Erbschaften verschärfen die Vermögensungleichheit in Deutschland

Lohnende Erbschaften

Eine Studie zeigt, wie stark in den vergangenen 15 Jahren in Deutschland Privatvermögen durch Erbschaften und Schenkungen gestiegen sind. Schätzungen legen nahe, dass die Covid-19-Pandemie diese Entwicklung beschleunigen wird.

Der sicherste und gängigste Weg, reich zu werden, ist zu erben. Auf eine sehr einfache Formel brachte das Thomas Piketty mit seinem »Gesetz der kapi­talistischen Reichtumsverteilung«: r > g. Die Rendite auf Privatvermögen r sei im Normalfall stets größer als das Wirtschaftswachstum g, folgerte der französische Ökonom aus seinen Studien über die Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise in seinem 2013 veröffentlichten Bestseller »Das Kapital im 21. Jahrhundert«. Demnach könne das »Einkommen aus Arbeit nicht mit dem Einkommen aus bereits angehäuftem Vermögen Schritt halten«, das von Generation zu Generation weitergegeben werde. Dieser Prozess der gesamtwirtschaftlichen Umverteilung beschleunigte sich sogar, als in der glo­balen Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 der Staat mit Rettungsprogrammen viele Kapitalien vor der Entwertung rettete und die Kosten auf die Lohnabhängigen und Transferempfänger abwälzte. Seither sei die »Tendenz hin zu einer Oligarchie«, die dem Kapitalismus niemals fremd gewesen sei, zum vorherrschenden Prinzip der Wirtschaftsordnung geworden, schrieb Piketty. Damit meint er, dass ein Aufstieg durch Leistung immer schwieriger wird.

»Die schon lange angekündigte Erbschaftswelle ist ins Rollen gekommen und verschärft die Vermögensdifferenzen, wenn vor allem diejenigen erben, die schon viel haben.« Claudia Vogel, Deutsches Zentrum für Altersfragen

Eine großangelegte Studie, die Anfang Februar das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gemeinsam mit der Universität Vechta und dem Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) vorstellte, hat diese Entwicklung auch für Deutschland bestätigt. Darin werden Vermögensweitergaben von 2002 bis 2017 untersucht und ins Verhältnis zur Entwicklung der 15 Jahre ­zuvor gesetzt. Das Ergebnis ist, so erwartbar es auch gewesen sein mag, ernüchternd. »Die schon lange angekündigte Erbschaftswelle ist ins Rollen gekommen und verschärft die Vermögensdifferenzen zwischen Begünstigten und Nichtbegünstigten, wenn vor allem diejenigen erben, die schon viel haben«, lautet das Fazit der beteiligten Autorin Claudia Vogel vom DZA.

Anzeige

Allein die schiere Summe dieses leistungslosen Gewinns macht deutlich, dass Erbschaften keinen vernachlässigbaren gesellschaftlichen Nebenaspekt darstellen. Auf bis zu 400 Milliarden Euro schätzt das DIW die Vermögenswerte, die jährlich vererbt oder verschenkt werden. Dies sind, unter Berücksichtigung der Inflation, 17 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum der Jahre 1986 bis 2001. Die Summe entspricht knapp zehn Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands. Während in den Jahren 2002 bis 2017 immerhin zehn Prozent der Gesamtbevölkerung erbten, fallen große Erbschaften nur einigen wenigen zu. So wird fast die Hälfte der Gesamtsumme im reichsten Zehntel der Bevölkerung weitergegeben und fast ein weiteres Drittel im zweit- und drittreichsten Zehntel. Die ärmsten 40 Prozent der Haushalte gehen weitgehend leer aus. Und diese Zahlen könnten die Ungleichverteilung noch zu gering ansetzen. Denn die Autoren vermuten wegen Datenlücken in den Stichproben, dass »insbesondere sehr hohe Erbschaften und Schenkungen unterschätzt sein dürften«.

Es handelt sich hierbei um eine sich selbst verstärkende Entwicklung, weil immer größere Privatvermögen durch Erbschaften und Schenkungen weitergegeben werden. Auch innerhalb des jüngsten Untersuchungszeitraums konstatiert die Studie sowohl beim Gesamtvolumen als auch der Vermögensungleichheit eine »deutlich steigende Tendenz«.

Bereits im Juli vergangenen Jahres hatte eine Forschergruppe des DIW mit Hilfe einer Zusatzstichprobe eine Pionierstudie zu den Vermögen und ihren Zuwächsen bei Deutschlands Multi­millionären erstellt. Die Vermögenskonzentration fiel »höher als erwartet« aus. Anlass der Erhebung war die »un­zureichende« Datenlage im Bereich höherer Vermögen, die die Bundesregierung in ihren vergangenen Armuts- und Reichtumsberichten festgestellt hatte. Vor allem fehlten genauere Daten zu den nach Schätzungen des Manager Magazins 700 Deutschen, die jeweils ein Vermögen von mindestens 250 Millionen Euro besitzen. Die Zusatzstichprobe konnte diesen Missstand in Ansätzen beheben. Nach den Ergebnissen der Studie verfügen die reichsten zehn Prozent über knapp zwei Drittel des Gesamtvermögens in Deutschland. Dieses hat sich seit dem Jahr 2000 auf etwa 13,8 Billionen Euro verdoppelt. Allein das reichste Prozent der Bevölkerung vereint »mit gut 35 Prozent mehr als ein Drittel des gesamten privaten Nettovermögens auf sich«, schrieb der Präsident des DIW, Marcel Fratzscher, in der Zeit.

Fratzscher wies auch darauf hin, dass über die Erbschaftssteuer lediglich knapp zwei Prozent der jährlich vererbten und verschenkten Summe, also bis zu sieben Milliarden Euro, eingenommen würden. »Dies liegt vor allem an den großzügigen Ausnahmen von der Erbschaftssteuer, durch die nach wie vor große Erbschaften von Unternehmen häufig komplett steuerfrei an die nächste Generation weitergereicht werden können.« Eine frühere Studie des DIW habe gezeigt, dass Erbschaften zwischen 250 000 und 500 000 Euro durchschnittlich mit über zehn Prozent, Erbschaften über 20 Millionen Euro dagegen mit nur knapp zwei Prozent versteuert würden.

Auch die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie haben diesen Konzentrationsprozess bishe­rigen Schätzungen zufolge weiter befördert. Zu diesem Ergebnis kam beispielsweise der »Global Wealth Report« des Sympathien für Umverteilungen von oben nach unten gänzlich unverdächtigen Allianz-Konzerns im September. »Die Pandemie wird sehr wahrscheinlich die Ungleichheit weiter vergrößern«, sagte die Mitautorin des Berichts, Patricia Pelayo Romero. Die expansive Geldpolitik habe »die Vermögen gegen Corona quasi immunisiert«. Auf der anderen Seite drohen Arbeitslosigkeit, sinkende Löhne, Sparprogramme, zusätzliche Gesundheitskosten und Pleiten mittelgroßer und kleiner Betriebe zu Massenverarmung und nicht selten zu vollständiger Verelendung zu führen.

Auch wenn verlässliche Daten für die Bundesrepublik noch fehlen, dürften sich die für die USA erhobenen Zahlen auch in den meisten anderen OECD-Ländern bestätigen. Dort erhöhte sich, wie die Organisation Americans for Tax Fairness und die Denkfabrik Institute for Policy Studies errechnet haben, das Gesamtvermögen der etwa 650 Milliardäre des Landes allein zwischen März und November vergangenen Jahres um mehr als eine Bil­lion US-Dollar. Neuen Rekorderbschaften steht also nichts im Weg.