Die Kandidatur von Lars Klingbeil für den Co-Vorsitz der SPD

Helm ab zur Sedierung

Lars Klingbeil soll Co-Vorsitzender der SPD werden und der Partei die Politik der Ampelkoalition schmackhaft machen.
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Lobbyisten der Rüstungsindustrie haben es nicht leicht. Nicht nur, dass ihnen in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig schmeichelhaftes Image anhaftet, allzu oft müssen sie auch Politiker umgarnen, deren Karriereaussichten wenig erfolgversprechend erscheinen. Lars Klingbeil zum Beispiel – Soldatensohn zwar, selbst aber ungedient, zudem Sozialdemokrat und stolz darauf, irgendwann mal was mit Antifa gemacht zu haben. Wie wahrscheinlich ist es, dass so einer je in eine relevante Position gelangt? Zumal der Verteidigungsminister meist von der Kanzlerpartei gestellt wird, und dass das jemals wieder die SPD sein würde, konnte nun wirklich niemand ahnen.

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Trotzdem waren sie um ihn herumgeschwänzelt, hatten ihn erst als Mitglied im Förderkreis Deutsches Heer begrüßt, dann in der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik. Und Klingbeil lieferte sogar, wurde 2009 ordentliches Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestags, trat 2015 aus dem Zusammenschluss Parlamentarische Linke in der SPD-Bundestagsfraktion aus und wandte sich dem konservativen Seeheimer Kreis in der SPD zu. Zwar war er ab 2017 nur noch stellvertretendes Mitglied im Verteidigungsausschuss, dafür aber als Generalsekretär seiner Partei bereit für wichtigere Aufgaben. Und jetzt, da es anscheinend doch noch zu einer SPD-­geführten Regierung kommen wird – was macht Klingbeil? Wirft nicht etwa seinen Ehrenstahlhelm für rüstungsfreundliche Zivi­listen in den Ring, um Verteidigungsminister zu werden, sondern lässt sich allen Ernstes für den Parteivorsitz nominieren. Alles ­umsonst!

Mag dieses Amt für Sozialdemokraten auch »das schönste Amt neben dem Papst« (Franz Müntefering, Katholik und ehemaliger SPD-Vorsitzender) sein – abgesehen von Sigmar Gabriel ist es zuletzt keinem geglückt, es länger als zwei Jahre auszuüben. Zudem ist die Meinung eines Parteivorsitzenden, sofern er nicht zugleich Kanzler ist, für das Kabinett ungefähr so relevant wie ein umgefallener Sack Hostien im Vatikan. Was also treibt Klingbeil zur Kandidatur? Und was erhofft sich seine Partei davon?

Die zweite Frage ist einfacher zu beantworten als die erste. Da Klingbeil als Generalsekretär für die Organisation des erfolgreichen Wahlkampfs zuständig war, mag er der jahrelang im Halbdunkel mieser Umfragewerte dahindämmernden Basis als echte Lichtgestalt erscheinen. Welche konkreten Verdienste ihm dabei allerdings wirklich zukamen – wir wissen es nicht. Hatte er die Idee mit diesen poppigen schwarz-weiß-roten Plakaten, die Olaf Scholz wie einen der coolen Gangster aus Quentin Tarantinos Filmklassiker »Reservoir Dogs« erscheinen ließen? War er es gar, der dafür sorgte, dass Scholz monatelang nichts Zitierfähiges von sich gab, während sich seine Konkurrenten um Kopf und Kragen redeten? Wenn ja, ist Klingbeil tatsächlich ein gewiefter Stratege. Wahrscheinlicher ist ­jedoch, dass die graphische Entscheidung von einem Gremium ­gefällt wurde und man eher versucht hat, Scholz dazu zu drängen, sein Automatenphlegma abzulegen und endlich einmal eine ­flammende Rede zu irgendwas zu halten. Schließlich konnte man ja nicht ernsthaft davon ausgehen, dass sich Annalena Baerbock und Armin Laschet mit einer geradezu grotesken Häufung von Peinlichkeiten selbst demontieren würden.

Was dennoch für Klingbeil spricht, ist, dass die voraussichtlich stark von neoliberalen Ideen der FDP und der Grünen geprägte künftige Regierungspolitik in die Partei hinein vermittelt werden muss. Hatte diese doch mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans zuletzt ein eher linkes (was immer das in der SPD auch heißen mag) Vorsitzendenduo gewählt. Dem Wahlkampf tat das gut, weil es von der weitgehenden Profillosigkeit des Kandidaten ablenkte. Nun aber muss die Partei zum Fundament dessen werden, was für Angela Merkels untoten Wiedergänger Scholz der Kern aller politischen Arbeit ist: Machterhalt durch geräuschlose Verwaltung des Status quo.

Und für die nötige Sedierung der Basis ist Klingbeil, einst Sänger und Gitarrist einer Tranquilizerband mit dem programmatischen Namen Sleeping Silence, zweifellos der richtige Mann. Seiner Mitvorsitzenden Esken wird indes die Rolle zufallen, dem sogenannten linken Flügel der Partei hin und wieder das Gefühl zu geben, er dürfe auch ein bisschen mitreden. Immer dort jedenfalls, wo es nicht so drauf ankommt. Da sich der Hoffnungsträger Kevin Kühnert, der mas­ter of puppets hinter dem Führungsduo Esken/Walter-Borjans, wei­terhin nicht aus der Deckung traut, wird mehr kaum möglich sein.

Was aber erhofft sich Klingbeil selbst? Ist er wirklich so sehr Par­teisoldat, dass sich sein Ehrgeiz darin erschöpft, den diesbezüglich höchsten Dienstgrad zu erlangen? Oder hat er das Sedativum für die Basis zunächst an sich selbst getestet und träumt selig von einer erfolgreichen Kanzlerschaft Scholz über mehrere Legislaturperioden, die dann ihn und nicht Kühnert für die Nachfolge prädestinieren würde? Der nüchtern-empirische Blick auf die jüngere SPD-­Geschichte gibt solchen Träumen wenig Nahrung. Da folgte auf den Parteivorsitz stets das Karriereende.