Die Geschichte des oft gecoverten Songs »Without You«

Der Tod des Songwriters

Vor 50 Jahren erschien mit »Without You« eine der schönsten und traurigsten Liebesballaden der Popgeschichte. Die Geschichte der Komponisten und ihrer Band Badfinger ist nicht weniger tragisch.

»Nein, ich kann diesen Abend nicht vergessen. Oder dein Gesicht, als du aufbrachst, aber ich schätze, so verläuft halt die Geschichte. Du hast nur gelächelt, aber in deinen Augen zeigte sich dein Kummer.« Mit diesen Worten, die auf Englisch ungleich elegischer klingen, beginnt der Text von »Without You«, eine der berühmtesten Liebesballaden des Pop, mit der sich Mariah Carey 1994 über viele Wochen an der Spitze der ­Musikcharts unter anderem in Großbritannien, Irland, Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz, Österreich und Neuseeland hielt. Insgesamt verkaufte sich der Song in den damaligen Zeiten der Maxi-CD mehr als zwei Millionen Mal und das dazugehörige Album »Music Box« von 1993, aus dem Careys Version des Liedes als Single ausge­koppelt wurde, sogar über 28 Millionen Mal.

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Es war allerdings nicht das erste Mal, dass der Song internationale Charts anführte. Bereits 1971 hatte der Baroque-Popmusiker Harry ­Nilsson für sein erfolgreichstes Album »Nilsson Schmilsson« das Stück ­gecovert und ebenfalls damit in zahlreichen westlichen Ländern ­einen Nummer-eins-Hit gelandet. Bis heute denkt man bei dem Lied an Nilsson und Carey, während die ursprünglichen Interpreten, die »Without You« nicht nur komponierten, sondern auch erstmalig veröffentlichten, außerhalb der Mod-Kultur und abgesehen von manchen Musiknerds weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Am 9. November 1970 brachten Pete Ham und Tom Evans mit ihrer Gruppe Badfinger ihr drittes Album »No Dice« heraus, aufgenommen in dem bekannten Studio in der Londoner Abbey Road; den Stil von Badfinger hätte man wenige Jahre später als Powerpop bezeichnet, damals lief er unter Soft Rock, wie man überhaupt Badfinger als Beatles-Klone ansah, was der Band nicht ­gerecht wurde und auf Dauer schadete. Die Platte erschien passen­derweise auf dem Beatles-Label Apple Records, der Song namens »With­out You« füllte als sechster Song die A-Seite und wurde nicht ausgekoppelt – aus Sicht von Ham und Evans verfügte er einfach nicht über das Potential für eine Single.

Es handelt sich bei »Without You« auch textlich geradezu um ein Musterbeispiel des dramatischen Liebeslieds, inklusive einer Prise emotionaler Erpressung.

Badfinger konnten in den Jahren zwischen 1968 und 1972 durchaus ­eigene Erfolge verzeichnen. Schon die erste Single »Maybe Tomorrow«, noch unter dem ursprünglichen Bandnamen The Iveys veröffentlicht, erreichte in einigen europäischen Ländern die Top Ten. Die Band entstand 1964 in Swansea, Wales, um Pete Ham (geboren 1947), der zuvor bereits in lokalen Musikgruppen spielte. 1965 stieß der 15jährige Mike Gibbins als Schlagzeuger hinzu und als 1967 Tom Evans aus Liverpool als zweiter Hauptsongwriter neben Ham einstieg, war die erste Kernbesetzung vollständig. Die Gruppe war zu dem Zeitpunkt schon gemeinsam nach London gezogen, hatte sich als Liveband einen Namen gemacht und wurde von dortigen ­Szenegrößen wie Ray Davies (The Kinks) umworben, der auch einige ­ihrer Demo-Songs produzierte. Stattdessen gelang es dem ersten Manager der Band, Bill Collins, den Kontakt zu Apple Records herzustellen, der Plattenfirma, die die Beatles gerade gegründet hatten und die zunächst ausschließlich deren eigene Musik veröffentlichte. Nachdem alle vier Beatles zugestimmt hatten, waren die Iveys die erste Band außer ihrer eigenen, die sie bei Apple unter Vertrag nahmen.

Das Debütalbum von 1969, ebenfalls »Maybe Tomorrow« betitelt, sollte zwar in Japan und Westeuropa auf große Resonanz stoßen, aber in den USA und Großbritannien war die Vorabsingle zunächst gefloppt, die Veröffentlichung der LP wurde aufgrund von Problemen beim Label zurückgehalten. Paul McCartney stellte der Gruppe daraufhin seine Komposition »Come and Get It« zur Verfügung, die – produziert von McCartney selbst – auch die Single des zweiten Albums werden sollte und der Gruppe tatsächlich ihren ersten weltweiten Hit bescherte. Außerdem einigte sich das Label mit der Band auf einen Namenwechsel, da The Iveys als zu öde erschien, so dass das ­Album »Magic Christian Music« von 1970 als das eigentliche Debüt von Badfinger betrachtet werden kann. Manche der Songs, so auch »Come and Get It«, diente als Soundtrack für die schwarze, überaus britische Kino-Komödie »The Magic Christian«  (mit Peter Sellers, Ringo Starr und Raquel Welch, eine frühe Version des Drehbuchs stammte von den Monty-­Python-Mitgliedern Graham Chapman und John Cleese).

Nach internen Querelen verließ der ursprüngliche Bassist Ron Griffiths Ende 1969 die Band und diese engagierte als Ersatz Joey Molland, der fortan Rhythmusgitarre spielte und auch Songs beisteuerte, während Tom Evans an den Bass wechselte. In der klassischen Besetzung mit Ham, Evans, Molland und Gibbins erschienen bei Apple bis 1972 die beiden Alben und drei Singles, mit denen Badfinger bis heute eine gewisse Rolle in der Musikgeschichte einnehmen, ihren psychedelischen Powerpop-Stil ausprägten und sich auch eine überschaubare, aber treue Hörerschaft sicherten. Dennoch ist dieser Erfolg nicht annähernd zu vergleichen mit dem ihres mittlerweile kanonisierten Songs »Without You«.

Bei den ersten Aufnahmen für »No Dice« im Frühjahr 1970 stand der langjährige Beatles-Roadie und -Assistent Mal Evans als Toningenieur hinter dem Mischpult. Evans (nicht verwandt mit Tom Evans) hatte ­bereits maßgeblichen Anteil daran, dass Badfinger überhaupt bei Apple gelandet waren. Das Label zeigte sich aber nicht ganz zufrieden mit den Ergebnissen, so dass der Co-Produzent der seit 1967 erschienenen Beatles-Alben, Geoff Emerick, die Studioarbeit übernahm. Die Auf­nahme der Singleauskopplung »No Matter What« stammt allerdings von Evans und wurde von Emerick nur neu abgemischt. Mal Evans ­wiederum wurde am 5. Januar 1976 mit 40 Jahren in seinem Haus in Los Angeles von der Polizei erschossen, als er in zugedrogtem Zustand mit einem Luftgewehr auf die Polizisten zielte, die der Mitautor von Evans’ geplanter Biographie »Living the Beatles’ Legend« zu Hilfe gerufen hatte.

»Without You« gehörte zu den Songs, die Badfinger mit Geoff ­Emerick neu einspielten. Das Lied entstand aus zwei Songfragmenten von Pete Ham und Tom Evans, wobei Ham die Strophen und Evans den Refrain beitrug, was auch zum wechselnden Lead-Gesang bei der Aufnahme führte. Es handelt sich auch textlich geradezu um ein Musterbeispiel des dramatischen Liebeslieds, inklusive einer Prise emotionaler Erpressung. Die Person, aus deren Perspektive das Lied geschrieben ist, hat die geliebte Person gehen lassen, vielleicht im Streit, und erkennt jetzt, dass sie den Partner unbedingt zurückhaben muss, da es nun einmal Liebe ist. Jedes Versprechen, jede Form der Entschuldigung und gar die Drohung, sich etwas anzutun, scheint dafür recht zu sein. Auf Deutsch entspräche dem in etwa »Ohne Dich (schlaf ich heut Nacht nicht ein)« von der Münchener Freiheit, wenngleich hier nicht damit gedroht wird, dass man ohne den anderen nicht mehr leben kann, sondern Sänger Stefan Zauner nur auf drohende Schlafprobleme verweist.

Eine fatale Entscheidung der Band um Ham und Evans fällt ebenfalls in die Zeit vor der Veröffentlichung von »No Dice« Ende 1970. Dan Matovina, der Biograph von Badfinger, beschreibt, dass sowohl bei der Plattenfirma als auch bei den Musikern selbst die Zweifel wuchsen, ob Collins’ Eignung als Manager für die aufstrebende Band weiterhin ausreiche. Und so ließ diese sich auf einen Vertrag mit dem Musikmanager Stan Polley ein, der zur Folge hatte, dass die Tantiemen und andere Einnahmen der Gruppe fortan in Holdingunternehmen flossen, die wiederum Polley kontrollierte. Die vier Musiker erhielten zudem nur einen Bruchteil dessen, was der Manager sich selbst als Lohn auszahlte. So wie der Song »Without You« als Musterbeispiel einer Liebesballade betrachtet werden kann, so reiht sich das betrügerische Geschäft Polleys mit der Band geradezu paradigmatisch in die Geschichte der Ausbeutungsverhältnisse in der Musikindustrie ein.

Der Musiker Harry Nilsson 1971

Das erste erfolgreiche Cover von »Without You« nahm Harry Nilsson 1971 auf

Bild:
mauritius images / Tom Hanley

Als Harry Nilsson den Albumtrack »Without You« erstmals hörte, soll er angesichts der Qualität des Lieds überzeugt gewesen sein, dass es sich eigentlich nur um einen neuen Song der Beatles handeln könne. Da dies jedoch nicht der Fall war, entschied er sich, das Stück für sein kommendes Album zu covern. Dabei nimmt er zwei markante Änderungen gegenüber dem Original vor: Aus der soft­rockigen Gitarrenballade mit eher unspektakulärer Eröffnung wird ein vom Piano dominierter Song mit einem schlichten, aber umso einprägsameren Intro, bei dem vier Takte lang zwei Klavierakkorde im Wechsel erklingen, bevor der Gesang einsetzt. Mariah Carey hat dieses Intro von Nilsson einfach übernommen, ebenso wie die zweite wichtige Umgestaltung: Der Refrain wird zunächst in tieferer Stimmlage gesungen, um dann, dramatisch zugespitzt, eine Oktave höher wiederholt zu werden, beim letzten Refrain wird er in noch höherer Tonlage sogar noch einmal intensiviert. Bei Badfinger finden sich diese Steigerungen und Variationen nicht, stattdessen aber ein herrlich ausuferndes Outro, bei dem eine Orgel den beiden Gitarren zusätzlich Volumen und Variationen verleiht.

Nilssons Version ist deutlich kürzer, mit drei Minuten und 20 Sekunden verfügt sie über eine perfekte Radiolänge und erscheint parallel zur LP-Veröffentlichung Ende 1971 als Single. Es dauert wiederum einige Wochen, doch im Februar und März 1972 belegte »Without You« schließlich erst in den USA, dann in Großbritannien und daneben noch in einigen weiteren Ländern den ersten Platz der Musikcharts. Nach »Everybody’s Talkin’« von 1969 ist es der zweite große Hit von Harry Nilsson. Badfinger hatten in der Zwischenzeit ihr Album »Straight Up« sowie zwei Single-Auskopplungen herausgebracht, die starken Anklang fanden. Der Ärger sowohl mit dem halbseidenen Manager als auch mit der immer chaotischeren Plattenfirma Apple wuchs allerdings stetig. Nach einem weiteren Album wechselten Badfinger zu Warner Bros., aber die Erfolge wie auch das Interesse an der Band nahmen ab. Das Album »Wish You Were Here« von 1974 gilt zumindest im Nachhinein als eines der besten der Band; auch seine Geschichte ist ­tragisch – wegen eines Rechtsstreits zwischen Polley und Warner Bros. blieb es nur sieben Wochen auf dem Markt und stellt heute eine gesuchte Vinyl-Rarität dar.

Ende 1974 hatte Warner Bros. Stan Polley wegen der Veruntreuung von Vorschussgeldern verklagt. Im März und April 1975 erhielten die Mit­glieder der Gruppe zudem ihre Lohnschecks nicht und Polley setzte sich ab, so dass die Musiker auch nicht an andere von ihm verwaltete Konten herankamen. Vor allem Pete Ham, der schon zuvor unter Depressionen und Autoaggression gelitten hatte, war verzweifelt und sah, nach gescheiterten Versuchen, den Verbleib des Geldes zu klären, keinen Ausweg aus dem Problem. Überdies hatte er für seine Familie gerade ein kleines Haus ­gekauft. In der Nacht zum 24. April 1975, nachdem Tom Evans den an­getrunkenen Ham noch nach Hause gebracht hatte, erhängte sich dieser in der Garage. Der kurze Abschiedsbrief an seine hochschwangere Freundin Anne enthält ein Postskriptum: »Stan Polley ist ein seelenloser Bastard. Ich werde ihn mit mir nehmen.« Drei Tage später wäre Ham 28 Jahre geworden und einen Monat später kam seine Tochter Petera zur Welt.

Warner Bros. löste den Vertrag mit Badfinger auf und die Band trennte sich. Daneben strich indes auch Apple Records die bei ihnen erschienenen Alben der Gruppe aus ihrem Katalog. 1978 gab es zwar eine Reunion, initiiert von Tom Evans und Joey Molland, aber nach zwei relativ erfolglosen ­Alben zerstritten sich die beiden Musiker und gingen mit verschiedenen Besetzungen jeweils unter dem Namen Badfinger auf Tour. Außerdem gab es weitere juristische Probleme für Evans nach erneuten schlechten Managemententscheidungen. Immerhin erhielt er inzwischen Tantiemen für sein Songwriting für »Without You«, aber dies führte wiederum zu Begehrlichkeiten. Nach einem Streit am Telefon mit Joey Molland über dessen Beteiligung an den Lizenzeinnahmen für ihr populärstes Stück erhängte sich Tom Evans am frühen Morgen des 19. November 1983 ebenfalls. Auch er hinterließ Frau und Kind.

Oftmals führen derlei bittere ­Lebensgeschichten sogar zu einem Revival, zu einem neuerlichen Interesse an der Arbeit der tragischen Helden und überhaupt zu einer merkwürdigen Idolisierung der zu jung Gestorbenen. Bei Badfinger war dies allerdings nicht der Fall, auch nach Mariah Careys schillernder Interpretation nicht. Dabei war die Band ­weder ein bloßes One-Hit-Wonder, noch bewegte sie sich in so absei­tigen Gefilden, dass ein breites Echo ohnehin unwahrscheinlich gewesen wäre. Erst durch die Verwendung des Badfinger-Songs »Baby Blue« in der letzten Szene der TV-Serie »Breaking Bad« 2013 gab es einen kurzen ­Aufmerksamkeitsschub. Stan Polley wurde im Übrigen 1991 in einem weiteren Fall wegen Betrug und Geldwäsche angeklagt, nachdem er 250 000 Dollar veruntreut hatte, und schließlich, nachdem er sich selbst schuldig bekannt hatte, zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Mariah Carey auf der Bühne

Mariah Careys Coverversion von »Without You« erschien 1994

Bild:
actionpress

Wenn jenseits der Literaturwissenschaft mit Verweis auf Roland Barthes’ gleichnamigen Aufsatz vom »Tod der Autors« die Rede ist, dann oftmals in polemischer Absicht, um zu betonen, wie absurd es doch sei, kulturelle Werke losgelöst von ihren Urhebern zu betrachten. Darin spiegelt sich nicht nur eine Neigung zum Personenkult, sondern auch eine deterministische Vorstellung, Künstler wären der Bedeutung und Wirkung ihrer Arbeiten bis ins Letzte habhaft. Gerade Adaptionen oder, auf die Popmusik übertragen, Coverversionen zeigen aber, dass die Frage nach dem Ursprung oder die nach dem Genie völlig überbewertet ist. Das Werk kann ein Eigenleben führen, wiederbelebt durch andere als den Urheber, der in manchen Fällen sogar quasi hinter seinem Werk verschwindet – ähnlich wie Felix Salten hinter seiner Schöpfung »Bambi« (»Er war ein Sprach-Chamäleon« - Jungle World 44/2020).

Seit 2013 erinnert in Swansea in Wales, nahe dem ersten Proberaum der Iveys, eine Gedenkplakette an Pete Ham, Schulen oder Straßen sind bisher nicht nach ihm benannt worden. Und vielleicht sollte man ohnehin dazu übergehen, derlei Orte und Institutionen nicht nach den vermeintlich vorbildlichen Personen, sondern zum Beispiel nach den Werken selbst zu benennen. Wer würde nicht wesentlich lieber auf das Bambi-Gymnasium statt zum Beispiel auf das nach dem Nationalisten Ernst Moritz Arndt benannte gehen, von denen es in Deutschland immerhin sechs Stück gibt?

Auch nach Mariah Careys stimmgewaltigem »Without You«-Hit mit Gospelchor und breiten Streicherarrangements gab es weitere Versuche, sich das Lied erneut zu eigen zu machen. Der Alt- und Schmuse­rocker Chris de Burgh konnte es sich zur Veröffentlichung seiner lahmen Version im Jahr 2008 nicht verkneifen, Carey mangelnde Echtheit vor­zuwerfen und ihre Version einen »Witz« zu nennen. Sie habe, anders als Nilsson, die Gefühle des Songs nicht ernsthaft nachempfunden.

Eine der schönsten Interpretationen von »Without You« findet sich dagegen auf Bobby Conns EP »Lloves­sonngs« von 1999, in der dieser die Dramatik des Stücks über die Grenzen von Kategorien wie Authentizität ­hinaus radikalisiert und ausreizt. Die minimal mit Synthesizer instrumentierte Fassung mündet in einen verzerrten Gitarren-Drone auf dem Höhepunkt des Songs, im Refrain, um anschließend stimmlich noch entrückter zu Ende geführt zu werden. Dafür wird es jedoch offenkundig kaum Tantiemen gegeben haben, weder für die Erben von Pete Ham und Tom Evans noch für den Chicagoer Underground-Musiker Bobby Conn.