Zum zehnten Todestag von Amy Winehouse

Tränen trocknen von allein

Amy Winehouse ist zu Lebzeiten von einer Mythosmaschinerie überrollt worden, die die Erfahrung ihrer Musik bis heute erschwert. Eine Erinnerung zu ihrem zehnten Todestag.

Das berührendste Lied, das Amy Winehouse geschrieben hat, unübertroffen in seiner Zartheit und seinem Sarkasmus, würden popfeministische Kulturarbeiter wohl unter der Rubrik »Kritische Thematisierung von Geschlechterstereotypen« abheften. »Fuck Me Pumps« erschien 2003, als sie gerade 20 Jahre alt geworden war, auf dem Debütalbum »Frank«: Der Song zeichnet in wenigen Strophen mit minimalistischer Begleitung, fast im A-cappella-Stil, den Alltag namenloser Disco-Sternchen nach, die ihren Tageslohn wöchentlich bei der »Ladies Night« in den Vorstadt-Clubs verpulvern. Dort hoffen sie auf die große Liebe, suchen sie aber nur in Männern mit viel Geld und wenig Phantasie, erfahren Selbstbestätigung allein in Formen der Demütigung und sind mit Mitte 30 so abgelebt wie die Träume, an die sie lange nicht mehr glauben.

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Statt Enttäuschung, aus der die Kraft zur Selbstveränderung entspringen könnte, beschleicht sie lähmende Resignation, die Wiederkehr des Immergleichen als das schale Neue: »In the morning you’re vexed, / he’s onto the next / and you didn’t even get no text. / Don’t be too upset / if they call you a scag / cause like the news everyday you get pres­sed.« Doch gerade diese Frauen be­leben als Phantome eines nie verwirklichten Glücks die großstädtische Nacht: »Without girls like you / there’d be no fun. / We’d go to the club / and not see anyone. / Without girls like you /there’s no nightlife. / All those men just go home to their wives.« Zerstreuung und Exzess, die die Massenkultur den Menschen wenigstens in der nächtlichen Freizeit manchmal bietet, setzen die Selbsterniedrigung derer voraus, die darin, wenn auch nur für ein Wochenende, die Stars sind, und dieser Part ist immer noch negatives weibliches Privileg.

Alle Auftritte von Amy Winehouse waren Ausdruck der Freude, Überraschung und Überforderung einer witzigen, dem Alltag zugewandten Person, die für die Welt, in der sie lebte, wahrscheinlich einfach zu lieb gewesen ist.

In dem von Marlene Rhein gedrehten Video zu »Fuck Me Pumps« wird auch deutlich, dass das Lied auch von Amy Winehouse selbst handelt. Sie trägt darin die Schuhe, die im Titel vorkommen und derer sie sich am Ende des Clips entledigt. Der billige, aber pfiffige Chic ihres Kleides spiegelt die billigen Kleider der zwei jungen Frauen, die sich im Video vor dem Eingang einer britischen Vorstadt-Disco namens »Beyond ­Retro Bar« zuerst zanken und dann vertragen, um sich schließlich gemeinsam dabei zu helfen, auf den Bürgersteig zu erbrechen. Zwei kleine Mädchen, die Amy beim Singen zuschauen und mit ihren Handtäschchen schaukeln, figurieren als kindliche Vorwegnahmen der Frauen vor dem Club, die Winehouse ähnlich sind. Der Geschäftsmann, in dessen Auto sie singend steigt und der sie so begeistert wie verunsichert beäugt (er sieht ihrem Vater Mitch so ähnlich, dass es sich um einen Cameo-Auftritt handeln könnte, was aber nicht verifizierbar ist), macht nicht den Eindruck, viel mehr Geld zu haben als die Disco-Frauen, die in den Clubs auf Geschäftsmänner warten: Ein Zirkel aus Elend und Traurigkeit, der nur durch einen Jungen, der Winehouse mit spontaner Begeisterung bei ihrem Gang durch die leeren Straßen filmt, durch die lässige Geste, mit der sie am Ende ihre Schuhe wegwirft, und durch ihr wunderschönes Lächeln konterkariert wird.

Jeden Tag durch die Druckerpresse gezogen zu werden wie die abends schon wieder überholte Zeitung, war auch die Erfahrung von Amy Wine­house seit dem glücksschockartigen Erfolg ihres ersten Albums, auf das 2006 mit »Back to Black« das letzte folgte, das sie vor ihrem frühen Tod herausbrachte. Wer auf Youtube oder in Bilderdatenbanken nach ihr sucht, findet sofort zahllose Dokumente, in der Mehrzahl wenig stilisierte, manchmal stillose Alltagsszenen, Paparazzi-Fotos und peinlich berührende Mitschnitte ihrer Auftritte. Diese waren seit dem Desaster in Birmingham im November 2007, als sie betrunken und desorientiert auf der Bühne erschien und vom Publikum ausgelacht und verhöhnt wurde, von fortschreitendem psychischem und körperlichem Verfall gezeichnet.

Dass Musiker auf der Bühne zugekokst, bekifft, betrunken oder sonstwie konfus erscheinen, gehört zum Üblichen, auf das die Unterhaltungsbranche sich einzustellen hat. Der Film »Judy« von 2019, in dem Renée Zellweger die alternde Judy Garland spielt, hat vor Augen geführt, dass nicht nur bei den üblichen Verdächtigen, sondern auch bei soignierten Stars mit drogeninduzierten Aussetzern stets gerechnet werden musste. Das Besondere an den Auftritten von Winehouse bestand in der lebendigen Verschränkung von Spontaneität und Destruktivität, Freundlichkeit und Selbstzerstörung, Schönheit und Traurigkeit, die eine Weile ein fragiles Gleichgewicht hielten, dessen Zusammenbruch das Publikum am Ende jedoch fast in Echtzeit beobachten konnte.

Während Britney Spears in ihren jüngeren Instagram-Videos gerade dadurch deprimiert und berührt, dass sie völlig neben sich steht und zugleich vollkommen kontrolliert wirkt, wie eine aufgezogene Puppe, die ihr Programm ohne Bewusstsein dessen absolviert, was sie da tut, und während Janis Joplin in ihren ebenfalls vom Verfall gezeichneten Auftritten in den späten sechziger Jahren sich an der Begeisterung für sie wie an einer Droge berauscht, stellte sich Winehouse ihrem Publikum weder als dessen Vorbild gegenüber, noch versuchte sie, mit ihm eins zu werden. Alle ihre Auftritte – in Talkshows oder auf der Bühne, aus der Zeit ihrer Stabilität wie der Drogensucht – waren Ausdruck der Freude, Überraschung und Überforderung einer witzigen, dem Alltag zugewandten Person, die für die Welt, in der sie lebte, wahrscheinlich einfach zu lieb gewesen ist.

Die rohe Emotionalität, die vor ­allem in den Liedern ihres zweiten Albums die geläufigen Formen des Jazz und Soul durchschlägt, zeugt weniger von Bekenntnisdrang als davon, dass Winehouse genau die Rolle der Amy, die sie spielte und durch die sie wahrgenommen wurde, benötigte, um auszudrücken, was sie ohne Vermittlung durch diese Rolle niemals hätte ausdrücken können: Stilisierung und Leib gehörten so notwendig zusammen, dass noch die Selbstblamagen ihrer späten Auftritte, das Torkeln über die Bühne, die Textvergessenheit und die Aussetzer, Ausdruck von etwas waren, ohne das ihre Musik von Anfang nicht lebendig gewesen wäre. Lieder wie »Rehab«, »You Know I’m No Good« und »Tears Dry on Their Own«, die persönliche Erfahrungen, wie ihre Versuche des Drogenentzugs, ihre demütigende Beziehung zu ihrem Ex-Mann Blake Fielder-Civil, der sie an harte Drogen gewöhnte und ihr Klinikaufenthalte verbot, aber auch ihr Bemühen zum Thema machten, in den schlimmsten Krisen sich selbst zu trösten, zeigen, wie eng Intimstes und Äußerliches bei ihr miteinander verbunden waren.

Deshalb sind die schon zu ihren Lebzeiten einsetzenden Versuche, sie zum Mythos zu erheben, nicht nur geschmacklos, sondern einfach falsch. Sie hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie stark die Jazz-Platten beeinflussten, die sie bei ihrem Vater Mitch Winehouse entdeckte, der selbst Hobbymusiker und Gelegenheitssänger war, und wie wichtig die britische Alltagskultur der sechziger Jahre, die sie selbst nie erlebte und nur über Filme, Fotografien und Zeitschriften kannte, für ihre Musik und ihr Auftreten (die »Bienen­stock«-Frisur) gewesen sind. Einige ihrer besten Lieder sind Coverversionen (»Will You Still Love Me Tomorrow«), und noch ihre Originallieder sind durchdrungen von der Musik, die sie liebte und nachsang, wie ihr Vater seine Lieblingsmusik mit der Tochter nachgesungen hatte.

Musikalische Verwandte, die Impulse ihrer Musik weiterführen, gibt es, wenn überhaupt, nur vereinzelt: In der Affirmation süßlich-kitschiger Nachahmung ist Lana Del Rey ihr nahe, in der bis zur Selbstvergessenheit freundlichen Hinwendung zum Publikum Kimya Dawson. Wer nach Spuren jüdischer Tradition in ihrem Werk sucht – ihr Vater Mitch und ihre Mutter Janis stammten aus dem jüdischen Londoner Kleinbürgertum –, müsste stärker als expliziten Referenzen wohl der Vorliebe für das Profane, Banale, Beschädigte nachgehen, die von der Gewissheit getragen ist, dass die Wahrheit im Detail und die Ewigkeit im Vergänglichen lebt.

Am 23. Juli 2011 ist Amy Winehouse im Alter von 27 Jahren an einer Alkoholvergiftung gestorben: kein Selbstmord, kein Unfall, sondern das selbst herbeigeführte Ende eines Lebens, das sich entglitten war.