Die queeren Geschichten von Jonas Eika

Erotik des Abweichlertums

Die Geschichten des dänischen Schriftstellers Jonas Eika haben geradezu physische Auswirkungen auf ihre Leser. Seine queeren Phantasien verlieren aber an Wirkung, je grotesker sie werden.

In der Wüste von Nevada, unweit des sagenumwobenen militärischen Sperrgebiets Area 51, steht ein Sender extraterrestrischer Herkunft, der seltsam surrt. Ein alter Mann nähert sich dem Gerät und den dort wachsenden Pflanzen und Pilzen, auch Tieren tummeln sich hier. Aus dem Gerät schneidet er ein Teil heraus, das er sich in einer blutigen Prozedur in die Kehle einsetzt. Im gutturalen Schrei will der Mann eins werden mit dem Surren des Senders. Doch das heißt auch: über sich hinausgehen, sich aufgeben. »Seinen Atem hinter sich zu lassen und die Gegenwart zu betreten, bedeutete aber auch, den Abstand zwischen sich und dem nächsten Moment zu löschen und damit zugleich die Zukunft zu verlieren. Und alle seine Vorstellungen, all seine Hoffnungen, seine Angst und sein Mut, kamen aus der Zukunft. Er würde das verlieren, was erst im Augenblick des Verlusts aufhörte, alles zu bedeuten. Er verstand es erst nicht. Und dann tat er es doch.«

Eikas handwerklich einwandfreie Umsetzung theoretischer Überlegungen zeigt häufig auch eine esoterische Schlagseite.

Der alte Mann heißt Antonio und lebt mit seiner Frau Fay in Rachel, Nevada. Während sie die Trauer über den frühen Tod der Töchter zu verwinden versucht und sich der theoretischen Ufologie hingibt, trauert er auf handfeste Weise. Das ist der Kern der Erzählung »Rachel, Nevada« in dem Erzählband »Nach der Sonne«, dem ersten auf Deutsch erschienen Buch des dänischen Autors Jonas Eika.

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Wie jenes warme, leichte Summen hebt »Nach der Sonne« an. Ein Summen, das sich über die beschriebenen Welten legt und Menschen, Tiere, Materie durch- und überzieht, zum Flirren, Leuchten und Ächzen bringt. Ein Summen, das sich steigert und bricht, das vorwärts treibt und fortträgt, in dem sich konsequenter­weise alles aufzulösen droht – Menschen, Tiere, Materie, also auch: Geschichte und Subjekte. Dieses Summen offenbart sich also rasch als bedrohlich, doch es entwickelt gerade deswegen eine faszinierende, anziehende Sinnlichkeit.

»Ich erreichte Kopenhagen verschwitzt und einigermaßen neben mir stehend nach einem äußerst ­fiktiven Flug.« Dieser erste Satz (der ersten Geschichte »Alvin«) ist Programm: Verschwitzt und einigermaßen neben sich stehend, so beendet man auch die Lektüre dieses Bandes. Körper und sinnliche Erfahrung sind hier nicht nur ein zentrales Thema: Das Buch zu lesen, ist selbst eine körperliche Erfahrung. Spannung, Erregung, Furcht und Scham – Jonas Eika gelingt es, starke Empfindungen in den Leserinnen und Lesern hervorzurufen.

Es ist auch ein »äußerst fiktiver Flug«, denn Eika lässt zwar alle Geschichten an realen Orten spielen (Kopenhagen, Cancún, London, Rachel), doch verschiebt er die Grenzen konsequent ins Groteske. In vier Erzählungen – wobei zwei der fünf Kapitel zueinander gehören – entwirft Eika Welten jenseits kulturell und sexuell hegemonialer Vorstellungen. Nicht nur, weil ein Krater im Zentrum Kopenhagens oder Aliens in der Wüste von Nevada offensichtlich »sehr fiktive« Angelegenheiten sind. Diese Geschichten irritieren auch deshalb, weil sie ein Begehren in den Mittelpunkt stellen, das so gar nicht heteronorm sein will.

Mitunter subtil angedeutet oder sogar humorvoll verpackt – »Vor dem Eingang einer U-Bahn-Station stand ein Mann mit ausgestreckten Armen und hatte die Hände voller Gurkenschäler. Von einer Schnur um seinen Hals baumelten lange, dunkelgrüne Schalen schwitzend in der Sonne, um die Funktionsfähigkeit seines Werkzeugs zu beweisen« –, doch immer mehr auch von Grausamkeit und Grauen durchsetzt zeigen sich Eikas Erzählungen; vor allem reflektieren sie stets auf die ökonomischen Verhältnisse. Jeder ahnt, was gemeint ist, wenn der Besitzer eines Strandresorts in Cancún sagt: »Wir suchen immer Boys. Aber bist du überhaupt ein richtiger Boy?« Und die Antwort ist: »Ich bejahe es, erkläre, dass ich aus dem richtigen Holz geschnitzt bin, und zähle meine frü­heren Arbeitsstellen auf.«

Durch geschickte semantische Kniffe erweist sich Erotik als dynamisch summender Subtext. Zunächst erscheint Begehren – und das heißt hier vor allem: homosexuelles, queeres Begehren – auch nicht als leichter Ausweg, als Rettung. Die Beach Boys ­lieben sich untereinander, doch ihre vom Konkurrenzverhältnis affizierte Sexualität nimmt bisweilen grau­sige Züge an. Noch brutaler ist das Ritual, dem sich der Rentner Antonio in der Wüste hingibt. Erst im blutigen Akt der Selbstverstümmelung findet er die ersehnte Befriedigung. Zart an den Grenzen menschlicher Leiblichkeit entlang und selbst, wo diese scheinbar brutal überwunden werden, stellt sich – zunächst – trotz empfundener Grausamkeit oder Ekel so etwas wie Verständnis ein. Eika führt den Leser in eine Erotik des Abweichlertums.

Man muss es also ein queeres Buch nennen, und freilich passt das zur Selbstdarstellung des dänischen Autors, der auf seinem Autorenfoto mit kurzgeschorenem, grellgrünem Haar und Ohrschmuck schmallippig dreinblickt. Eika ist ein Produkt des dänischen Literaturbetriebs, in jungem Alter schon ausgezeichnet. Kein Wunder also, dass seine Texte genau passen zu zeitgenössischen Themen wie fluide Identitäten, Auflösung des Subjekts und epistemologische Auffassungen jenseits des Ratio­nalen.

Eikas handwerklich einwandfreie Umsetzung theoretischer Überlegungen zeigt allerdings häufig auch eine esoterische Schlagseite. So entsteht eine Dynamik, die das Widerständige und Abseitige nicht rettend einholt, sondern Widersprüche ins Groteske aufgelöst.

Am deutlichsten wird das in der zweiteiligen Geschichte »Bad Mexican Dog« über die vom Kapitalismus zu seelenlosen (Sex-)Sklaven degradierten Jungen am Strand. Nachdem einer von ihnen infolge eines Miss­geschicks von einem wütenden Strandgast zu Tode geprügelt wurde, vollziehen die anderen Jungs eine Zeremonie, in der sie sich mit Sonnenschirmständern penetrieren und den Toten in einer Mischung aus Meerwasser und Sperma wieder zum Leben erwecken.

Und zu guter Letzt gehen sie eine pansexuelle Verbindung mit Garnelen ein und schwimmen nahezu erlöst durchs Meer: »Und plötzlich bin auch ich geschlüpft und setze mich in Bewegung, mit gebogenem Rücken und Gliedmaßen wie organischen Paddeln bewege ich mich durch das Wasser, ruhig dahingleitend, in einem Tempo, das sich genau richtig anfühlt für meinen kleinen Körper. Die anderen Boys schwimmen auch irgendwo im Wasser. Wir sind alle sehr klein.«

Das bis eben noch zärtliche Summen des Anfangs wird spätestens an diesem Punkt von einem schier ohrenbetäubenden Dröhnen übertönt. Der Ton ist übersteuert, und so geht der anfängliche Effekt flöten. Das scheint Absicht zu sein, wirkt aber uninspiriert. Die Gefahr, die Geschichten als Wohlfühlerzählungen aufzufassen, bestand ohnehin zu keinem Zeitpunkt. Dennoch wirkt es, als wolle Eika genau das mit allen Mitteln unterbinden. Was als faszinierendes Summen begann, dessen dunkle Atonalität durchaus ästhetisch aussagekräftig war, endet so in einem übersteuerten Quietschen, das sich nicht erschließen lassen will.

Jonas Eika: Nach der Sonne. Aus dem ­Dänischen von Ursel Allenstein. Hanser, Berlin / München 2020, 160 Seiten, 20 Euro