Im Gespräch mit der Archäologin Laura Muñoz-Encinar über franquistische Gewalt gegen Frauen

»Die Erniedrigungen nahmen kein Ende mit dem Tod«

Laura Muñoz-Encinar, Archäologin, spricht mit der »Jungle World« über Gewalt gegen Frauen im Spanischen Bürgerkrieg und während der Diktatur.
Interview Von

Laura Muñoz-Encinar ist Historikerin, Archäologin und forensische Anthropologin. Sie forscht an der Universität de Extremadura und der Universität von Amsterdam über franquistische Gewalt im Spanischen Bürgerkrieg und während der Franco-Diktatur. Bislang hat sie 35 Massengräber geöffnet, in denen Franquisten ihre zivilen Opfer verscharrt hatten. In einem kürzlich in der Fachzeitschrift »World Archaeology« veröffentlichten Beitrag untersucht sie, wie die Franquisten im Südwesten Spaniens im Bürgerkrieg und in den ersten zehn Jahren der Diktatur Gewalt gegen Frauen ausübten.

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Ihre Forschung konzentriert sich auf Massengräber im Südwesten Spaniens, genauer: in der Region Extremadura und in Westandalu­sien. Warum?

Die Zahl der Opfer faschistischer Repression war in Cáceres und Badajoz, den beiden Provinzen der Extremadura, ausgesprochen hoch, über 13 200 Menschen wurden hier fern der Schlachtfelder und Schützengräben ermordet. Badajoz ist nach der andalusischen Provinz Sevilla die Provinz mit den meisten zivilen Opfern. Die Strategien der franquistischen Repression, die ich anhand von Fallstudien im Südwesten Spaniens eruieren konnte, sind denen sehr ähnlich, die in anderen Landesteilen gegen die Zivilbevölkerung, politische Gegner und auch spezifisch gegen Frauen angewendet wurden. Die Gewalt gegen Frauen war zeitlich nicht auf den Militärputsch (im Juli 1936 putschten rechtsextreme Armeeangehörige gegen die Zweite Spanische Republik, Anm. d. Red.) begrenzt, sondern dauerte während des gesamten Bürgerkriegs an und wurde während der Diktatur mit verstärkter Vehemenz fortgesetzt.

»Frauen wurden dafür bestraft, nicht der von den Faschisten für sie vorgesehenen Geschlechterrolle zu entsprechen.«

Was können Sie anhand der bei den Opfern gefundenen persönlichen Gegenstände über die Ermordeten sagen?

Die Gegenstände, die wir bei den Opfern finden, bilden einen außerordentlichen Schatz an Informationen. Es handelt sich um Stöckelschuhe, Knöpfe, Ohrringe, Haarnadeln, Ringe, Strumpfbänder, Reste von Kleidern und vieles mehr. Sie sprechen Bände über das soziale und kulturelle Profil der Ermordeten sowie über den Kontext der Repression. Sowohl das Vorhandensein von Gegenständen als auch deren Fehlen gibt Aufschluss über das Leben der Opfer und darüber, was sie in ihren letzten Stunden erlitten haben.

Behandelten die Franquisten Anarchistinnen, Kommunistinnen und Sozialistinnen anders als Republikanerinnen?

Die repressive Strategie der Franquisten war eine komplexe Kombination aus physischen und psychischen Strafmechanismen. Generell gingen sie gegen alle vor, die sie als Unterstützerinnen der Republik ansahen. Frauen waren für sie weniger wert als Männer, das hatte Vorrang. Es gab eine ganze Bandbreite von Misshandlungen, die nicht zwingend den Tod nach sich zogen – ganz gleich, welcher politischen Akti­vität die Frauen in der Zweiten Republik nachgingen. Frauen wurden auch ­Opfer von Gewalt, weil sie Ehefrauen, Mütter oder Schwestern von Republikanern waren.

Woher kam dieser Hass der Faschisten gegen all diese Frauen?

Wie Mary Nash (irisch-spanische Historikerin, Anm. d. Red.) unterstreicht, waren für die Ideologen des Franquismus der Feminismus und die Einführung der Bürgerrechte für Frauen in der Zweiten Republik Belege für die Korrumpierung der Frauen. Beides stand dem entgegen, was sie als naturgegebene Pflicht der Frauen ansahen, nämlich Mütter zu sein. Frauen wurden dafür bestraft, nicht der von den Faschisten für sie vorgesehenen Geschlechterrolle zu entsprechen. Die Bezeichnung »Roja« (Rote, Anm. d. Red.) war für sie gleichbedeutend mit »Nicht-Frau«. Republikanische Frauen wurden kontinuierlich verfolgt und zum Objekt doppelter Vergeltung. Zum einen, weil sie sich weigerten, die Ideale des Franquismus zu Hause und in Unterwürfigkeit zu befolgen, und damit die Grenzen der Moral und der Geschlechterrollen überschritten, zum anderen ­wegen ihres überzeugten Einsatzes im antifaschistischen Kampf.

Die franquistischen Soldaten gingen brutal gegen die Frauen vor.

In den Fällen von Gewalt gegen Frauen, die wir anhand der Opfer in den Massengräbern analysieren konnten, fanden wir Beweise für Erniedrigungen und Misshandlungen vor dem Tod oder mit Todesfolge. Die Erniedrigungen nahmen kein Ende mit dem Tod. Wie die Leichen nach dem Tod behandelt wurden und wie man sie verscharrte, zeugt von postmortaler Gewalt und franquistischer Symbolik.

Was heißt das?

Einer der signifikantesten Fälle ist der von Antonia Regalado Carballar. Sie wurde im Dorf Fregenal de la Sierra in Badajoz 22jährig erst über den Friedhof gescheucht, mehrfach vergewaltigt und schließlich hingerichtet. In diesem Fall konnte ich eine mündliche Quelle heranziehen, den Totengräber des Ortes, ein Neffe der Ermordeten. Er betonte, er habe einen männlichen Leichnam unter den der toten Frau gelegt und einen anderen darüber, die Körperöffnungen des Opfers penetrierend. ›Wir haben sie wie eine Hure beerdigt, damit sie befriedigt bleiben würde‹, erzählte er unter schallendem Gelächter. Die sterblichen Überreste Carballars haben wir nicht gefunden, sie sind noch immer verschollen. Aber wir fanden die einer weiteren Frau, die etwas älter war, als sie starb, und in der gleichen Position beerdigt wurde. Das belegt, dass Carballar kein Einzelfall war.

Die Franquisten töteten auch viele schwangere und hochschwangere Frauen.

Die Hinrichtungen Schwangerer haben bereits zahlreiche Forscher analysiert. In meinen Forschungen bin ich auf einige schwangere Frauen in Massengräbern in der Nähe der Kleinstadt Llerena in Badajoz gestoßen. In Fregenal de la Sierra fanden wir die Überreste einer Frau, in deren Becken ein Fötus von sieben bis neun Monaten war. Das ist ein überaus relevanter Fund, da dieser erstmals den archäologischen Beweis für die Hinrichtung einer Schwangeren anhand einer Leiche erbrachte, die in einem Massengrab verscharrt worden war. Ein ähn­licher Fall wurde in der Gemeinde Gerena in der Nähe der Stadt Sevilla bei einer kurz darauf vorgenommenen Exhumierung gefunden.

Konnten Sie im Zuge Ihrer Forschungen auch Täter interviewen?

In den vergangenen 15 Jahren habe ich viele Personen interviewt. Ich habe mit allen Informanten gesprochen, die ihre Erinnerungen mit mir teilen wollten. Darunter waren auch ehemalige Soldaten, die im Bürgerkrieg gekämpft haben. Aber ich habe es nicht geschafft, Täter zum Gespräch zu bewegen. Zu Beginn meiner Forschungen lebten noch einige Männer, die an der Ermordung der von mir exhumierten Opfer beteiligt waren. Ich versuchte, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, aber keiner wollte über seine Taten sprechen.

Mit dem Kriegsende Anfang April 1939 war die Repression keinesfalls vorbei.

Viele aus Spanien geflohene Frauen und Männer vertrauten den Worten Francos, der ihnen eine sichere Rückkehr versprach. Sie kamen zurück in ihre Städte und Dörfer. Der überwiegende Teil der Heimkehrer wurden sofort bei der Ankunft verhaftet – die Lehrerin Matilde Morillo beispielsweise, als sie mit ihren drei Töchtern aus dem Zug stieg. Man hat Morillo gefoltert, vergewaltigt und ermordet. Von ihrer Leiche fehlt noch immer jede Spur. Man schor Frauen auch den Kopf, entblößte sie gewaltsam in der Öffentlichkeit und versuchte, wie es hieß, ihnen den ›Kommunismus aus ihren Körpern auszutreiben‹, indem man ihnen Rizinusöl verabreichte.

Worin liegen die größten Schwierigkeiten Ihrer Arbeit?

Das große Problem ist, dass es über die franquistische Repression von 1936 bis 1948 keine Dokumente gibt, die Hinweise darauf geben, was mit den Opfern passiert ist. In den ohnehin nur spärlich vorhandenen Akten gibt es lediglich Notizen über »Verschwundene« und »Verstorbene«. Aber es steht dort kein Wort darüber, wo und wie diese Menschen ermordet wurden, wer dafür verantwortlich ist und wo man ihre Leichen verscharrt hat.

Welche Rolle spielen bei Ihrer Forschung Vereine wie die »Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica« (Verein zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung) sowie die Familien und Nachfahren der Ermordeten?

All meine Forschungsprojekte haben ihren Ausgangspunkt in der Initiative von Familienangehörigen, die ihre »Verschwundenen« suchen. Ich habe stets mit den Vereinen der Nachkommen von Opfern und anderen Gruppen zusammengearbeitet. Unsere Arbeit ist in erster Linie eine humanitäre. Es geht darum, die Opfer zu finden, die sterblichen Überreste zu exhumieren, zu identifizieren und eine Bestattung in Würde zu ermöglichen. Die humanitäre Arbeit ist zugleich eine immense Quelle des Wissens über unsere jüngere Geschichte.