Tokio geht als die Stadt in die Sportgeschichte ein, die zweimal die Olympischen Spiele absagen musste

Schon wieder Tokio

Erstmals lag es nicht an einem Krieg: eine kleine Geschichte abgesagter Olympischer Spiele.

Avery Brundage hatte sich in den USA vehement gegen einen Boykott der Olympischen Spiele 1936
in Nazi-Deutschland eingesetzt. 1972 sorgte er
dafür, dass die Spiele in München trotz des palästinensischen Anschlags auf die israelische Mannschaft nicht abgebrochen wurden.

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Die Sportwelt atmete auf, weil die Olympischen Spiele in der japanischen Hauptstadt Tokio in diesem Jahr ausfallen – auch das gehört zu den Eigentümlichkeiten der Coronakrise. Absagen der Spiele gab es bislang nur in Kriegsjahren. Bis zuletzt hatten das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der konservative Ministerpräsident Japans, Shinzō Abe, die internationale Diplomatie bemüht, um eine Verschiebung der Spiele zu verhindern. Am Ende mussten sie dem öffentlichen Druck nachgeben, der aus den Nationalen Olympischen Komitees, darunter denen Kanadas, Chinas, Spaniens und Frankreichs, und von vielen Spitzenathleten kam. Während viele Sportler, mitten in der Vorbereitung auf die Spiele, früh von gesellschaftlicher Solidarität sprachen, konnte der IOC-Präsident Thomas Bach bis kurz vor der Absage Ende März nicht klar formulieren, dass der Schutz der Gesundheit aller die höchste Priorität genießen muss. Die Spiele sollen im Sommer 2021 nachgeholt werden.

Als vor sieben Jahren Tokio den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele im Jahre 2020 erhielt, war der Jubel in der japanischen Hauptstadt groß. Zum zweiten Mal nach 1964 sollten die Spiele dort stattfinden. Nun geht Tokio als die Stadt in die Sportgeschichte ein, die zweimal die Olympischen Spiele absagen oder mindestens verschieben musste. Das erste Mal geschah das vor mehr als 80 Jahren. 1936 beschloss das IOC, dass in Tokio 1940 die ersten Olympischen Spiele in Asien stattfinden sollten. Doch im folgenden Jahr begann das japanische Kaiserreich einen Angriffskrieg in China, weswegen der Boykott einiger Nationaler Komitees drohte. Auch Japan verlor im Zuge des Krieges und der Vorbereitung auf weitere Aggressionen das Interesse an den Spielen und sagte sie zwei Jahre vor Beginn der Spiele in Tokio ab. Helsinki sollte die Sommerspiele 1940 übernehmen, doch fiel dieser Plan dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

Tokio wäre damals die erste Stadt außerhalb Europas und der Vereinigten Staaten gewesen, die Olympische Spiele ausrichtet. Darüber hinaus setzte die Tokioter Bewerbung in den dreißiger Jahren auch insofern neue Maßstäbe, als sie erstmals neben olympischen auch diplomatische Kanäle nutzte. Mit einer lauten politischen Kampagne sorgte Japan dafür, dass die Olympischen Spiele 1940 statt auf der IOC-Tagung 1935 in Oslo erst auf der 1936 in Berlin, der Hauptstadt Nazi-Deutschlands, ­vergeben wurden. Die Spiele gingen an Japan, auch weil Japans Kriegslust und die Besetzung Koreas für die IOC-Delegierten keinen Hinderungsgrund dartsellten. Zugleich hatte sich im Sommer 1936 in Großbritannien, das die Spiele 1940 ursprünglich gerne nach London geholt hätte, die politische Stimmung gewendet und das britische Kabinett für die Rücknahme der Bewerbung durch die British Olympic Association (BOA) gesorgt. Davon erhoffte man sich bessere Beziehungen zu Japan. Die Briten hofften unter dem Eindruck der Olympischen Spiele in Berlin 1936, bei der sich Nazi-Deutschland der internationalen Öffentlichkeit bewusst als weltoffen präsentierte, auf eine ähnliche »liberalisierende Wirkung« in Japan.

Das hinderte die japanischen ­Organisatoren in keiner Weise daran, die eigene Bevölkerung und die Weltöffentlichkeit mit nationalistischen Konzepten auf die Spiele 1940 vorzubereiten. Mit großem Tamtam wurden die Spiele in Beziehung zur traditionellen Samurai-Ideologie und zum japanischen Krieger- und Waffenkult gesetzt. Zugleich machte das IOC eine weitere tiefe Verbeugung vor dem etablierten Faschismus und den Achsenmächten, als es die Winterspiele 1944 nach Cortina d’Ampezzo, also an Mussolinis Italien, vergab und die Winterspiele 1940, nachdem Japan abgesagt hatte, nach Garmisch-Partenkirchen, wo sie dann aber wegen des Kriegs nicht stattfanden.

Nachdem Japan im Sommer 1937 China überfallen und den Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg begonnen hatte, der bis zum Frühjahr 1945 dauern sollte, ging die im Jahre 1938 einsetzende internationale Diskussion um den Boykott der Tokioter Spiele von der British Olympic Association aus, die 1940 keine Mannschaft entsenden wollte. Im Gegensatz zum britischen Komitee vertrat das US-amerikanische IOC-Mitglied, Avery Brundage, die Position, der Sport stehe über der Politik, weshalb für ihn ein Boykott der Spiele in Tokio nicht in Frage kam. Brundage hatte sich in den USA bereits vehement gegen einen Boykott der Olympischen Spiele 1936 in Nazi-Deutschland eingesetzt. Einige Jahrzehnte später sorgte er als IOC-Präsident dafür, dass die Olympischen Spiele in München 1972 trotz des palästinensischen Terroranschlags auf die israe­lische Mannschaft nicht abgebrochen wurden.

Im Jahr 1938 wuchs infolge der britischen Initiative auch in den USA die Boykottbewegung. Das chinesische IOC-Mitglied Wang Zhengting (auch bekannt als Chenting T. Wang), der von 1936 bis 1938 Chinas Botschafter in den USA war, beantragte, Japan die Olympischen Spiele zu entziehen und sie an einem anderen Ort auszutragen. In einem Telegramm verwies Wang darauf, dass die Olympischen Spiele der internationalen Freundschaft dienen und deshalb nicht an eine Kriegspartei vergeben werden sollten. Diesen Antrag lehnte IOC-Präsident Henri de Baillet-Latour mit dem Hinweis ab, dass sich für eine solche Maßnahme keine Grundlage in der Olympischen Charta finde.

Schließlich führten die politischen Probleme Japans 1938 zur Rückgabe des Austragungsrechts an das IOC. Die Führung der mächtigen Kaiserlich Japanischen Armee stand den Spielen ohnehin kritisch gegenüber, weil sie das Eindringen westlicher Gepflogenheiten nach Japan befürchtete. Sie wollte die Kriegsanstrengungen gegen China nicht durch die Verwendung von Ressourcen für die Olympischen Spiele schwächen. Nach der Absage bot der IOC-Präsident die Spiele für 1940 offiziell Helsinki an, doch nachdem die Sowjetunion im November 1939 den sogenannten Winterkrieg gegen Finnland begonnen und die deutsche Wehrmacht gleichzeitig Dänemark und Norwegen besetzt hatte, sagte Baillet-Latour am 2. Mai 1940 die Olympischen Spiele offiziell ab.

Schon das Deutsche Kaiserreich hatte ursprünglich wenig übrig für die sogenannte olympische Idee. Auf dem Olympischen Kongress 1894 in Paris, der die Weichen für die Wiederbegründung der Olympischen Spiele nach antikem Vorbild gestellt hatte, waren keine Deutschen anwesend. Der Initiator der modernen Olympischen Bewegung, Pierre de Coubertin, hatte zwar deutsche Diplomaten offiziell eingeladen, aber keine Antwort erhalten. Internationale Sportspiele waren nicht im Interesse des Kaiserreichs, dessen Sportszene die nationalistische Deutsche Turnerschaft dominierte.

Mit der Popularität des modernen Sports wuchs allerdings auch in Deutschland das Interesse an internationalen Sportereignissen und die Staatsführung erkannte, dass sich hier eine große Bühne zur Selbstdarstellung bot. Deutschland wollte nun Ausrichter olympischer Spiele werden und als Bewerberstadt kam nur die Hauptstadt in Frage. Am 4. Juli 1912 vergab das IOC auf seiner Tagung in Stockholm die Spiele an Berlin. Vier Jahre später, am 1. Juli 1916, sollten sie eröffnet werden. Das Sportprogramm sah Wettkämpfe in der Leichtathletik, im Ringen, Fechten, Schießen, Modernem Fünfkampf, Radsport, Turnen, Schwimmen, Rudern, Tennis, Fußball, Hockey und Golf vor. Erstmalig war die Teilnahme von Frauen im Schwimmsport, Wasserspringen, Tennis und Basketball vorgesehen.

Nach der Eröffnung des »Deutschen Stadions«, dem designierten Olym­piastadion in Berlin, am 8. Juni 1913 wurde das Stadion bei sogenannten Vorspielen am 27. / 28. Juni 1914 erfolgreich getestet. Kurz danach allerdings begann der Erste Weltkrieg. Die geplanten Spiele in Berlin fielen dem Krieg zum Opfer, während doch de Coubertin mit der Vergabe nach Deutschland im Jahre 1912 gehofft hatte, den drohenden Krieg zu verhindern.

Nach Kriegsende schloss das IOC Deutschland als einen der beiden Kriegsverursacher von weiteren Olympischen Spielen aus. Neun Jahre blieb die Sperre in Kraft. Im Jahr 1931 gab dann das IOC mit Rückgriff auf 1916 den Zuschlag für die XI. Olympischen Spiele 1936 an Berlin. Nach Hitlers Machtübernahme hielt das IOC trotz der zahlreichen Boykottaufrufe internationaler Sportverbände und deutscher Emigranten an seiner Entscheidung von 1931 fest. Das Naziregime, so die Begründung, hatte schließlich die Einhaltung der olympischen Regeln und auch die Aufnahme jüdischer Sportler in die deutsche Mannschaft zugesichert. Ursprünglich hatte Hitler die Spiele in Berlin abgelehnt, da an diesen »Neger und internationale Juden« teilnahmen. Die faschistische Ästhetisierung der Spiele vor der Weltöffentlichkeit war ihm am Ende wichtiger.