Die wunderbare Tradition der Spaßparteien

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: Wahlverlierer.

»Andi, ich weiß nicht, was ich wählen soll. Was wählst du denn?« fragte mich meine Freundin vor einiger Zeit. Sie ist eigentlich viel besser informiert als ich, weil sie ständig auf ihrem Handy Nachrichten liest. Ich vertraue ihr in jeder Hinsicht und finde es normal, dass sie ausnahmsweise mal nicht weiß, wen sie wählen soll. Sehr viele Leute wissen bei dieser Wahl nicht, welche Partei sie wählen sollen. Ich antworte: »Keine Partei, die ich gewählt habe, hat jemals gewonnen. Ich möchte jetzt endlich mal zu den Gewinnern gehören. Ich wähle die Grünen!« Es müsste schön sein, einmal zu den Gewinnern zu gehören. Das schöne Gefühl zu haben, etwas richtig gemacht zu machen. Ich habe in den vergangenen 20 Jahren immer nur Spaßparteien gewählt. Die APPD oder Die Partei. Spaßparteien haben eine lange Tradition, mit der ich mich identifizieren kann. Bereits 1904 gründete der Anarchist Jaroslav Hašek, von dem der unvollendet gebliebene Schelmenroman »Die Abenteuer des Braven Soldaten Schwejk« stammt, in Prag die Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze. Der Kabarettist Werner Finck grün­dete 1950 in Frankfurt am Main die Parodie-Partei Radikale Mitte und der Schock-Rocker Screaming Lord Sutch 1982 die britische Official Monster Raving Loony Party, die bis heute zu Unterhauswahlen antritt. Sowohl von Screaming Lord Sutch als auch von Werner Finck besitze ich Langspielplatten. Spaßparteien sind cool und ich empfinde es als Luxus, sie zu wählen.

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Obwohl ich üblicherweise nur Quatsch wähle, oder gerade deshalb, komme ich meiner Bürgerpflicht, zur Wahl zu gehen, immer mit besonderer Freude nach. In der Schlange vor dem Wahllokal sagt meine Freundin: »Andi, ich weiß immer noch nicht, wen ich wählen soll! Wen wählst du denn?« Eine grüne Kanzlerin hätte ich gern mitgewählt, aber als sich das Blatt für die Grünen gewendet hat und ihre Umfragewerte immer weiter gesunken sind, habe ich mich umentschieden. »Ich wähle jetzt links!« sage ich. »Auch in Berlin?« »Überall. Und beim Enteignen wähle ich ›Ja‹. Bei dieser Wahl kannst du dich entscheiden, ob du nach links gehst oder nach rechts. Ich wähle links! Aber du kannst auch SPD oder Grüne wählen.« »Ich kann die Bettina Jarasch von den Grünen nicht wählen«, sagt meine Freundin. »Ich kann niemand wählen der ­sssagt.« Wir hatten uns immer über den Wahlwerbespot der Grünen ­lustig gemacht, in der sie das S so scharf ausspricht. »Egal, du kannst auch die SPD wählen. Hauptsache, am Ende kommt Rot-rot-grün raus.«

Dann können wir auch schon reingehen. Die Frau in der Wahlkabine vor mir kommt plötzlich wieder raus und fragt die Wahlhelferin: »Kann ich noch einen Wahlschein haben? Ich habe mein Kreuz an der falschen Stelle gemacht!« »Nur wenn Sie ihren Wahlschein vor meinen ­Augen zerreißen.« Sie tut es und bekommt einen neuen Wahlschein. Dann bin ich dran. Ich mache meine Kreuze und bin wieder draußen. Aber ich habe mittlerweile meinen Personalausweis, den ich eben noch in der Hand hatte, in meiner Tasche verlegt und finde ihn nicht auf Anhieb. Egal, die Krankenkassenkarte genügt, um mich auszuweisen. Der freundliche Wahlhelfer hilft mir, mein Zettelkonvolut zu entwirren und in die richtige Box einzuwerfen. Weil wir so früh am Tag wie die CDU-wählenden Rentner die Stimmen abgegeben haben, kommen wir um die langen Schlangen herum, die sich später an vielen Berliner Wahllokalen bilden.

Der Wahlabend läuft enttäuschend. Die Linkspartei schneidet sehr schlecht ab. Egal, was für eine Partei ich wähle, sie verliert. Ein kleiner Trost ist es, dass es wohl vielen Menschen so ging. Keine Partei hat so richtig gewonnen.