Gary McLelland Direktor der NGO »Humanists International« über die Verfolgung von Atheisten

»In vielen Ländern erschwert Tribalismus das Zusammenleben«

Gary McLelland ist Direktor der in London ansässigen NGO Humanists International, die für die Studie »Humanists at Risk: Action Report 2020« mit 76 Personen aus Pakistan, Philippinen, Kolumbien, Indien, Nigeria, Malaysia, Indonesien und Sri Lanka gesprochen hat. Der Bericht hebt die spezifischen Probleme säkularer Aktivisten in den untersuchten Ländern hervor.
Interview Von


Für Ihren neuen Bericht haben Sie humanistische und atheistische Aktivisten aus acht Ländern befragt. Welches Bild ergibt sich aus diesen Interviews?
In Kolumbien zum Beispiel blicken die Aktivisten etwas optimistischer in die Zukunft, weil die Gesellschaft in eine liberale und offenere Richtung tendiert. Allgemein haben die meisten Aktivisten in den anderen Ländern aber Angst, dass sich die Situation verschlechtert und ihr Engagement riskanter wird. Allerdings hat sich mit der Ausbreitung der sozialen Medien einiges verändert. Es ist jetzt viel leichter als früher, sich mit anderen Freidenkern und Humanisten zu vernetzen. Wenn man in einem solchen Land Humanisten trifft, begegnet man Reformerinnen, Demokraten, liberalen Journalistinnen, Bloggern und Feministinnen. Das Wort, das ich gebrauchen würde, um die Erfahrungen dieser Leute zusammenzufassen, ist Unsichtbarkeit.

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Sie wollen den Blick auf individuelle Erfahrungen lenken.
Exakt. Quantitative Vergleiche von Ländern, in denen Atheisten besonders verfolgt werden, gibt es schon. Wir denken, wir können hier einen Ausgangspunkt für qualitative Analysen setzen.

In dem Report geht es um Menschen aus Pakistan, den Philippinen, Indien oder Kolumbien. Das sind kulturell sehr unterschiedliche Länder. Ist die Qualität der Unterdrückung überhaupt vergleichbar?
Die Schwere der Verfolgung ist natürlich sehr unterschiedlich. In einem Land wie Pakistan ist es außerdem sehr schwierig, herauszufinden, wie viele Atheisten und Humanisten dort wirklich leben. Die Leute haben dort die Neigung, das für sich zu behalten. Viele Regierungen und Menschen in diesen Ländern akzeptieren das Konzept der Religionsfreiheit. Aber das Recht, zu konvertieren oder Apostat zu sein, stößt dort auf Unverständnis. Wir sind daran interessiert, die Häretiker und Dissidenten zu unterstützen. Es ist zudem der erste Report, der konkrete Lösungsvorschläge macht.

Ihre Forderungen beziehen sich auf rechtliche Gleichstellung und Gesetze, die das Leben von Religionslosen schützen sollen. Oft sind es aber nicht Staaten und Gesetze, die das Leben für Atheisten zur Hölle machen, sondern ihre Familien sowie die sie umgebende Gesellschaft und Kultur.
In vielen anderen Ländern gibt es eine starke gesellschaftliche Komponente und einen Tribalismus, der das Zusammenleben erschwert. Wir können da als kleine NGO natürlich nicht viel tun, außer uns um einen Dialog bemühen und für Toleranz werben. Wir versuchen natürlich, unsere Unterstützer vor Ort zu mobilisieren. Aber aus der Ferne können wir nur versuchen, über interna­tionale Organisationen und Regierungen Einfluss auszuüben.
Ein klassisches Beispiel ist Indien. Es ist die größte Demokratie der Welt und wurde auf der Basis von Pluralismus gegründet. Die Staatsgründer sahen sich als säkular. In letzter Zeit sehen wir aber einen erstarkenden Hindunationalismus, der ganze communities dämonisiert – nicht nur Atheisten, sondern vor allem Muslime. Zweifellos hat die indische Regierung unter Ministerpräsident Narendra Modi diese intolerante Stimmung im Land aufgegriffen und instrumentalisiert.

Für Atheisten und Religionskritiker sind die Freiheit der Rede und die Freiheit, Religionen zum Beispiel in Karikaturen anzugreifen, nicht voneinander zu trennen. Für Ihre Organisation ergibt sich da ein Spannungsfeld: Sie bemühen sich um Dialog, fordern aber auch das Recht auf eine radikale Religionskritik.
Als NGO versuchen wir in erster Linie, den diplomatischen Weg einzuschlagen. Andererseits wurde sehr wichtige Arbeit von Humanisten geleistet, die sich sehr kontrovers und ein wenig despektierlich über Religionen geäußert haben. Unser oberstes Ziel ist es, für die Sicherheit dieser Aktivisten zu sorgen. Wir sagen ihnen dann manchmal, dass sie ihre Sprache für ihre Arbeit überdenken sollten. Manchmal kommen die Aktivisten auf uns zu, weil sie in den sozialen Medien etwas veröffentlicht haben, wofür sie viel Ärger und Drohungen bekommen haben.

Zum Beispiel Mubarak Bala, der Präsident der Humanist Association of Nigeria, der im April dieses Jahres festgenommen wurde. Er wuchs in einem sehr fundamentalistischen muslimischen Elternhaus auf und hat sich später vom Islam losgesagt. Mubarak hat safe houses für Nigerianer gegründet, die vor Boko Haram geflüchtet sind. Er ist kein x-beliebiger Blogger, sondern eine bekannte Person in Nigeria, und tritt als sehr lautstarker Islamkritiker auf – für meine Freunde in London sind seine Posts in den sozialen Medien nicht besonders angenehm zu lesen. Aber man muss bedenken, unter welchen Umständen Menschen wie Bala groß geworden sind. Die Wut sollte sich viel mehr gegen die Art seiner Erziehung richten und gegen das Leid, das ihm widerfahren ist, als gegen seine provokativen Aussagen im Internet. Das Recht auf Religionskritik, auch auf beleidigende Art, ist für uns etwas, das wir immer verteidigen.

Die meisten der untersuchten Länder sind islamisch geprägt. Fälle, in denen atheistische Aktivisten mit dem Tode bedroht oder tatsächlich ermordet werden, finden sich in erster Linie dort. Für viele scheint das ein offensichtliches Problem zu sein, das man aber nur schwer ansprechen kann: Wer dem Islam abschwört, sieht sich schwerwiegender in seiner Existenz bedroht als Apostaten anderer Religionen. Manche kritisieren uns dafür, dass wir muslimische Länder nicht stärker ins Visier nehmen und nicht laut genug betonen, dass der Islam problematischer ist als andere Religionen. Ich halte es nicht für zielführend, das auf diese Weise zu betrachten. Wenn wir uns die Länder ansehen, in denen Humanisten und Atheisten am schlimmsten behandelt werden, zum Beispiel durch Antiblasphemiegesetze, dann erkennen wir, dass diese Länder islamisch sind. Allerdings gibt es diverse mehrheitlich islamische Länder, in denen Humanisten nicht so schlimm dran sind. Beides sind Tatsachen. Wir scheuen uns nicht, das zu benennen.

Welche Formen von Ausgrenzung und backlash erleben humanistische Aktivisten in den mehrheitlich christlichen Ländern, die untersucht wurden, also in Kolumbien und auf den Philippinen?
Es sind vor allem junge Menschen, die sich als Apostaten bezeichnen und die Idee ablehnen, dass ihre Länder katholisch dominiert werden. Durch Reisen und soziale Medien setzen sie sich verstärkt mit LGBT-Rechten, Akzeptanz von Transsexualität und Themen wie Abtreibungslegalisierung auseinander. Während die katholische Kirche in Nordamerika und Europa durch Missbrauchsskandale stark an Einfluss verliert, ist dieser in Lateinamerika, Afrika und Asien zum Teil nach wie vor extrem groß. Das äußert sich weniger in theokratischen Unterwanderungsversuchen oder offener Feindschaft gegen Atheisten und Humanisten. Vielmehr versucht die Kirche, die Regierungen in diesen Ländern zu beeinflussen und Fortschritte bei sozialen Reformen, Frauenrechten und Abtreibung zu hintertreiben.