Vor 40 Jahren erschoss ein Nazi in Erlangen den Rabbiner Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin

Ein Mord in einem Jahr voller Terror

Vor 40 Jahren erschoss ein Nazi in Erlangen den Rabbiner Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke. Es gilt als der erste antisemitische Mord eines Rechtsextremen in der Bundesrepublik Deutschland. Früher im selben Jahr hatte bereits das Oktoberfest­attentat stattgefunden, der größte rechtsextreme Anschlag in Deutsch­land nach dem Zweiten Weltkrieg.

Am Abend des 19. Dezember 1980, zu Beginn des Schabbat, klingelte es an der Tür von Shlomo Lewin in Erlangen. Als der ahnungslose Rabbiner öffnete, ermordete ihn Uwe Behrendt, ein Mitglied der rechtsextremen »Wehrsportgruppe Hoffmann«, mit vier Schüssen. Lewins Lebensgefährtin Frida Poeschke tötete er ebenfalls mit vier Kugeln.

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Es gilt als der erste antisemitische Mord eines Rechtsextremen in der Bundesrepublik Deutschland. Der Anstifter für die Tat könnte, wie der baye­rische Journalist Ulrich Chaussy in seinem neuen Buch »Das Oktoberfest­attentat und der Doppelmord von Erlangen. Wie Rechtsterrorismus und Anti­semitismus seit 1980 verdrängt werden« schreibt, der Gründer und Anführer der »Wehrsportgruppe«, Karl-Heinz Hoffmann, gewesen sein. Die nationalsozialistische Terrorgruppe war paramilitärisch organisiert, verfügte über Gewehre, Pistolen, Handgranaten und sogar Panzerfahrzeuge und veranstaltete Militärübungen im freien Gelände. Sie hatte etwa 440 Mitglieder. Hoffmann unterhielt zudem gute Verbindungen zur PLO.

Shlomo Lewin hatte 1977 gegen Karl-Heinz Hoffmann und weitere Nazis sowie deren Pläne demonstriert, in Nürnberg einen Kongress für Holocaustleugner abzuhalten.

Zehn Jahre zuvor hatte es in München einen Brandanschlag auf das Wohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde gegeben, dem sieben Überlebende der Shoah zum Opfer gefallen waren. Dieses Verbrechen ist allerdings bis heute nicht aufgeklärt. Es ist deshalb nicht bekannt, ob Nazis es verübt haben. Wiederholt wurde der Verdacht geäußert, die Tat könnte von jemandem aus dem Umfeld einer der damals neuen linksradikalen Gruppen wie den »Tupamaros München« begangen worden sein (Mord ohne Mörder). Bei dem Doppelmord in Erlangen sind die Täterschaft und die politische Motivation hingegen geklärt. Der Mörder, Uwe Behrendt, war ein Nazi. Er war die rechte Hand Karl-Heinz Hoffmanns.

Aus heutiger Sicht muss es erstaunen, dass das Jahr 1980 in der Öffentlichkeit nicht als Jahr des rechtsextremen Terrors bekannt ist. Ab dem Frühjahr 1980 verübten die »Deutschen Aktionsgruppen«, eine nationalsozialistische Terrororganisation, Sprengstoffanschläge auf Wohnungen, in denen Migrantinnen und Migranten lebten. Am 22. August 1980 warfen drei ihrer Mitglieder in Hamburg-Billbrook mehrere Molotow-Cocktails auf eine Unterkunft für Asylsuchende, der 22jährige Nguyên Ngoc Châu und der 18jährige Đô Anh Lân starben an schweren Brandverletzungen. Vorher hatten die Nazis noch »Ausländer raus« an die Fassade des Wohnheims gesprüht (Gedenken mit Sondernutzungserlaubnis).

Vier Wochen später kam es zum bislang größten rechtsextremen Attentat in Deutschland nach 1945: Gundolf Köhler, zeitweise Mitglied der »Wehrsportgruppe Hoffmann«, deponierte in ­einem Papierkorb auf dem Münchner Oktoberfest einen Sprengsatz, der noch unter seinen Händen explodierte. Köhler und zwölf weitere Menschen starben, über 200 wurden zum Teil schwer verletzt.

Dass diese Serie von rechtsextremen Anschlägen nicht als Serie angesehen wurde, lag auch daran, dass das Attentat auf das Oktoberfest den Behörden und Teilen der Öffentlichkeit bis vor Kurzem als ein unpolitisches Verbrechen galt. Köhler, so das fast 40 Jahre lang gültige offizielle Ermittlungsergebnis, habe sich aus Liebeskummer und anderen persönlichen Gründen das Leben nehmen wollen und den Weg eines erweiterten Selbstmords gewählt; Mittäter oder Mitwisser habe es nicht gegeben. Erst im vergangenen Sommer kam die Generalbundesanwaltschaft nach neuen Ermittlungen zu dem Schluss, dass der Neonazi Köhler 1980 »aus einer rechtsextremistischen ­Motivation heraus« gehandelt hat (Unaufgeklärt rechtsextrem).

Andere gewichtige Fragen, wie der Verbleib einer durch die Detonation abgerissenen Hand, die nach dem Anschlag gefunden worden war und niemandem zugeordnet werden konnte, sind weiterhin unbeantwortet. Unaufgearbeitet ist auch die Rolle des Landesverfassungsschutzes. Der Leiter des bayerischen Staatsschutzes, Hans Langemann, sabotierte die Ermittlungen, indem er Köhlers Identität am Morgen nach dem Anschlag an Zeitungen weitergab, die sofort darüber berichteten. Damit war Köhlers Umfeld vor bevorstehenden Polizeibesuchen gewarnt.

Es mutet seltsam an, dass ein 21jähriger Nazi ein Sprengstoffattentat auf das vielen als deutschestes aller Feste erscheinende Oktoberfest verübte. Vielleicht war genau das in der »Wehrsportgruppe Hoffmann« umstritten. Allerdings hatten italienische Faschisten wenige Wochen zuvor, Anfang ­August 1980, mit einer Bombe am Hauptbahnhof von Bologna 85 Menschen getötet und über 200 verletzt; rechte Kreise begannen dort eine Desinformationskampagne, um den Tatverdacht auf radikale Linke zu lenken. Köhlers Plan könnte gewesen sein, ebenfalls Angst und Schrecken zu verbreiten und zugleich zu versuchen, den Anschlag »den Linken in die Schuhe zu schieben«, wie einer seiner nationalsozialistischen Studienfreunde später aussagte. Tatsächlich versuchte der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß, der zur Bundestagswahl 1980 auch als Kanzlerkandidat von CDU und CSU antrat, den Anschlag in diesem Sinne für sich zu nutzen – bis er erfuhr, dass ein Rechtsextremer der Täter war.

Neben der Mitgliedschaft der beiden Täter in der »Wehrsportgruppe« könnte eine weitere Verbindung zwischen dem Anschlag in München und dem Doppelmord in Erlangen bestehen. Das Bindeglied zwischen den beiden Attentaten, schreibt Ulrich Chaussy in »Das Oktoberfestattentat und der Doppelmord von Erlangen«, sei »eine antisemitische Verschwörungstheorie aus der Feder des faschistoiden Milizenführers Karl-Heinz Hoffmann« gewesen.

Anfang 1980 hatte Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) die »Wehrsportgruppe« verboten. Hoffmann sah sich deshalb gezwungen, seine Aktivitäten ins Ausland zu verlagern. Er verkaufte der Palestine Liberation Organisation (PLO) ausgediente Militärfahrzeuge der Bundeswehr. Dafür durften die deutschen Nazis in einem Trainingscamp der PLO im Libanon weiter Krieg spielen.

Als die PLO von dem Oktoberfest­attentat erfuhr, wollte sie zunächst nichts mehr mit ihrem Waffenlieferanten zu tun haben. Doch Hoffmann tischte der Organisation, wie Chaussy in seinem Buch ausführt, eine Verschwörungslegende auf: Das »Blutbad in München«, diktierte er einem ­Gefolgsmann, der seine Aussagen ins Englische übersetzte, sei eine »Aktion des israelischen Geheimdienstes« gewesen, um die »Wehrsportgruppe« zu diskreditieren und die Lieferungen von Militärgerät an die PLO zu stören. Die »jüdisch kontrollierten Massenmedien« würden ohnehin schon lange »jede ­nationale Gruppierung« als Nazigruppe darstellen.

Lewin hatte 1977 gegen Hoffmann sowie weitere alte und neue Nazis ­demonstriert, die geplant hatten, in Nürnberg einen Kongress für Holocaustleugner abzuhalten. Fotos aus der Zeit zeigen den Rabbiner vor einem Transparent mit der Aufschrift »Nazis raus aus Nürnberg«.

Behrendt, so sagte Hoffmann später vor Gericht aus, habe seinen Doppelmord als »Rache für das Oktoberfestattentat« verstanden. Hoffmann und seine Lebensgefährtin Franziska Birkmann, deren Sonnenbrille Behrendt bei der Tat getragen und am Tatort zurückgelassen hatte, wurden 1984 ­wegen der Anstiftung und Beihilfe zum Mord angeklagt. Hoffmann erhielt ­wegen zahlreicher Delikte eine Haftstrafe von neuneinhalb Jahren. Vom Vorwurf der Mordbeteiligung wurde er hingegen mangels Beweisen freigesprochen. Behrendt, der sich ins Ausland absetzen konnte, nahm sich 1981 im Libanon das Leben.

Die Ermittlungen richteten sich im Fall Lewin lange auf ein »jüdisches Mordkomplott«, und die Polizei suchte den Täter monatelang in Lewins Umfeld. Die Nürnberger/Erlanger Nachrichten taten mit Überschriften wie »Viele Fragezeichen im Leben des Shlomo Lewin« das ihre, um »posthumen Rufmord« zu betreiben, wie Chaussy es zu Recht nennt.

Zur fragwürdigen Ermittlungsarbeit der Polizei und zur unzureichenden juristischen Aufarbeitung kommt das gesellschaftliche Desinteresse. In seinem Buch »Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage« zitiert der Journalist Ronen Steinke den ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel. Dieser sagte über das Jahr 1980, es habe in den jüdischen Gemeinden »blankes Entsetzen« ausgelöst: über die rechtsextreme Gewalt und darüber, dass die Bedrohung für Juden »von der breiten Gesellschaft nicht so wahrgenommen« worden sei.