Eine Ausstellung über Künstler, die auch als Musiker aktiv waren

Art Rock

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt »Doppelleben«, eine Aus­stellung über bildende Künstler, sich auch als Musiker betätigt haben.

1982: Die Grünen sind kurz davor, in den Bundestag gewählt zu werden. Was noch fehlt, so dachten sich die Werbestrategen, ist ein schmissiges Lied. Kein geringerer als Joseph Beuys, der Deutschen liebster Esoteriker, sang das von der Partei in Auftrag gegebene Lied »Sonne statt Reagan«, das vor Antiamerikanismus und einer linken Form der German Angst nur so strotzt. In der ARD-Sendung »Bananas« trat Beuys tatsächlich mit der Band BAP auf, mit Ausnahme dessen Sängers Wolfgang Niedecken, der ­davon nichts wusste und den Text des Liedes später als »grottenschlecht« bezeichnete. Beuys, der sonst mit Filz und Fett herumhantierte, stand dort wie am Boden angeklebt und leierte den Text herunter: ein Künstler, der plötzlich zum Sänger geworden war.

Mike Kelley ist gleichermaßen Exorzist wie Teufel der US-amerikanischen Kultur gewesen, und das zeichnete auch seine Band Destroy All Monsters aus, die in allerlei düsteren Ecken nach Themen für ihre experimentelle Musik suchte.

In der Bundeskunsthalle in Bonn ist diese Aufnahme derzeit nicht zu sehen, obwohl sie rein formal in die derzeitige Ausstellung mit dem Titel »Doppelleben« gepasst hätte, die sich mit Bildenden Künstlern beschäftigt, die auch Musik gemacht haben. Für gewöhnlich trafen sich Musiker an der Kunsthochschule oder studierten dort, bevor sie sich der Musik zuwandten oder diese zu ihrer hauptsächlichen oder einzigen Profession machten: John Lennon besuchte das Liverpool College of Art, Bryan Ferry studierte Bildende Kunst an der Newcastle University und gründete mit seinem Kommi­litonen Graham Simpson Roxy Music, die Talking Heads lernten sich an der Rhode Island School of Design kennen, Kim Gordon machte ihren Abschluss am Otis College of Art and Design in Los Angeles und PJ Harvey wollte eigentlich Bildhauerei in London studieren, bevor sie sich, aber ohne Abschluss, der Musik verschrieb.

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Dass bildende Künstler gern auch zum Instrument greifen, ist nicht abwegig, sondern tatsächlich sehr verständlich. Der isolierten Arbeit im Atelier entflieht man hier, indem man als Musiker für gewöhnlich auch vor Publikum tritt, dessen Reaktion, anders als beispielsweise bei einem Bild an der Wand, nicht lange auf sich warten lässt. Und noch etwas anderes vermag die Musik: Sie ist unmittelbarer, zumindest für denjenigen, der sie macht. Künstler haben bei ihrer Arbeit selten das Gefühl eines Erfolges, zu zäh und langwierig ist das Malen eines Bildes oder das Arbeiten an einer Skulptur. Doch über die Saiten einer Gitarre muss man nur einmal streichen, um etwas zu erzeugen beziehungsweise zu hören – eine außerordentliche Befriedigung für jemanden, der teilweise Wochen an etwas arbeiten muss, um wirklich ein erstes Ergebnis sehen zu können.

Politische Motivationen, sich der Musik zuzuwenden, hatten insbesondere in den Neunzigern auch mit Pop-Ideen zu tun, wie bei der in München gegründeten Band Chicks on Speed, die seltsamerweise nicht in der Ausstellung in Bonn vertreten ist, obwohl sie an der Schnittstelle von Kunst und Musik Exzellentes geleistet hat, zum Beispiel im Design von Instrumenten, die gleichzeitig High-Heel-Schuh und künstlerisches Objekt sind. Die drei Gründungsmitglieder Melissa Logan, Alex Murray-Leslie und Kiki Moorse studierten an der Akademie der Künste und erzählten einmal Charlotte Roche in ihrer Sendung »Fast Forward«, wie sie zur Musik gekommen waren: »Die Musikidee war für uns wichtig, weil, wir haben immer so in Galerien unsere Sachen gezeigt und dann haben wir gemerkt, das ist so elitist, und wir wollten durch Musik sehr viele Leute erreichen.« Dass die drei keine Musikausbildung hatten, störte sie nicht, ihre Herangehensweise war eine anderere: »Wir be­nutzen Materialien, um unsere Ideen auszudrücken.«

Die Ausstellung in Bonn will nicht von Musikern erzählen, die auch mal was mit Kunst zu tun hatten, sondern sie will die Künstler vorstellen, die, wie es bei Chicks on Speed der Fall ist, das Medium Musik als Material benutzten. Und da gibt es so einige, angefangen in der klassischen ­Moderne bei Marcel Duchamp und László Moholy-Nagy. In den sechziger und siebziger Jahren explodierte die Anzahl an Musiker-Künstlern. Viele kennt man, wie Laurie Anderson, Throbbing Gristle (deren Kar­riere als Teil der Aktionsgruppe COUM Transmissions begann, die 1976 eine vieldiskutierte Ausstellung in London zeigte), Nam June Paik und Captain Beefheart.

Weniger bekannt ist die Band Destroy All Monsters, die sich 1973 gründete. Ihre Mitglieder Mike Kelley, Cary Loren, Niagara und Jim Shaw trafen sich ebenfalls im Kunststudium, und zwar an der University of Michigan. Kelley, der später ein weltbekannter bildender Künstler wurde, ist gleichermaßen Exorzist wie Teufel der US-amerikanischen Kultur gewesen, und das zeichnete auch seine Band aus, die in allerlei düsteren Ecken und in ekligen Gefilden nach Themen für ihre experimentelle Musik suchte. Trotz ihrer klassischen Besetzung (zwei Gitarren, Schlagzeug, Gesang) klang ihre Musik nicht nach klassischem Rock, zumindest nicht nach dem ihrer Zeit. Dass der Sonic-Youth-Sänger Thurston Moore 1994 eine Compilation mit Songs von Destroy All Monsters herausbrachte, zeigt, wie einflussreich die Noise-Experimente der Band für die Generation nach ihnen war. Dass sie Künstler waren, ermöglichte es, unkonventionell an die Sache heranzugehen, was sich dann auf die »echten« Musiker auswirkte und für einen Innovationsschub sorgte. Ein Stück von Destroy All Monsters trug den Titel »Drone« und zeigt an, was die Band interessierte: Geräusche. Später, da war Kelley schon nicht mehr bei der Band, veröffentlichte sie den wohl programmatischen Punksong schlecht­hin: »Bored«, in dem es um nichts anderes geht, als der Titel ­verspricht. Destroy All Monsters wollte als Band alle Konventionen brechen, wie eine Band zu klingen oder zu arbeiten hat, und darum, (Punk-)Ideen über die Welt möglichst schnell und einfach in die Welt zu tragen.

Der Pressetext zur Ausstellung nennt die »zunehmende Öffnung der Gattungsgrenzen« als wichtigen Grund, weshalb Künstler auch zu Musikinstrumenten greifen, doch ist das nur die halbe Wahrheit. ­Viele machen Musik, einfach weil sie mit Popmusik aufgewachsen und von ihr beeinflusst worden sind, und vor allem, weil sie dem Credo des Punk folgten, dass es eigentlich jeder kann.

Der performative turn in der ­heutigen Kunst, der eine Reihe neuer Künstler hervorgebracht hat, die auch Musik machen, behandelt diese als etwas anderes, nämlich als Staf­fage. Als Hintergrundmusik für Performances dudelt sie dahin, die ­Fähigkeit zum Spielen eines Instruments ist einer von vielen Skills, die man in der hyperflexibilisierten Arbeitswelt der Kunst draufhaben muss, um beispielsweise den Soundtrack für die Videoarbeit selbst zu machen oder das Publikum bei der eigenen Vernissage bei Laune zu halten. Wenn die Malerin Jutta Koether (die in der Ausstellung vertreten ist) oder der Konzeptkünstler John Miller bei ihren Ausstellungseröffnungen teilweise auch gemeinsam spielen, ist das nicht Fisch, nicht Fleisch. Die bloße Tatsache, dass hier ein Künstler Musik macht, bekommt schon das Label »Grenzüberschreitung« aufgedrückt. Die Musik muss dabei möglichst gekonnt experimentell sein, wie es auch bei Kim Gordons nach dem Ende von Sonic Youth lanciertem Bandprojekt Body / Head der Fall war – es wirkt bemüht.

Interessant wird es erst, wenn sich Künstler von ihren angestammten Formen und Foren wie eben dem Ausstellungsraum emanzipieren, denn Konzertbühne oder Albumproduktion stellen andere Anforde­rungen. Die Band Trabant um den Künstler Ragnar Kjartansson macht das betont simpel und gleichzeitig ­effekthascherisch: Ihr Musikvideo zu dem Song »The One« (ebenfalls in der Ausstellung zu sehen) ist wie für MTV gemacht, ein schillernder, dennoch leicht zugänglicher Popsong. Die in Island überaus popu­läre Band formierte sich, weil sie Spaß an der Musik hatte, ohne dies immer und überall mit der Kunst kurzzuschließen, die ihre Mitglieder auch machten. Ein wahres Doppelleben also.

Die Ausstellung »Doppelleben. Bildende Künstler*innen machen Musik« ist noch bis zum 18. Oktober in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen.