Quasireligiöse Elemente im derzeitigen Antirassismus

Der Katechismus der Antirassisten

Manche Spielarten des Antirassismus dieser Tage gleichen mehr einer religiösen Bewegung als einer kritischen Reflexion des Rassismus.

Bei einer so himmelschreienden Ungerechtigkeit, wie es die Tötung George Floyds war, scheint das Bedürfnis, sich zu regen, enorm zu sein. Ein weiterer Grund für die außerordentliche Mobilisierung der vergangenen Wochen dürfte gewesen sein, dass die diesjährigen »Black-Lives-Matter«-Proteste eine willkommene Ablenkung von den seit Monaten dominierenden, bedrückenden Nachrichten über die Covid-19-Pandemie bildeten. Das Gefühl, dem Virus ohnmächtig gegenüberzustehen und sich auf Distanzkommunikation beschränken zu müssen, belastete Linke weltweit; eine Stimmung, die das Wissen ­darum, dass die Pandemie arme und somit meist auch nach rassistischen Kriterien benachteiligte Menschen wesentlich härter trifft, noch weiter trübte.

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Insofern boten die Proteste von »Black Lives Matter« eine Gelegenheit, sich wieder einem greifbareren Thema zu widmen, das zudem ein Herzensanliegen der Linken ist und das vermeintlich klare Fronten setzt: dem Rassismus und seiner Bekämpfung. So mag es einen nicht wundern, dass Bekannte und Freunde, die eben noch die Kampagne unter dem Hashtag »Stay The Fuck Home« unterstützten und Bilder von sich im Schlafanzug posteten, um klarzustellen, dass sie bei der Pandemiebekämpfung ordentlich mitmachen, sich am 6. Juni umstandslos mit 15 000 anderen auf dem Berliner Alexanderplatz tummelten, um ihrer Wut über die Tötung Floyds Luft zu machen und auch in diesem Fall klarzustellen, dass sie auf der richtigen Seite der Barrikade stehen.

Anscheinend hängen immer noch viele Konzepten wie Critical Whiteness an, checken Privilegien und decken sogenannte Mikroaggressionen auf. Dabei findet eine Verlagerung des Politischen ins Private statt, die das Gesellschaftliche nahezu komplett ausblendet.

Den Umfang der gegenwärtigen antirassistischen Mobilisierung lediglich auf, salopp gesagt, Hummeln im Hintern zurückzuführen, griffe jedoch zu kurz. Das Ausmaß des Interesses am Antirassismus, wie es sich allenthalben manifestiert, kann so einfach nicht erklärt werden. Texte und Bilder, Erfahrungsberichte und Leseempfehlungen erfreuen sich ­einer solchen Beliebtheit, dass man soziale Medien kaum mehr nutzen kann, ohne sofort und ständig mit Antirassismus vom Schlage der Critical Whiteness befasst zu werden.

Die Positionen mögen im Einzelnen variieren und divergieren, doch eine Art Grundstimmung scheint sich herauszubilden – zumindest im deutschen Kontext, der aber in dieser Frage immer stärker und wohl wie nie zuvor durch den US-amerikanischen geprägt und durch die Übernahme dortiger Konzepte gekennzeichnet ist. Sie zeigt sich zum Beispiel daran, dass die Buchhandlungen einige Bücher empfohlener Autorinnen und Autoren nicht mehr liefern können und auch die Bibliotheken Wartelisten führen. Doch stellt ein gekauftes oder geliehenes Buch bekanntlich noch längst kein gelesenes dar; wichtiger noch ist, dass die Bücher, um die es da geht, sich meist zwischen Erfahrungsbericht und Politikberatung bewegen – radikale, gar materialistische Rassismuskritik findet sich in den derzeit gefeierten Büchern nicht. Was darin kolportiert wird, ist hinlänglich bekannt und kritisiert worden: Dennoch frönt man weiter Konzepten wie Critical Whiteness, checkt Privilegien und deckt sogenannte Mikroaggressionen auf. Ja, es wird über strukturellen und systemischen Rassismus gesprochen. Die Antwort ist trotzdem erstaunlich häufig: »Die Weißen« müssen sich ändern. Es soll also eine Frage der persönlichen Einstellung und Leistung sein, jeder und jede muss nur ausreichend an sich arbeiten. Kein Wunder also, dass jetzt alle Antirassisten sind und selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – wohl unabsichtlich – die schwarze Philosophin und für ihre antiisraelischen Positionen bekannte Angela Davis zitiert: »Es reicht nicht aus, ›kein Rassist‹ zu sein. Wir müssen Antirassisten sein!«

Nun ist die Feststellung, dass jemand, nur weil er oder sie nicht der Meinung ist, Schwarze sollten an Bäumen aufgeknüpft werden (erstaunlicherweise blieb nahezu unbemerkt, dass in Kalifornien jüngst zwei Afroamerikaner mutmaßlich gelyncht wurden), noch kein Anti­rassist ist, zwar bei vielen Leuten tatsächlich noch nicht angekommen, aber dennoch sehr trivial. Diejenigen, die verstanden haben, dass es damit noch nicht getan ist, aber gleichzeitig keinen Begriff davon haben, wie Rassismus und Kapitalverhältnis zusammenhängen, kommen somit in ein Dilemma.

Es ist schließlich keineswegs so, dass der Rassismus verschwindet, wenn »wir alle« beschließen, dass es ihn nicht mehr geben soll. Die Covid-19-Pandemie träfe in den USA und Brasilien weiterhin vor allem Schwarze und Indigene. Auch nette Polizisten würden kaum einen Unterschied machen in einer Welt, in der die Hauptaufgabe der Polizei ist, das Privateigentum zu schützen und in der zugleich schwarze Menschen überproportional häufig über ebensolches nicht verfügen. Insofern erweisen sich die Appelle an staatliche Institutionen, Critical Whiteness zur Maß­gabe zu machen, und die Hoffnungen, die in Aufklärungsarbeit gesetzt werden, als naive Donquijoterien.

Der Rassismus ist sehr langlebig in einer Welt der Dekolonisierung und rechtlichen Gleichstellung. Dass es hier einen Zusammenhang zur kapitalistischen Produktionsweise geben muss, die Frage, warum der Rassismus fortlebt, also keine von persönlicher Einstellung und seine Bekämpfung keine einfache Sache der Pädagogik ist, wird dabei so offensichtlich, dass man fast laut »Hauptwiderspruch!« rufen möchte. Dass die bürgerlichen und linken Antirassisten also die Persistenz des Rassismus zwar sehen, aber nicht materialistisch denken können oder wollen, sorgt dafür, dass die gegenwärtige Popularität vor allem der Critical Whiteness bei den Protesten diese mehr einer religiösen Erweckungsbewegung als einer politischen ­Bewegung gleichen lässt – wobei gewiss in jeder politischen Bewegung säkularisierte Rudimente der monotheistischen Erweckungsbewegungen zu finden sind.

Diese Erweckungsbewegung erfasst in Deutschland in erster Linie junge, weiße, gebildete Menschen, die zuvor in unterschiedlichem Maße politisiert waren. Es handelt sich also um Angehörige der Mehrheitsgesellschaft, die – so der Jargon – privilegiert sind und im Angesicht der Aufstände schwarzer Menschen dies- und jenseits des Atlantiks eine Art Epiphanie erleben. Für jene, für die die Protestparole »I can’t breathe« von existentieller Bedeutung ist, trifft dieser Umstand freilich weit weniger zu.

Initialzündung für diese Erweckungsbewegung junger Weißer war der Tod George Floyds, dessen Wehrlosigkeit ihn zu einer Identifikationsfigur machten. Seine Klage »I can’t breathe« war zwar schon seit dem Tod des ebenfalls erstickten Eric Garner 2014 zur Parole der BLM-Bewegung geworden, gewann aber, weil derzeit eine Atemwegserkrankung weltweit grassiert, noch zusätzliche Wucht und fungiert als religiöse ­Losung.

Gekennzeichnet sind große Teile des gegenwärtigen Antirassismus durch ein erstaunlich simples, beinahe manichäisches Weltbild: hie weiß, da schwarz. Dass die Erklärungskraft dieser beiden Kategorien schon im US-amerikanischen Kontext an ihre Grenzen stößt, wenn es um die Erfassung rassistischer Strukturen geht, zeigt allein der Umstand, dass unter den Polizisten, die während der Tötung Floyds dem strangulierenden Kollegen den Rücken deckten, ein Latino und ein Asiate waren. In Europa, das zuletzt eine »Brexit«-Kampagne erlebt hat, in der Ressentiments gegen Osteuropäer geschürt wurden, und wo beispielsweise in Berlin ein Großteil der Obdachlosen Bürger osteuropäischer EU-Staaten sind, verliert die Dichotomie »BIPoC – weiß« weiter an Plausibilität. Ganz zu schweigen davon, dass der Antisemitismus vollkommen unerfasst bleibt, was nicht zuletzt solche Blüten trieb, dass im Internet Forderungen kursierten, »ending white privilege« heiße auch »ending Jewish privilege«, garniert mit einer alten Statistik, um die überproportionale Zahl jüdischer Studierender an US-amerikanischen Colleges zu belegen.

Dass in Deutschland der Tod Floyds eine Massenmobilisierung auslöste, was weder die rassistischen Morde von Hanau noch der antisemitische Anschlag von Halle vermochten, verweist nicht nur auf die Wirkkraft antiamerikanischer Ressentiments, sondern macht die quasireligiöse Identifikation umso leichter, da sie kaum Konsequenzen für das eigene Leben verlangt. Am deutlichsten wurde und wird der quasireligiöse Charakter der Bewegung indes in ­ihrer moralischen Selbstsicherheit und Selbsterhöhung, die einen penetranten Missionierungswunsch ­zeitigt. Der kolportierte Slogan »Silence is violence« (Schweigen ist Gewalt) bezeugt nicht nur, dass die Bewegung wohl noch zwischen einem Lynchmord, einem rassistischen Witz und Schweigen vielleicht noch zu unterscheiden vermag, es jedoch meistenteils nicht mehr will, sondern illustriert auch exemplarisch das der Mission zugrundeliegende Denken: Wer jetzt nicht mitmacht, der ist moralisch wirklich verkommen.

Dass es vollkommen wohlfeil ist, eine schwarze Kachel auf Instagram zu posten, wenn dies alle tun und es lediglich der eigenen Selbstvergewisserung dient, ist die eine Sache. Dass der Gedanke »Wenn du nicht für uns bist, bist du gegen uns« außerdem schon ein Schritt Richtung Autoritarismus ist und das Zögern, Nachdenken und Zweifeln zu suspendieren sucht, ist der viel bedenklichere Punkt. Doch wo das Privileg, das letztlich in der falsch eingerichteten Gesellschaft einigen eben erst die Möglichkeit zu Distanz und Reflexion gibt, per se unter Generalverdacht gerät, gerät auch der Privilegierte unter Generalverdacht, wenn er sich nicht dem Katechismus der Uniformität unterordnen will.

Zur moralischen Selbstüberhöhung gesellt sich die Selbstkasteiung. Auch diese ist eng mit dem Privilegienbegriff verbunden. Privilegien, die zu bekennen sind, werden zu einer Art Sündensurrogat. Dass Kritik einer Reflexion auf die eigene gesellschaftliche Position bedarf, steht außer Frage. Doch der »antiprivilegatorischen Aktion« geht es nicht um Reflexion, sondern um Schuldbewusstsein. Jeder und jede Weiße müsse sich permanent seiner Schuldhaftigkeit inne sein und diese bekennen. Dass aus den USA Bilder auftauchten, auf denen Weiße zu sehen waren, die schwere Ketten um den Hals und Schilder mit der Aufschrift »I’m sorry« trugen, ist nur ein besonders krasser Ausdruck zeitgenössischen Flagellantentums.

Zur erleuchteten Bewegung gehören die Bilderstürmer. Nun hat das spontane Stürzen von Statuen, die Personen darstellen, die in direktem Zusammenhang mit Sklavenhandel stehen, durchaus seine Berechtigung. Sie zu zerschlagen, ist ein Akt der Selbstbefreiung, nicht umsonst zieren zahllose französische Kirchen kopflose Heiligenstatuen. Doch da die personalen Herrschaftsverhältnisse in den Städten, in denen die Statuen fallen, nicht mehr existieren, nimmt der symbolische Charakter der Aktionen überhand. Es geht um einen Ikonoklasmus, der nicht zu Unrecht seine Antwort von staat­licher Seite fand. Über solch symbolische Akte macht sich die Bewegung zugleich integrierbar. Zu schlechter Letzt gibt es für die erweckten Weißen sogar ein Paradies, aus dem sie sich selbst vertreiben wollen. Der von der Autorin Tupoka Ogette geprägte Begriff »Happyland« bezeichnet diesen Garten Eden, in dem angeblich alle Weißen leben, bevor sie sich des gesellschaftlichen Rassismus bewusst werden. Wie überheblich man sein muss, pauschal allen weißen Menschen zu unterstellen, sie würden in einem Land des Glücks leben, während sich die schlimmste Wirtschaftskrise ­aller Zeiten anbahnt, kann nur übersehen, wer sich unbedingt selbst auf der moralisch sicheren Seite wissen will.

Es darf nicht darum gehen, die Proteste in Bausch und Bogen zu diskreditieren. Aber die theoretischen Schwächen der zeitgenössischen Terminologie bereiten den Boden für eine Inszenierung von Selbstunterjochung, die das Gegenteil kritischen Bewusstseins darstellt.