Absehbare Eskalation

Der erste Mord durch einen »Querdenker«

Was viele befürchtet haben, ist am Wochenende eingetreten: Die Ablehnung der Coronamaßnahmen hat zu einem Mord geführt. Was man gegen die Radikalisierung unternehmen kann, ist unklar.
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#QuerdenkerSindTerroristen trendete am Montagabend, nachdem das Polizeipräsidium Trier bekanntgegeben hatte, dass bereits am Samstag ein Maskenverweigerer einen Tankstellenmitarbeiter erschossen haben soll. Dieser hatte ihn aufgefordert, eine Mund-Nase-Bedeckung aufzusetzen, und sich geweigert, ihm vorher etwas zu verkaufen. Der 49jährige mutmaßliche Täter, Mario N., erschien am folgenden Tag bei der Polizei. Dort habe er angegeben, er lehne die Coronamaßnahmen ab und habe aus Ärger über die Zurückweisung gehandelt.

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Das Opfer Alexander W. ist ein 20jähriger Student aus Idar-Oberstein. Der mutmaßliche Täter war mehr als eine Stunde nach dem gescheiterten Kauf in die Tankstelle zurückgekehrt und hatte den Angestellten in den Kopf geschossen. Der Mann sitzt wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft; für die Waffe, die er benutzt hat, besitzt er nach Angaben der Staatsanwaltschaft keine Erlaubnis. Ob er Verbindungen in die »Querdenker«-Szene oder an deren Demonstrationen teilgenommen hat, ist bisher nicht bekannt. Die ideologische Verbindung ist jedoch so offensichtlich, dass es in der Presse keine Versuche gab, ihn als verrückten Einzeltäter hinzustellen.

»Querdenker« und Impfgegner radikalisieren sich erkennbar seit längerem. Sie wähnen sich in einer Diktatur und von allen Seiten verfolgt. Schon bei polizeilichen Maßnahmen wegen nicht eingehaltener Hygieneauflagen bei Demonstrationen wurde die in diesen Kreisen weitverbreitete Realitätsverschiebung deutlich, die kleinste Unannehmlichkeiten für Freiheitsberaubung und Körperverletzung hält.

Durch diese Selbststilisierung als Opfer, die Coronaleugner gerne und häufig durch das Tragen von gelben »Judensternen« mit der Aufschrift »ungeimpft« ausdrücken, fühlen sie sich zum »Widerstand« legitimiert. Vermeintlich verständnisvolle Politiker, die sich wie Armin Laschet bei seinem Wahlkampfauftritt in Erfurt aus kürzester Entfernung von einem bekannten »Querdenker« anschreien lassen, beeinträchtigen diese Selbsterzählung nicht. Vielmehr erzeugt derartiges Gewährenlassen und Aufmerksamkeitspenden ein Gefühl von Wirkmächtigkeit, das zur Wiederholung reizt.

Verständnis ist also nicht nur unangebracht, sondern auch gefährlich. Zuwendung wird Leute nicht aus ihrer Opferecke locken, die allen Ernstes davon ausgehen, dass sie in einer Diktatur leben und Chlor und Pferdeentwurmungsmittel besser und sicherer gegen das Coronavirus helfen als Impfungen. Repression könnte viele ­allerdings in ihrer Opfererzählung und der Dringlichkeit von Gegenwehr bestärken.

Besonders beunruhigend ist der Mord, weil er zufällig scheint. Bereits vorher berichteten Ärzte und Ärztinnen, dass sie Drohungen erhalten, weil sie junge Jugendliche impfen; Impfzentren und -busse wurden angegriffen und Leute in öffentlichen Verkehrsmitteln ­zusammengeschlagen, weil sie Mitfahrende gebeten hatten, ihre Maske aufzusetzen.

In einschlägigen Telegram-Gruppen erhält der mutmaßliche Täter viel Zustimmung, andere haben die Nachricht aber als »fake« bezeichnet; dieser solle, schrieb Attila Hildmann, dazu dienen, »Maskenverweigerer als Gewalttäter« darzustellen, Waffengesetze zu ändern und die Beobachtung der Szene auszuweiten. Der Berliner AfD-Abgeordnete Harald Laatsch gab auf Twitter der Bundesregierung die Schuld an dem Mord, da sie »mit den völlig überzogenen Maßnahmen zwei Jahre die Gesellschaft gespaltet und Aggressionen geweckt« habe. Mehrfach hatten führende Mitglieder die Partei als parlamentarischen Arm der Bewegung bezeichnet.

Durch den Mord ist eine neue Eskalationsstufe erreicht. Nachahmungstaten sind zu befürchten. Sahen einige die »Querdenker«-Bewegung im Juni angesichts stagnierender Zahlen, interner Querelen und orientierungsloser Demonstrationsversuche schon am Ende, hat sich jetzt ihre Gefährlichkeit erneut sehr deutlich gezeigt. Wenn alle geimpften und Masken tragenden Menschen als Feinde und Agenten des Systems wahrgenommen werden, ist es unmöglich, sich zu schützen. Die Abwägung zwischen dem Selbstschutz vor der Pandemie, indem man andere zu regelkonformen Verhalten auffordert, und dem Selbstschutz vor Aggression, indem man genau das nicht tut, wird deutlich schwieriger.

geändert am 23. September 2021