gegen Polizeigewalt.
Interview Von

Seit dem ersten Tag der Demonstrationen waren Sie auf den Straßen von Minneapolis. Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen im Protestgeschehen?

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Die letzten Tage kommen mir wie eine halbe Ewigkeit vor. Wir haben alle kaum Schlaf gehabt und es fällt mir schwer, einzelne Momente herauszuheben. Leider war es für mich auch bei weitem nicht das erste Mal, dass ich mich an einem Protest aufgrund der Tötung eines schwarzen Menschen be­teiligen musste. Überrascht war ich vom rasanten Tempo. Sprichwörtlich über Nacht konnten Zehntausende Menschen zum wahrscheinlich bislang größten Protest gegen Polizeigewalt mobilisiert werden. Eindrücklich erinnere ich mich an die Szene, als die Masse von Protestierenden sich in Richtung des Polizeireviers in Bewegung setzte. Nicht zuletzt aufgebracht durch die falsche Berichterstattung lokaler Medien, die George Floyds Tod als medizinischen Unglücksfall bagatellisierten, stießen immer mehr Leute dazu, so dass die organisierten Gruppen bald nicht mehr den Zug anführen konnten. Bald war überhaupt kein Anfang und kein Ende der Demonstration mehr auszumachen.

»Antifaschisten sind eine Bedrohung, da sie Trumps Ideologie grundlegend und frontal angreifen.«

Es gab also keine zentrale, tonangebende Organisation?

Genau das war ja das Beeindruckende: Nachdem das Polizeigebäude umstellt war, wurde die Vielstimmigkeit des Protest direkt wahrnehmbar. An jeder Ecke griffen sich Menschen Megaphone und berichteten über ihre persönlichen Erfahrungen mit Polizeigewalt und darüber, was die Bilder der tödlichen Gewalt gegen George Floyd in ihnen auslösen. Diese persönliche Betroffenheit habe ich so noch nie zuvor auf einer Demonstration erleben können. Ich war zu Tränen gerührt.

Die Bilder, die tags darauf die Medien bestimmten, waren aber andere.

Ich bin nach dem offiziellen Ende der Demonstration nach Hause gegangen, was jedoch der Zeitpunkt war, an dem sich die Situation wirklich zuspitzte. Die ganze Nacht saß ich vor Livestreams, sah Angriffe und Gegenangriffe von Demonstranten und Polizei und musste mitverfolgen, wie einige meiner Freunde von der Polizei verletzt wurden.

Was macht man in so einer Situation zu Hause?

Ich griff zum Handy und tauschte mich in den Chats mit den Afrosocialists der DSA aus. Wir entschieden uns dafür, diejenigen zu unterstützen, die da draußen waren und mit Gummigeschossen und Tränengas beschossen wurden. Innerhalb von wenigen Stunden hatten sich fast 3 000 US-Dollar Spenden auf meinem Konto gesammelt. Wir sind dann am nächsten Morgen sofort zum nächsten Laden gefahren, wo wir uns mit Milch, Wasser und Snacks versorgten. Bei der Essens­ausgabe an die Protestierenden geriet dann auch ich unter Tränengasbeschuss.

Wie hält man einen Protest aufrecht, der in unter an einen Ausnahmezustand erinnernden Bedingungen stattfindet und die Situation für viele wahrscheinlich nicht besser macht?

In einigen Gebieten der Stadt wurden alle Einrichtungen, die gerade wieder geöffnet hatten, und weitere Einrichtungen grundlegender Versorgung verrammelt. Lebensmittelhändler vernagelten ihre Türen aus Angst vor Plünderungen. Wir machten es uns also zur Aufgabe, der Stadtbevölkerung und den Protestierenden Zugang zu den wichtigsten Gütern zu ermöglichen. Nach einem Spendenaufruf konnten wir Essensausgaben und medizinische Versorgung in großem Stil auf die Beine stellen. Es war toll zu sehen, wie organisierte Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem ­Gesundheitsbereich mobile Teams bildeten und dorthin gingen, wohin kein Krankenwagen mehr kam.

Wie hat es sich ausgewirkt, dass in den ersten Tagen keine etablierte Organisation in der Lage war, die Proteste zu kanalisieren?

Lediglich kleinere radikale Gruppen schafften es, eigene Akzente zu setzen und effektiv zu mobilisieren. Es fanden sich immer neue Ausgangspunkte spontaner Proteste. Nachdem das Revier des dritten Polizeibezirks in Flammen stand, zogen die Menschen weiter zum Revier des fünften Polizeibezirks – bis die Nationalgarde eintraf. Es gab einfach eine kritische Masse von Menschen, die überall dort auftauchten, wo der staatlichen Übermacht die Zähne gezeigt werden konnte.

Insbesondere Brandstiftungen, Plünderungen und andere militante Akte dominieren die Schlagzeilen. Wie kommt das in der Bewegung an?

Auch wenn es da niemals Konsens geben wird, setzt sich bei vielen langsam die Erkenntnis durch, dass wir eskalierende Antworten brauchen, um wirklich etwas zu bewegen. Diejenigen, die frühere Proteste angeführt haben, konnten stets noch den Dialog mit den Herrschenden als probates Mittel inszenieren. Am Ende hat sich aber nie etwas grundlegend geändert. Wir sind am Ende des Dialogs angelangt. Wir mussten erst unsere eigenen Wohngebiete niederbrennen, um an den Punkt zu gelangen, ganz neu anfangen zu können.

Sie sprechen von einem Zustand des Bürgerkriegs, in dem sich Minneapolis befinde. Diesen Umstand wollen auch militante Rechte für sich nutzen, die bereits vereinzelt am Rande der Proteste auftauchten.

Die Gefahr besteht, dass auch die militante Rechte die Situation für ihre Zwecke nutzen wird. Sie würde die Situation gerne als race war inszenieren, um ihre Anhängerschaft zu mobilisieren. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass die Linke zu einer kollektiven Stimme findet. Die radikale Rechte hat den Vorteil, dass der Bevölkerung über Jahrzehnte eingetrichtert wurde, die Klassenfrage sei eigentlich eine Frage von Einstellungsmustern ethnischer Gruppen und diejenigen, die am stärksten unter dem System leiden, seien selbst schuld. Solange die Linke es nicht schafft, dies auch vor der weißen Unterschicht als Mythos zu entlarven, wird die rechte Bewegung diese verbreitete Ansicht nutzen. Die antirassistische Bewegung braucht die antikapitalistische, um erfolgreich zu sein, und ­umgekehrt.

Wird es die Bewegung beeinflussen, wenn »die Antifa« als terroristische Organisation eingestuft wird, wie US-Präsident Donald Trump angekündigt hat?

Zunächst einmal ist der Vorstoß gegen die Antifa der offensichtlichste Versuch, gegen alle Organisationen mobil zu machen, die das Amerika von Donald Trump bedrohen. Antifaschisten sind eine Bedrohung, da sie Trumps Ideologie grundlegend und frontal angreifen. Wenn die Linke es erlaubt, dass solche Verbotsvorstöße durchgesetzt werden, wird es auch andere Gruppen aus ihren Reihen treffen. Als Nächstes wären die Sozialisten dran, danach die antirassistische Bewegung. Natürlich wird in der Bewegung ab und zu abfällig über dahergelaufene Antifa-Typen gesprochen, aber das muss aufhören, weil das einer Spaltung Vorschub leistet.

Wie lässt sich die Unterstützung der Bewegung durch Stadtbevölkerung und Gewerkschaften aufrechterhalten?

Der Busfahrer, der die erfolgreiche Initiative in die Wege geleitet hat, dass die städtischen Busse nicht mehr im Auftrag der Sicherheitskräfte fahren, ist organisierter Sozialist. Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, Personen aller möglichen Berufsgruppen in unseren Organisationen zu vereinen und Verbindungen zwischen ihnen aufzubauen. Gewerkschaften waren bisher immer zurückhaltend, wenn es um Polizeigewalt ging, weil sie Polizisten als Teil ihrer Klientel begreifen. Dass die Polizei am Ende immer auf der falschen Seite der Barrikaden steht, hat sich nicht zuletzt in den großen Lehrerstreiks der vergangenen Jahre gezeigt. Auch diese Erfahrungen haben dazu geführt, dass die derzeitigen Proteste bei den Gewerkschaften als Katalysator für die Erkenntnis wirken, dass die Polizei nicht dazugehört. Die Gewerkschaft, für die ich arbeite, traut sich nun erstmals, öffentlich die Vertreter der Po­lizeigewerkschaft zu kritisieren. Das wäre vor einigen Wochen noch undenkbar gewesen.

Welche Unterstützung erhoffen Sie sich von linken Bewegungen anderer Länder?

Die lokalen Proteste vor Ort sollten auf jeden Fall unterstützt werden, aber nicht, um sich in irgendeiner abstrakten Form für uns einzusetzen, sondern um gemeinsame Erfahrungen vor Ort zu sammeln, um die Gruppen zu unterstützen, die schon länger gegen rassistische Strukturen kämpfen. Nach meinen Erfahrungen in Deutschland gibt es dort in diesem Bereich noch alle Hände voll zu tun.