Antisemitismus im Sport gehört in Deutschland zum Alltag

Foul gegen die Juden

Im Rahmen eines neuen Präventionsprojekts wurden erstmals die Antisemitismuserfahrungen von Mitgliedern jüdischer Sportvereine erhoben.

Antisemitische Beleidigungen und Übergriffe gehören für Jüdinnen und Juden oder Menschen, die für solche gehalten werden, auch im Sport zum deutschen Alltag. Zu dieser Einschätzung kommt eine Studie mit dem Titel »Zwischen Akzeptanz und Anfeindung. Antisemitismuserfahrungen jüdischer Sportvereine in Deutschland«, die der jüdische Turn- und Sportverband Makkabi Deutschland Mitte April der Öffentlichkeit präsentierte.

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Die Erhebung wurde im Rahmen des im selben Zuge vorgestellten Präventionsprojekts »Zusammen eins – Für das, was uns verbindet« erstellt. Dieses hat Makkabi in Kooperation mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf entwickelt; gefördert wird es vom Bundesinnenministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen der Initiative »Demokratie leben!«.

Ziel des Projekts ist es, sich mit den Antisemitismuserfahrungen jüdischer Sportvereine und Sportler in Deutschland auseinanderzusetzen und auf Grundlage der daraus gewonnenen Erkenntnisse Präventionsmaßnahmen gegen judenfeindliche Einstellungen im Sportbereich zu entwickeln. Die Ergebnisse der Studie bezeichnete der Zentralrat als »teils erschreckend«.

Von 5500 Mitgliedern, die der Sportverein Makkabi zählt, haben rund 300 an der Befragung teilgenommen. 39 Prozent von ihnen hatten mindestens einen gegen sie persönlich gerichteten antisemitischen Vorfall erlebt; unter den Mitgliedern der Fußballabteilung waren es sogar 68 Prozent. 55 Prozent hatten mehrere solcher Vorfälle erlebt. Ein Drittel der Befragten gab an, einem antisemitisch motivierten körperlichen Angriff ausgesetzt gewesen zu sein. Knapp über die Hälfte hatte solche Attacken im Kontext des Makkabi-Vereins beobachtet, 49 Prozent der Befragten gaben an, solche Vorfälle außerhalb des Vereins, also etwa beim Stadionbesuch oder beim Sport­treiben in einem anderen Verein, beobachtet zu haben. Von denen, die antisemitische Vorfälle erlebt hatten, hatten 93 Prozent mindestens eine gegen sie selbst gerichtete anti­semitische Beleidigung oder Belästigung erfahren, 88 Prozent hatten mindestens einmal eine solche mitbekommen, die gegen andere Mitglieder oder gegen Makkabi als Verein gerichtet war.

»Die Hemmschwelle ist gesunken, die Aggressivitätsbereitschaft gestiegen«, sagte der Präsident von Makkabi, Alon Meyer, in einem Interview mit der vom Landessportbund Hessen herausgegebenen Zeitschrift Sport in Hessen. Zumindest im Westen Deutschlands, wo die meisten Makkabi-Vereine tätig sind, spielten Übergriffe von Neonazis eine sehr untergeordnete Rolle. »Die absolute Mehrzahl der Provokationen im Sport, insbesondere im Fußball, geht von Gegnern mit arabisch-muslimischem Hintergrund aus«, so Meyer.

Beleidigungen wie »Drecksjude« oder »Man hätte dich vergasen sollen« sind für das Frankfurter Mak­kabi-Mitglied Noam Petry beinahe Normalität. Der 17jährige äußerte im Gespräch mit der Deutschen Welle, dass so etwas in etwa sieben bis acht von 20 Spielen pro Saison passiere. Die Schiedsrichter reagierten häufig nicht auf solche Sprüche.

In der Studie wird weiterhin berichtet, dass die gegen Juden geäußerten Vorurteile teilweise auf alten Ressentiments beruhen. Das lässt sich damit erklären, dass die in den europäischen Gesellschaften zumeist vorherrschende Vorstellung, dass Juden einen Unwillen gegen körperliche Tätigkeiten hätten und auch sonst körperlich schwach seien, direkt zum Vorurteil des unsportlichen Juden führt. Heutzutage äußert sich dieses vor allem in diversen Kommentaren, wenn jüdische Vereine sportliche Erfolge feiern. Ein Spieler von Makkabi berichtete von einem ­D-Jugend-Fußballspiel, bei dem ein gegnerischer Spieler nach dem ­Abpfiff (und der Niederlage seiner Mannschaft) frustriert war und ­Äußerungen tätigte wie: »Gegen die Scheißjuden verloren«, und: »Seit wann können Juden Fußball spielen?« Das Ausbleiben von Reaktionen auf solche Vorfälle ist mehr als beschämend. Neben den Schiedsrichtern, die beleidigende Äußerungen auf dem Sportplatz ignorieren, sind auch Funktionsträger der gegnerischen Mannschaften, die antisemitische Äußerungen ihrer Schützlinge häufig goutieren, Teil des Pro­blems. Nachdem ein Spieler bei einem Jugendfußballspiel »Du Drecksjude, du gehörst vergast!« rief, verurteilte die Jugendleiterin des Vereins, zugleich die Mutter des beleidigenden Spielers, diese Äußerung nicht, sondern soll dem Angegriffenen zufolge stattdessen behauptet haben, dass »alle Juden immer alles vom Staat in den Arsch ­geschoben« bekämen.

Die sich in solchen Äußerungen manifestierende Weltanschauung von Antisemitinnen und Antisemiten verunsichert die Mitglieder von Makkabi. Nur etwa ein Drittel der Befragten hat angegeben, sich in solchen Situationen gewehrt zu haben, 22 Prozent gaben an, die Situation ohne Intervention bewältigt zu haben. Über ein Drittel der Betroffenen meldete antisemitische Vorfälle an den jeweiligen Vereinsvorstand, 26 Prozent gaben an, auf eine Meldung an eine Stelle des organisierten Sports hingewirkt zu haben. Nur 14 Prozent der Befragten hatten sich an außersportliche Anlaufstellen wie die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus gewandt, die es zum Beispiel in Berlin und Bayern gibt.

Das zögerliche Meldeverhalten könnte mit der Mitgliederstruktur der Makkabi-Vereine in Zusammenhang stehen. Im Gespräch mit der Deutschen Welle verwies Alon Meyer darauf, dass die Mehrheit der Makkabi-Mitglieder gar nicht jüdisch sei. Dies führe zu Irritationen auf allen Seiten. So berichtete Meyer von einem Vorfall, bei dem ein Makkabi-Spieler von seinem Gegenspieler mit einem Messer attackiert worden ist. Opfer und Täter seien dann im Krankenhaus wieder aufeinander getroffen. Es habe sich herausgestellt, dass sie beide iranischer Abstammung waren. »Wieso sprichst du Persisch? Du bist einer von uns. Du bist ein Idiot. Wenn du mir das gesagt hättest, hätte ich dich nie attackiert«, habe der Angreifer gesagt.

Die Studie untermauert darüber hinaus eine seit längerem bestehende These. Im Teamsport, vor allem aber beim deutschen Volkssport Fußball, ist Antisemitismus sehr häufig ein Problem. »Aus der Erfahrung ­heraus muss man leider sagen, dass der Fußball anfälliger ist als etwa Tennis oder Turnen«, sagte Lasse Müller von Makkabi Deutschland im bereits erwähnten Interview mit der Zeitschrift Sport in Hessen. Dafür gebe es aus seiner Sicht verschiedene Erklärungen. Zum einen sei Fußball emotional stark aufgeladen, ­andererseits sei die Mentalität des »Wir gegen die« stark ausgeprägt.

Aber auch außerhalb von Sportstätten gibt es antisemitische Vorfälle. »Bin mit Makkabi-Klamotten mein Handy reparieren gegangen. Nachdem ich die Quittung bekommen habe, auf der eigentlich meine Adresse stehen sollte, stand anstatt meiner Adresse ›Holocauststraße‹«, zitiert die Studie den Bericht eines Betroffenen. Die Befragten befürworten in ihrem Umfeld ein rigoroses Vorgehen, zum Beispiel durch Platzsperren und hohe Geldstrafen, die die Sportverbände verhängen müssten. Eine weitere Kampagne mit Platitüden wie »Nein zu Antisemitismus« wird nur als wirkungslose PR-Maßnahme gesehen.