Die US-Professorin Jessica Krug hat über ihre ethnische Herkunft gelogen

Straight outta Kansas

Die US-amerikanische Historikerin Jessica Krug hat ihre ethnische Herkunft erfunden. Das hat in den USA eine Debatte ausgelöst, in der es um Rassismus, aber auch um fragwürdige Vorstellungen von kultureller Authentizität geht.

Am 3. September gab die US-amerikanische Historikerin Jessica Krug auf dem Internetportal Medium zu, über ihre Herkunft gelogen zu haben. »Jede Beziehung, die ich geschlossen habe«, so die mittlerweile von ihrem Posten zurückgetretene Assistenzprofessorin für Geschichte an der George Washington University in einer pathetischen Mitteilung, sei »in der Napalm-vergifteten Erde von Lügen verwurzelt gewesen.« Krug, die als Kind weißer, ­jüdischer Eltern in der Vorstadt von Kansas City aufwuchs, hat sich seit Jahren wahlweise als nordafrikanische, US-amerikanische oder karibische Schwarze ausgegeben. Nur wenige Tage nach ihr ging CV Vitolo-Haddad, an der Universität von Wisconsin promovierend und nach eigener Auskunft ­geschlechtlich nichtbinär, mit dem Eingeständnis an die Öffentlichkeit, die eigene süditalienische Herkunft je nach Situation in eine afrikanische oder eine Latinoidentität umgelogen zu haben. Vergangene Woche gab auch die »Black Lives Matter«-Aktivistin Satchuel Cole aus Indianapolis zu, sich als schwarz ausgegeben zu haben.

Aus ihrer Jugend auf einer Privatschule in Kansas machte Krug eine dramatische Ghetto-Familiengeschichte gespickt mit Drogenmissbrauch, Suizid und Gewalt.

Schnell fielen Vergleiche zwischen diesen Vorfällen und dem weit über die USA hinaus bekannt gewordenen Fall Rachel Dolezals, die sich als Afroamerikanerin ausgegeben hatte und 2015 als Kind weißer Eltern geoutet wurde. Dolezal war zu diesem Zeitpunkt ­Dozentin unter anderem für afroamerikanische ­Geschichte an der Eastern ­Washington University und war die Ortsvorsitzende der Bürgerrechtsorganisation NAACP in Spokane (US-Bundesstaat Washington). Auch andere jüngere Beispiele wurden in den Debatten genannt. Zum Beispiel jener der weißen Neurologin BethAnn McLaughlin, die auf Twitter vorgab, eine indigene Anthropologieprofessorin zu sein, oder des im April verstorbenen afroamerikanischen Autors H. G. »Hache« Carrillo, der sich eine kubanische Einwanderungsgeschichte andichtete. Der Fall von Jessica Krug war aber seit Dolezal jener, der die meiste Aufmerksamkeit erregte, was vor allem daran lag, dass Krugs wissenschaftliche ­Arbeit für mehrere renommierte Preise nominiert war und ihre Selbstinszenierung ähnlich extrem ausfiel wie das unlängst veröffentlichte Geständnis.

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In ihrer Stellungnahme, die vor identitätspolitischem Jargon und schlechter Prosa nur so strotzt, in der das Wort »Entschuldigung« aber gänzlich fehlt, bezeichnet sich Krug selbst als »kulturellen Blutegel«. An der University of Wisconsin habe sich Krug Berichten zufolge noch als Kind eines deutschen Vaters und einer algerischen Mutter ausgegeben und behauptet, sie sei bei einer Vergewaltigung gezeugt worden und habe dem ein tiefes Trauma zu verdanken. Später gab sie sich zunächst als Afroamerikanerin und später als afrokaribische Latina aus der Bronx aus. Krugs Verlegerin berichtete, diese habe zuletzt darauf bestanden, ihr Name sei in Wirklichkeit »Cruz« und im Zuge eines Behördenfehlers bei der Einwanderung ihrer Großeltern in die USA verfälscht worden. Aus ihrer Jugend auf einer Privatschule in Kansas machte Krug eine dramatische Ghetto-Familiengeschichte gespickt mit Drogenmissbrauch, Suizid und Gewalt. Neben ihrer akademischen Tätigkeit unterrichtete sie Salsa, sprach mit ­einem aufgesetzten Latinoakzent und gab sich selbst den Spitznamen »Jess la Bombalera«.

Wie es mittlerweile scheint, gestand Krug ihre Täuschungen nur, da einige ihrer Kolleginnen und Kollegen kurz davor waren, sie zu enttarnen. Studierende berichteten, dass sie in Seminaren beständig nichtweiße Teilnehmende für deren Mangel an Radikalität kritisiert hatte. Außerdem galt sie als ­besonders versierte Dekonstrukteurin von whiteness, ihre akademischen ­Arbeiten sind voller Verweise auf ihre nun widerrufene Abstammung. Die beständige Überbetonung ihrer Herkunft im akademischen Bereich und in den sozialen Medien führte immer wieder zu Skepsis und letztlich auch zu ihrer präventiven Selbstenttarnung.Die Verärgerung über die stereotypisierende Scharade war zu erwarten. Unter die Vorwürfe, Krugs Selbstdarstellung als »schwarz« sei rassistisch, ­mischen sich immer wieder solche, die sich vor allem an der fehlenden Authentizität ihrer Darstellung entzünden. Häufig war in Kommentaren zum Fall zu lesen, das eigentliche Problem an ihrem Verhalten sei die Aneignung nichtweißer Kultur. Was sich Krug tatsächlich angeeignet hat, waren jedoch Fördermittel, die man ihr als Kind einer weißen, jüdischen Mittelschichtfamilie wohl nicht zugesprochen hätte. So war sie beispielsweise Empfängerin des ­Ronald-E.-McNair-Stipendiums, das sich explizit an untere Einkommensschichten und stark unterrepräsentierte Minderheiten richtet.

Touré Reed argumentierte kürzlich in der linken Zeitschrift Jacobin, jene, die Krug die Aneignung von Kultur vorwerfen, begingen den Fehler, die überzeichneten Stereotype nichtweißer Menschen, die Krug zu ihrer Persona gemacht hat, als legitime Darstellung von deren Kultur anzuerkennen. Daher bestehe der Skandal nicht allein in Krugs Handeln, sondern auch darin, dass der akademische Betrieb dieses honoriere und eine Nachfrage nach solcherlei Darbietung hervorbringe. In einem Universitätssystem, in dem Vollzeitstellen immer mehr durch prekäre Kurzzeitjobs ersetzt werden und die Konkurrenz um Arbeitsplätze, Fördermittel und Aufmerksamkeit beständig zunimmt, kann zumindest in sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern der Verweis auf Unterdrückungserfahrungen nützlich sein, um den eigenen intellektuellen Produkten den Anstrich von Authentizität zu verpassen.

Die Causa Krug ist zweifellos vertrackt und vielschichtig. Wie schon beim Fall Rachel Dolezals wirft sie auch psychologische Fragen auf. Wie der Dokumentarfilm »The Rachel Divide« (2018) nahelegt, führten unter anderem Dolezals Entfremdung von ihren puritanischen weißen Eltern und das Verhältnis zu ihren schwarzen Adoptivgeschwistern zu ihrer Selbstauffassung als Afroamerikanerin. Als solche versteht sie sich nach wie vor noch. Ein vergleichbares Bedürfnis, weiterhin als schwarze Person wahrgenommen zu werden, hat Krug bislang nicht geäußert. Ihre Inszenierung scheint berechnender und stärker mit der Ausübung einer moralischen Autorität verstrickt gewesen zu sein, als dies bei Dolezal der Fall war, der man entsprechende Motive nach dem Outing ebenfalls vorwarf. Dieser Schluss ließe sich auch aus den Danksagungen in Krugs jüngster Monographie ziehen. Dort gibt Krug als ihr Motto an, »alle Institutionen und Personen wegzuräumen, die mir jemals im Weg gestanden sind«. Ganz in diesem Sinne könnte man auch Krugs vielleicht unbewusste Motivation für ihren Umgang mit Herkunft und Ethnizität verstehen: als Versuch, sich in ihrer beruflichen Nische ein Durchsetzungsmittel im Hauen und Stechen der akademischen Konkurrenz zuzu­legen.

Krugs immerhin einige Jahre lang erfolgreiche Selbstinszenierung wirft zudem die Frage auf, welche Art von stereotypisierender Selbstdarstellung im akademischen Betrieb als »divers« nachgefragt wird und inwiefern dies der besonderen Bedeutung von Identitätspolitik in den US-amerikanischen Sozial- und Geisteswissenschaften zu verdanken ist. Diese wird wohl noch ­einige Jessica Krugs hervorbringen.