Small Talk mit Miriam Feldmann vom Rechtshilfekollektiv Chemie Leipzig über einen Fall von Polizeigewalt gegen einen Fußballfan

»Freifahrtschein für Gewalt«

Im Februar verletzten Polizisten einen Fan des Fußballclubs BSG Chemie Leipzig bei einem Regionalligaspiel im brandenburgischen Fürstenwalde schwer. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen die beiden Beamten jüngst eingestellt. Miriam Feldmann, die Pressesprecherin des Rechtshilfekollektivs Chemie Leipzig e. V., hat mit der »Jungle World« über den Fall gesprochen.
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Was ist dem Fan der BSG Chemie Leipzig im Februar zugestoßen?

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Vor dem Beginn des Spiels zwischen dem FSV Fürstenwalde und der BSG Chemie Leipzig suchten Leipziger Fans wegen eines Regenschauers Zuflucht unter dem Tribünendach im Stadion in Fürstenwalde. Um dahin zu gelangen, bestiegen sie einen Zaun. Der besagte Fan war gerade dabei, über den Zaun zu klettern, als ein Polizist ihn rabiat am Bein herunterzog. Dabei bohrte sich eine Metallstrebe des Zauns in den Oberschenkel und verursachte eine 20 Zentimeter lange Risswunde. Der verletzte Fan hing dann mit seinem Oberschenkel im Zaun. Ein anderer Fan erkannte die dramatische Situation, befreite das Bein und hob ihn herunter. Unter den Chemie-Fans befand sich glücklicherweise eine Krankenschwester. Sie übernahm die Erstversorgung, die die Polizei nicht leistete. Der Betroffene lag dann vier Wochen im Krankenhaus.

Wer hat die Polizisten angezeigt?

Der Verletzte hat mit einem Anwalt unserer Fanhilfe Strafanzeige gestellt wegen Körperverletzung im Amt und unterlassener Hilfeleistung. Zu Beginn gab es auch noch eine Anzeige wegen Verleumdung, weil die Brandenburger Polizei in einer Pressemitteilung geschrieben hatte, ein unsportlicher Fan sei vom Zaun gefallen und habe sich dabei verletzt. Aber da es ein Video gibt, auf dem man das Geschehen sehr gut erkennen kann, hat die Polizei das nicht weiter behauptet.

Wie bewertet Ihre Gruppe die Einstellung der Ermittlungen?

Wir können die Entscheidung nicht nachvollziehen, vor allem nicht angesichts der derzeitigen öffentlichen Debatten um Polizeigewalt. Offenbar hat die Staatsanwaltschaft kein Interesse, weitere Ermittlungen zu führen. Dabei ist die Beweislage erdrückend, wenn man das Video richtig auswertet. Wenn Fans einer Straftat beschuldigt werden, ist die Staatsanwaltschaft sehr wohl zur gründlichen Videoauswertung fähig. Sie hat zudem weder anwesende Offizielle und Polizisten noch weitere Fans und die Ersthelferin als Zeugen befragt.

Wie verhalten sich die Verantwortlichen des zuständigen Nordostdeutschen Fußballverbands und der Vereine?

Der Verband ist uns nicht wohlgesinnt. Sein Sportgericht hat die BSG wegen der Vorfälle in Fürstenwalde zu einer Geldstrafe von 2 000 Euro wegen »unsportlichen Verhaltens« verurteilt. Ein Verantwortlicher von Fürstenwalde hat das Vorgehen der Polizei zumindest als unglücklich und unüberlegt bezeichnet. Bei der BSG Chemie Leipzig ist die Empörung groß, dem Verein ist sehr daran gelegen, das Geschehene aufzuarbeiten.

Haben Fans häufiger unschöne Begegnungen mit der Polizei?

Nach unserer Beobachtung kommen solche Fälle völlig unverhältnismäßigen Vorgehens häufiger vor. Die Fanszene von Chemie gilt bei der Polizei als gut organisiert, links-alternativ und vor allem polizeikritisch; sie passt also ins Feindbild. Unser Rechtshilfekollektiv wurde wegen eines solchen Falls im Jahr 2014 gegründet. Damals griff eine Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit Chemie-Fans an. Auch damals kam es zu einem Ermittlungsverfahren gegen Polizisten. In der ersten Instanz kam es zu einer Verurteilung, in der zweiten dann zu einem Freispruch. Es wird selten gegen ­Beamte ermittelt, das ist wie ein Freifahrtschein für Gewalt. Die Quote von Verurteilungen bei Polizeigewalt liegt bekanntermaßen im ganz niedrigen einstelligen Prozentbereich.