Die Texte auf dem Debütalbum von Dry Cleaning sind radikal

Schwebende Schädel

Die verrätselten Texte der Londoner Post-Punk-Band Dry Cleaning sind besser als ihre reibungslose Musik.

Es lohnt sich manchmal, die Produkte der Popkultur nicht so zu konsumieren, wie es vorgesehen war. Das gilt zum Beispiel für die Musik der britischen Band Dry Cleaning, deren kürzlich erschienenes Debütalbum »New Long Leg« derzeit hochgelobt wird. Es ist ein Album, bei dem sich die Frage stellt, ob das wirklich Inte­ressante daran vielleicht nicht die Musik ist.

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Dry Cleaning spielen Post-Punk – mit Betonung auf »Post«. Und vermutlich könnte man, wäre man an Genre-Ausdifferenzierungen inte­­ressiert, noch irgendein weiteres Präfix anhängen, vielleicht irgendetwas in Richtung »distanziert« oder »organisiert«. Denn weder drängt sich die Musik von Dry Cleaning auf, noch überrascht sie: Der Schlagzeuger Nick Buxton spielt mit der Präzision desjenigen, der niemals die Fassung verlieren wird. Der Bass von Lewis Maynard ist vielleicht fesselnd, aber niemals hypnotisch; er weiß zu genau um den Effekt, den er erzielt. Dasselbe gilt auch für die wohltemperierten Dissonanzen des Gitarrenspiels von Tom Dowse, der zwar ein bisschen vor sich hinschrammelt, aber die unterschwellige Aggression niemals explodieren lässt.

Florence Shaw ist die Sängerin, oder vielleicht treffender: die Sprecherin von Dry Cleaning. Denn tatsächlich singt Shaw nicht, sie legt eine Spoken-Word-Performance zu dem sorgfältig geplanten Gitarrengeschrammel hin.

Das Album verstrahlt auf den ersten Blick jene Art kreativer Professiona­lität, die Menschen eigen ist, die gerne von »spannenden Projekten« sprechen, an denen sie gerade arbeiten. Der Sound funktioniert. Er fesselt, ist treibend, verzerrt und schafft einen dynamischen Widerspruch zwischen trockenen Rhythmen und nervösen Melodien. Dem Klang von Dry Clean­ing haftet aber – so sehr er auch zu fesseln versteht – etwas Generisches an. Hier gibt es nichts Unerwart­bares, keinen Schock und kein Rätsel. Jedem Effekt ist die Kalkulation zu deutlich anzuhören. So geht planbarer Punk, zumindest beim ersten Hören.

Wäre da nicht Florence Shaw, die Sängerin der Band, oder vielleicht treffender: die Sprecherin der Band. Denn tatsächlich singt Shaw nicht, sie legt eine Spoken-Word-Performance zu dem sorgfältig geplanten Gitarrengeschrammel hin. Natürlich muss dazu eine Geschichte her, die in Interviews gerne wiederholt wird: dass Shaw niemals Sängerin werden wollte und auch nicht singen kann, weshalb sie sich stattdessen dafür entschieden habe, die Texte zu sprechen. Ein spontanes Bandkonzept, aus Zufall und Not entstanden – auch diese Anekdote passt paradoxerweise in die glatte Inszenierung.

Trotz alledem: Es sind ihre düster-lakonisch gesprochenen Texte, die »New Long Leg« letzten Endes ­interessant machen. Im Englischen nennt sich diese Form des Vortrags »rambling« (»Wandern«): einfach runterlabern, was einem so durch den Kopf geht, ohne lange über Zusammenhänge, Übergänge und Kontexte nachzudenken. Und was Shaw durch den Kopf geht, ist eine schöne Mischung aus zerstückelten Phrasen, Bruchstücken von Telefonaten, Youtube-Kommentaren und den ganz alltäglichen Dingen, die sich Menschen antun müssen, wenn sie mit dem Verhältnis von Selbst, Welt und Mitmenschen nicht mehr klarkommen: »Trying not to think about all the memories  remember when you had to take these pills  remember when you had to take these pills  maybe I just need someone«.

Nach einer Weile, wenn man sich damit abgefunden hat, dass klanglich bei Dry Cleaning nichts anderes passieren wird als sorgsam arrangiertes Gitarrenflirren und darüber düsteres Gemurmel, macht es Spaß, nicht der Musik, sondern den Texten zu folgen. Vielleicht ist das die bessere Herangehensweise: »New Long Leg« mehr als einen vertonten Gedichtband zu verstehen denn als ein Musikalbum.

Textlich jedenfalls geschieht etwas: Shaw bewegt sich durch eine dunkel schimmernde Welt surrealer Bilder und grotesker Figuren, ohne den Humor dabei zu verlieren: »Just an emo dead stuff collector, things come to the brain   spent 17 pounds on mushrooms for you  ause I’m silly«, murmelt sie zu Beginn des Songs »Strong Feelings«. Drei Zeilen und darin eine ganze verrätselte Welt und eine schäbige Liebesgeschichte.

Von da geht es über manches non sequitur und assoziatives Rumgespinne weiter zur nächsten schönen Zeilenfolge: »I just want to tell you I’ve got scabs on my head it’s useless to live  I’ve been thinking about ­eating that hot dog for hours«. Es gibt zwei Arten, auf solche Texte zu ­reagieren: Entweder ein »Aha« ohne Ausrufezeichen oder eines mit. Entweder man folgt Shaws Assoziationsketten – oder man lässt es und steigt aus. Doch es lohnt sich dabeizubleiben, denn ihre Laberei führt in ein disparat organisiertes Archiv voller Textmaterial, das nur scheinbar zufällig angeordnet kleine, kaputte Geschichten erzählt. Wie in »Scratchcard Lanyard«, dem Opener des Albums, in dem sich Shaw als »a woman in aviators firing a bazooka« beschreibt, die sich selbst einredet: »It’ll be okay, I just need to be weird and hide for a bit and eat an old sandwich from my bag.« Wer kennt so etwas nicht?

Unterbrochen werden solche Passagen immer wieder von zusammenhangslosen Phrasen (»You seem really together, you’ve got a new coat, new hair«) und Zitaten aus der Werbung, Kommentarspaltenmüll und so weiter. Als Inspiration für diese Form des Arrangements drängen sich sofort der Beat-Autor William S. Burroughs und seine Technik des Cut-up auf, die er in den fünfziger Jahren entwickelte und bei der bestehende Texte auseinandergeschnitten und dann zufällig neu zusammengesetzt wurden. Shaw selbst beschrieb den Prozess des Songwritings als einen zufälligen: Mit Schnipseln und Notizen sei sie in den Proberaum gekommen und habe abgelesen, was ihr gerade unterkam.

Techniken, die sich dem zufällig Vorgefundenen überlassen, verheißen eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Welt, die sich der schlechten Sozialisierung und all den internalisierten Zwängen – was zu thematisieren, worüber zu schreiben sei und vor allem: wie – entzieht. Freiheit gedacht als die Freiheit, keine Entscheidungen treffen zu müssen und sich stattdessen ganz der Logik des Aufgelesenen zu überlassen. In einer Gesellschaft, die bewusstes ­Leben vor allem als erfolgreiches Leben darstellt, das sinnlos Zusammengefundene und Hingekritzelte, den Kommentarspaltentrash und die uninteressantesten Chat-Protokolle zusammenzusetzen (»Call Ronny  hat’ve you been up to?  Cool   Yeah«), ist beinahe schon ein Akt der Verweigerung.

Das Phänomen lässt sich aber auch von der anderen Seite betrachten: als Angleichung an vom Einzelnen empfundene Ohnmacht in einer Welt, die kaum mehr ist als die Infrastruktur toter Arbeit. Dry Cleaning gehen diesen Weg glücklicherweise nicht zu Ende und bleiben statt­dessen bei einem ständig aufs Neue artikulierten Misstrauen gegen die Sprache als Konvention, oder: gegen die Konvention, in die die Sprache immer wieder gezwängt wird.

Auf »New Long Leg« artikuliert sich dieses Misstrauen darin, das vorgefundene, an sich banale Sprachmaterial so sehr zu fragmentieren, dass es als etwas Fremdartiges erscheint – ähnlich wie der schwebende, verzerrte menschliche Schädel aus dem berühmtem Gemälde »Die Gesandten« von Hans Holbein dem Jüngeren, das plötzlich in dem Song »Strong Feelings« beschrieben wird: »In the painting’s foreground, at the bottom is a famous anamorphic  Which when viewed sidelong is revealed to be a human skull«. Die Strophe stellt sich schlicht als abgelesener Auszug aus dem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag heraus. Allein schon für diese Chuzpe ­gebührt Florence Shaw Respekt.

Dry Cleaning: New Long Leg (4AD)