Im Niger töteten wahrscheinlich Jihadisten Mitarbeiter einer französischen NGO

Terror im Giraffenpark

In Niger wurden acht Menschen, größtenteils NGO-Mitarbeiter, in einem Tierreservat ermordet. Die ermittelnde französische Sonderstaatsanwaltschaft geht von einer jihadistischen Attacke aus.

Vier Männer und vier Frauen im Alter zwischen 25 und 50 Jahren sind am vorvergangenen Sonntag im Südwesten des afrikanischen Sahel-Staats Niger Opfer einer terroristischen Attacke geworden: Sechs französische und zwei nigrische Staatsangehörige wurden getötet. Die meisten von ihnen wurden aus nächster Nähe erschossen. Einer der Frauen war es zunächst gelungen, vor den Angreifern zu fliehen. Diese holten sie jedoch ein und schnitten ihr die Kehle durch. Für jihadistische Täter spricht nicht nur, dass diese offensichtlich nicht beabsichtigten, die Opfer zu entführen, sondern auch die Form der Tötung. Ein Bekennerschreiben gibt es bislang nicht.

Der französischen Sonderstaatsanwaltschaft PNAT zufolge kommen vor allem der »Islamische Staat in der Großen Sahara« und Boko Haram als Urheber der Mordattacke in Frage.

Die Angreifer waren auf Motorrädern an den Ort des Verbrechens gekommen und hatten auf ihre Opfer gewartet, die mit einem Geländewagen unterwegs waren. Die Täter verbrannten mehrere der Leichen mit einem Flammenwerfer und zündeten den Wagen an. Einige der Toten waren kaum zu identifizieren. Das Geschehen spielte sich sechs Kilometer von der ländlichen Gemeinde Kouré entfernt ab. Diese liegt rund 60 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Niamey in der Region Tillabéri. Der Tatort befindet sich in einem Giraffenreservat. Dieses wurde eingerichtet, nachdem eine Herde ­anderswo ausgerotteter Peralta-Giraffen vor rund 20 Jahren in der dortigen Hügelsteppe Zuflucht gefunden hatte.

Anzeige

Das nur 45 bis 60 Autominuten von Niamey entfernte Reservat ist ein beliebtes Ausflugsziel. Bislang wurde es nicht als besonders gefährliche Gegend eingestuft. Das französische Außenministerium nutzt vier Farben, um Sicherheitsrisiken im Ausland zu klassifizieren: Grün steht für gefahrlos, gelb für gebotene Vorsicht, orange für Gegenden, in die man nur »mit wichtigem Grund« reisen sollte, und rot für eine ausdrückliche Reisewarnung. Ähnlich wie das Nachbarland Mali war Niger bis vor kurzem in eine sehr große rote Zone, die den Norden und das Zentrum des Landes umfasste, und eine kleinere orangefarbene eingeteilt. Nur Niamey und die Straße, die von dort über Kouré und die Stadt Dosso in das Nachbarland Benin führt, waren bis Dosso gelb markiert.

Die Getöteten hatten sich also, entgegen anderslautenden Vorwürfen in manchen Medien, keineswegs unvorsichtig verhalten. Dies bekräftigte Joseph Breham, der Anwalt der in Paris ansässigen NGO Acted, am Montag ­voriger Woche im französischen Fernsehen. Acted beschäftigte sieben der acht Getöteten. Im Lauf der vorigen Woche stufte das französische Außenministerium den gesamten Niger als rote Zone ein – mit Ausnahme Niameys, das nun orange gekennzeichnet ist.

Acted wurde 1993 gegründet. Derzeit leistet die NGO in 37 Ländern humani­täre Hilfe. Auf diesem Gebiet ist sie inzwischen die zweitgrößte französische NGO nach Ärzte ohne Grenzen. Der Direktor von Acted, Frédéric Roussel, sag­te am Montag voriger Woche bei einer Presse­konferenz, es sei bittere Ironie, dass die Mitarbeiter von Acted im Niger und anderswo in den »roten Zonen« tätig seien, um der dortigen Bevölkerung zu helfen, der Angriff jedoch in einer Region erfolgt sei, die bis dahin als wesentlich sicherer gegolten habe. In das Giraffenreservat waren die Mitarbeiter gefahren, um sich einen Tag Freizeit zu gönnen.

Die Namen der beiden nigrischen Getöteten wurden bislang nicht bekannt. Es handelte sich um einen örtlichen Touristenführer und einen bei Acted angestellten Fahrer. Die sechs Französinnen und Franzosen arbeiteten teils seit Jahren, teils erst seit zwei Monaten für die NGO. Die 25jährige Myriam Dessaivre etwa hatte sich seit ihrem Studium auf humanitäre Einsätze spezialisiert. Vor ihrer Ankunft im Niger war sie bereits in Kolumbien, in Tunesien und im Tschad tätig gewesen. Die 28jährige Stella Gautron hatte zuvor in der Zentralafrikanischen Republik gearbeitet. Nadifa Loussa war von 2015 bis Anfang 2020 für das französische Verteidigungsministerium tätig, hatte sich dann jedoch für eine humanitäre Tätigkeit entschieden. Sie hielt sich für eine sechsmonatige Mission in Niger auf. Ein 26jähriger Absolvent der Elitehochschule École normale supérieure, Antonin Girardi, war Umweltökonom.

Um die nigrische Polizei zu unterstützen, kamen zehn französische Spurensicherungsspezialisten aus dem französischen Armeestützpunkt in Gao im Nachbarland Mali zum Tatort. Der Giraffenpark wurde vorläufig für Besucher geschlossen. In Tillabéri wurde der Ausnahmezustand verhängt. Dieser ermöglicht nicht nur Durchsuchungen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Er beinhaltet auch, dass das Motorradfahren in der Region bis auf Weiteres untersagt ist. Das soll den Angreifern Fluchtmöglichkeiten nehmen. Auf Ersuchen der nigrischen Armee stiegen zwei französische Kampfflugzeuge vom Typ Mirage 2000 auf, um die Region zu überwachen. Die Website Info Niger spricht auch von einer Unterstützung durch Spezialkräfte der US-Armee, die in Niamey einen Drohnenbasis für die Sahelzone unterhält. Regionale Medien wie Bénin Web TV berichteten bereits am vorvergangenen Dienstag, einer der Angreifer sei von den nigrischen Streitkräften gefangengenommen worden. Seitdem gab es darüber jedoch keine weiteren Meldungen.

Am Montag voriger Woche nahm die auf Terrorismus spezialisierte französische Sonderstaatsanwaltschaft PNAT Ermittlungen auf. Diese geht davon aus, dass der Angriff geplant war, sich aber nicht spezifisch gegen Acted, sondern generell gegen »westliche Ausländer« richten sollte. Dem PNAT zufolge kommen vor allem der »Islamische Staat in der Großen Sahara« und die im Nordosten des Nachbarlands Nigeria tätige Terrororganisation Boko Haram als Urheber in Frage. Ersterer greift von seinen Rückzugsräumen im Nordosten Malis und Burkina Fasos auf nigrisches Staatsgebiet über, Letztere terrorisiert die ­nigrische Region Diffa, in der seit längerem der Ausnahmezustand besteht. Getroffen werden sollte wohl auch, auf politischer und auf wirtschaftlicher Ebene, der nigrische Staat. Terrorangriffe sind schlecht für den Tourismus.