Die Grünen hadern mit Homöopathie und Impfskepsis

Gestörte Eurythmie

Die Grünen hadern mit ihrem Verhältnis zur Homöopathie und der alternativen Pharmaindustrie. Erst seit der Covid-19-Pandemie können sich Teile der Partei zu einem klaren Bekenntnis gegen die Impf­gegnerschaft durchringen, wie ein Blick nach Baden-Württemberg zeigt.

Als Partei der Impfgegner und Esoteriker will man vor der Bundestagswahl wohl nicht gelten. Zumindest gab sich der Bundesvorstand der Grünen um Annalena Baerbock und Robert Habeck große Mühe, die Diskussion über nichtwissenschaftliche Heilmethoden aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Das Thema wird auch innerhalb der Partei kontrovers diskutiert.

Impfskepsis muss man sich leisten können, und der Preis dafür steigt gerade.

2019 hatten Gegner der Homöopathie auf dem Parteitag noch eine erbitterte Auseinandersetzung ausgelöst. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob gesetzliche Krankenkassen weiterhin die Kosten für homöopathische Mittel übernehmen sollen. Der Vorstand wollte wohl einen allzu offenen Streit ver­meiden und lagerte den Konflikt in eine Kommission aus, die er dann einige Monate später mit der Begründung auflöste, sie arbeite nicht produktiv und verzettele sich stattdessen in persön­lichen, unsachlichen Konflikten. Anschließend gab Habeck eine Kompromissformel aus, die die Gemüter beruhigen sollte: In Zukunft solle es für diejenigen, die weiterhin nicht auf Milchzuckerkügelchen und Bachblüten verzichten wollen, bei den Krankenkassen eine Zusatzversicherung geben.

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Im Wahlprogramm zur Bundestagswahl werden Homöopathie und anderer medizinische Pseudowissenschaften nicht mehr explizit erwähnt, offenbar wollen die Grünen das unbequeme Thema wohl vermeiden. Aber weder sie noch andere Parteien setzen sich gegen die Bevorzugung der »Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen« ein, wie sie im Arzneimittelgesetz geregelt ist. Damit sind neben diversen pflanzlichen Präparaten ausdrücklich anthroposophische und homöopathische Mittel gemeint. Sie müssen im ­Gegensatz zu allen anderen Medikamenten ihre Wirksamkeit nicht in wissenschaftlichen Studien belegen – es reichen die Behauptungen der Produzenten und Erfahrungsberichte. So dürfen zum Beispiel anthroposophisch tätige Ärztinnen und Ärzte weiter mit dem Mistelpräparat Iscador an Krebs Erkrankte behandeln, obwohl dessen Wirkung weder erwiesen noch naturwissenschaftlich plausibel ist.

In der Diskussion über Covid-19-Impfungen verfolgt jedoch ausgerechnet der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann eine harte Linie gegen Impfgegner. Wer sich nicht impfen lasse, müsse mit erheblichen Einschränkungen seiner Freiheitsrechte rechnen, drohte er öffentlich. Auch eine Impfpflicht sei in der Zukunft nicht ausgeschlossen.

Bemerkenswert ist, dass diese vergleichsweise rabiate Intervention erst angesichts der Pandemie erfolgte. Denn schon seit langem war es immer wieder zu Masernausbrüchen in anthroposophischen Kindergärten und Schulen in Baden-Württemberg gekommen. In Kretschmanns Bundesland liegt die Quote fast aller von der Ständigen Impfkommission für Kinder empfohlenen Impfungen seit Jahren deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt, was auch auf die im Südwesten besonders starke anthroposophische Szene und die dort verbreitete Impf­skepsis zurückzuführen ist. Schon der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, hatte Impfungen als hinderlich für die kindliche Reifung betrachtet.

Jetzt aber hat Kretschmann offensichtlich neu kalkuliert. Vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie tolerierte er die antiwissenschaftlichen Überzeugungen von Teilen der eigenen Wählerschaft und beugte sich der Lobby der Hersteller diverser naturheilkundlicher Mittelchen. Die Firmenzentralen wichtiger Produzenten alternativer Heilmittel befinden sich in Baden-Württemberg. Ein Beispiel ist die Deutsche Homöopathie-Union (DHU) in Karlsruhe, die nach eigenen Angaben 2016 einen Jahresumsatz von etwa 100 Millionen Euro machte. Das Unternehmen Wala, das unter anderem hochpreisige Kosmetikprodukte unter dem Namen »Dr. Hauschka« herstellt und Eurythmiekurse für seine über 1 000 Angestellte als »soziales Engagement« anpreist, hat seine Firmenzentrale im schwäbischen Bad Boll. Auch Wala gibt einen Umsatz im dreistelligen Millionenbereich an. Bekannt wurden diese und andere naturheilkund­liche Firmen unter anderem dadurch, dass sie vor etwa zehn Jahren einen Journalisten dafür bezahlten, Kritiker zu diskreditieren.

Die baden-württembergische Landesregierung dagegen muss für ihr Engagement für die alternative Pharmaindustrie nicht bezahlt werden. Wie die Pharma-kritische Zeitschrift Gute Pillen – Schlechte Pillen berichtete, setzte sie sich zuletzt im Februar dieses Jahres im Bundesrat dafür ein, auf EU-Ebene Regularien voranzubringen, die Nahrungsergänzungsmittel strenger regulieren würden. Dies ist seit langem ein Wunsch der alternativen Pharma­indus­trie. Denn für sie stellen Nahrungsergänzungsmittel eine Konkurrenz dar, die noch laxer reguliert ist als sie selbst.

Dieser Einsatz der Landesregierung versteht sich fast von selbst, ist doch Baden-Württemberg nach Angaben des dortigen Wirtschaftsministeriums ­Europas führender Standort für Arzneimittel der »besonderen Therapien«. Nirgendwo sonst findet sich ein so dichtes Netz esoterisch-heilkundlicher Wirtschaftsakteure.

Dazu gehören auch die im Ländervergleich meisten anthroposophischen Bildungseinrichtungen: Kindergärten, Eurythmieschulen, Lehrerseminare, Schulen und so weiter. Die relativ zahlreichen Impfgegner kommen wohl vorrangig aus dem der Anthroposophie anhängenden oder nahestehenden ­Milieu, schließlich sind Esoterik und Aversion gegen Wissenschaft ein fester Bestandteil des anthroposophischen Weltbilds.

Das Nebeneinander von Hochtechnologie und Parawissenschaft stellte lange Zeit kein größeres politisches Problem dar. Das änderte sich erst im Frühjahr dieses Jahres. Da die Covid-19-Pandemie mit Impfungen unter Kontrolle gebracht werden kann, dafür aber nach aktuellem Stand Impfquoten von mindestens 80 Prozent erreicht werden müssen, verschieben sich die Prioritäten. Auch wenn Anthropo­sophen und andere Esoteriker sogar in Baden-Württemberg eine Minderheit darstellen, ist diese dennoch groß genug, um die Impfziele zu gefährden. Zögerlichkeit beim Impfen oder gar eine radikale Verweigerung gefährden unter diesen Umständen die Produk­tion, zum Beispiel bei den in Kretschmanns Bundesland ansässigen Automobilherstellern Daimler-Benz und Porsche sowie den zahlreichen mittelgroßen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen. Impfskepsis muss man sich leisten können, und der Preis dafür steigt gerade.