Der türkische Präsident Erdoğan sucht die Nähe der Taliban

Erdoğan und die Taliban

Der türkische Präsident hofft auf eine bedeutende politische und ökonomische Rolle der Türkei in Afghanistan.

Montagnacht war es so weit. Das letzte militärische Transportflugzeug der USA startete vom Kabuler Flughafen, bevor am Dienstag die von den Taliban festgesetzte Frist zur Evakuierung westlicher Staatsbürger und afghanischer Helfer der Alliierten auslief. Freudenschüsse von Talibankämpfern hallten durch die Nacht.

Erdoğan versucht weiterhin, sich als Mittler zu den neuen Machthabern in Afghanistan ins Spiel zu bringen, in Rivalität und Kooperation mit Katar.

Die zwei Wochen zuvor war der Kabuler Flughafen ein Ort von Chaos und auch von Terror. Am Donnerstag vergangener Woche hatte dort ein Selbstmordanschlag des afghanischen Ablegers des »Islamischen Staats« (IS) mehr als 180 Menschenleben gefordert, unter den Getöteten waren 13 US-Soldaten.

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Der US-amerikanische Außenminister Antony Blinken sagte am Dienstag, die USA arbeiteten mit der Türkei und Katar zusammen, um den Flughafenbetrieb wieder anlaufen zu lassen. Nach seinen Angaben sind noch bis zu 200 US-Amerikaner in Kabul, die das Land verlassen wollten. Sie und Tausende Afghanen können nur ausgeflogen werden, wenn die Taliban dies zulassen.

Am Montag fand ein Treffen der G7-Staaten mit der Türkei, Katar, in Doha statt, an dem auch Nato-Vertreter teilnahmen, um weitere Details zu diskutieren, wie der zivile Kabuler Flughafen geöffnet werden könnte, um weiteren Menschen den Abflug aus Afghanistan zu ermöglichen. Bis Redaktionsschluss waren keine Ergebnisse der Gespräche bekannt.

Die Taliban haben die Türkei angefragt, sich nach dem Abzug ihrer Soldaten um die Logistik des zivilen Flughafens zu kümmern, während sie selbst die Kontrolle der Sicherheit übernähmen, aber eine Zusage des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan blieb zunächst aus. Im Frühjahr hatte Erdoğan noch gehofft, die türkischen Soldaten, die ohnehin mitwirkten, den Flughafen von Kabul zu kontrollieren, dort weiter zu belassen, um seinen Einfluss in Kabul aufrechtzuerhalten. Ihm zufolge hat die Türkei im Gegensatz zu anderen Staaten keine Probleme mit den Ansichten der Taliban: »Die Taliban sollten mit der Türkei viel leichter sprechen können, denn die Türkei hat keine Probleme mit ihren religiösen Standpunkten.«

Damit unterstellt Erdoğan, dass das Problem zwischen den Taliban und dem Westen ein rein religiöses sei: Die westlichen Staaten seien Kreuzfahrer, die den Islam hassen. Versteht man Erdoğans Worte als Kritik am Westen, so ist das in der Türkei vergleichsweise unproblematisch zu vertreten, doch fasst man es als Kompliment für die Taliban auf, hört für viele der Spaß auf. So erinnerte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der prokurdischen HDP, Meral Danış Beştaş, am Freitag voriger Woche daran, dass die Taliban die Unterdrückung der Frauen forcieren. Etwas über 50 Prozent der Anhänger und Anhängerinnen von Erdoğans AKP sagen, ihr Religionsverständnis weiche von dem der Taliban ab. Beim Koalitionspartner der AKP, der ultranationalistischen MHP, sind es fast 80 Prozent. Linke und Kemalisten lehnen die Taliban ohnehin deutlich ab. Für türkische Islamisten ist das Osmanische Reich ein Bezugspunkt, dessen Anwendung der Sharia nicht annähernd so streng war wie unter den Taliban; Linke und Kemalisten orientieren sich an der modernen Türkei, die von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk säkularisiert wurde.

Doch Erdoğan versucht weiterhin, sich als als Mittler zu den neuen Machthabern in Afghanistan ins Spiel zu bringen. Dabei steht er in Rivalität und Kooperation mit Katar, das eine wichtige Rolle bei den US-amerikanischen Evakuierungen spielte, nun ebenfalls als key player in Afghanistan gilt und Gespräche mit den Taliban über technische Hilfe am Kabuler Flughafen führt.

Insbesondere hat die Türkei auch Interesse an den riesigen Rohstoffvorkommen Afghanistans. Erst Russland und dann die USA haben das Land auf Rohstoffe untersucht und wurden fündig, zum Beispiel bei Eisen, Gold, Kobalt, Lapislazuli, Kohle, Öl, Erdgas, Kupfer, sogenannten Seltenen Erden und ­Lithium. Insbesondere die beiden letztgenannten Rohstoffe sind heutzutage bedeutend. Die weltweite Produktion der für viele Anwendungen, etwa Permanentmagneten für Windturbinen und Elektrofahrzeuge, wichtigen Sel­tenen Erden dominiert China, das auch die größten Reserven hat. China hat sein Quasimonopol bei der Raffinierung der Seltenen Erden auch schon mehrfach als Druckmittel gebraucht. Lithium ist das aktive Material für Batterien, die immer mehr benötigt werden, und nicht gerade reichlich vorhanden. Die größten Vorräte, etwa ein Viertel der bekannten Vorkommen, wurden bisher in Bolivien ausgemacht. Nun hat sich herausgestellt, dass Afghanistan ungefähr so viel Lithium besitzt wie Bolivien, wenn nicht mehr. Die US-amerikanischen Truppen, von denen viele in der Türkei wie auch anderswo meinen, sie würden Kriege nur wegen Bodenschätzen führen, sind trotzdem aus Afghanistan abgezogen.

Doch wenn es zur Ausbeutung dieser Rohstoffe kommt, können türkische Firmen wohl nur auf einen bescheidenen Anteil hoffen. Während die Türkei noch im Rahmen der Nato-Koalition in Afghanistan war, haben Russland und China bereits Kontakt zu den Taliban aufgenommen. Schon 2008 erhielt eine chinesische Firma Schürfrechte für Kupfer in Afghanistan. Geplant war eine Investition von fast drei Milliarden Dollar, die aber wegen der Sicherheitslage nicht zustande kam. China ist nicht nur bereits an Ort und Stelle, es ist auch in der Lage, die riesigen Investitionen in Förderung und Infrastruktur aufzubringen.

So wie es derzeit in Afghanistan aussieht, müssten Investoren lange warten, ehe ein Gewinn zurückfließt, und das immer mit der Gefahr, dass man am Ende die Investition wegen politischer Wirren abschreiben muss. Die Türkei kann eigentlich nur hoffen, dass China die Infrastruktur Afghanistans so weit modernisiert, dass dann auch für türkische Firmen Investitionen möglich werden. Dabei ist noch nicht ausgemacht, ob die Taliban überhaupt ausländische Firmen mit ausländischem Personal in Afghanistan haben wollen. Die Taliban könnten sich auch wie während der ersten Zeit ihrer Herrschaft, auf Einkünfte aus dem Drogenhandel und Einfuhrzölle stützen und ansonsten Frömmigkeit produzieren, die Spenden vor allem aus der Golfregion einbringen kann.

Der Anschlag des IS vom Donnerstag voriger Woche auf den Kabuler Flughafen dürfte bei Investoren ohnehin zunächst für Zurückhaltung sorgen. Der IS ist derzeit in Afghanistan militärisch im Vergleich zu den Taliban unbedeutend, aber der Kampf wird auch auf der ideologischen Ebene geführt. Schon in der Vergangenheit rekrutierte der IS seine Krieger hauptsächlich aus Überläufern von den Taliban und Koranschülern aus Pakistan und auch der IS kann Spendengelder einsammeln. Jeder Drohnenangriff der USA adelt die Jihadisten des IS als die wahren Kämpfer für die heilige Sache. Hinzu kommen die enormen ökonomischen Probleme Afghanistans, für die es keine rasche Hilfe gibt, und der Widerstand im Panjshir-Tal gegen die Taliban. Ob Erdoğans Kalkül aufgeht, eine bedeutende Rolle in Afghanistan zu spielen, ist angesichts dieser Umstände höchst zweifelhaft.