Die niedrige Impfquote in ärmeren Ländern hat die Entstehung der Omikron-Variante womöglich begünstigt

Ein Booster für das Virus

In vielen armen Ländern, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent, liegt die Quote der Impfungen gegen Covid-19 im einstelligen Bereich. Möglicherweise hat die Ungleichheit bei der Gesundheitsversorgung die Entstehung der Omikron-Variante begünstigt.

Die Pandemie feiert Geburtstag: Ende Dezember 2019 wurden der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals Fälle von Lungenentzündungen mit unbekannter Ursache aus der chinesischen Stadt Wuhan gemeldet. Am 7. Januar 2020 wurde schließlich der Erreger Sars-CoV-2 identifiziert, die von ihm verursachte Krankheit Covid-19 beschäftigt seitdem die Welt. Zu seinem zweiten Geburtstag verbreitet sich mit Omikron nun eine neue Variante von Sars-CoV-2, die nach ersten Erkenntnissen noch einmal deutlich ansteckender ist als die derzeit dominante Delta-Variante. Wie gut die bisherigen Impfstoffe gegen die Omikron-Variante wirken, ist noch nicht klar, doch deuten die bisherigen Erkenntnisse darauf hin, dass der Impfschutz wesentlich schwächer ist, insbesondere was Ansteckungen angeht.

Dank der Omikron-Variante flammt nun auch die Debatte über eine Aussetzung von Impfstoffpatenten wieder auf, doch nicht zuletzt Deutschland blockiert diese bislang.

Die extrem schnelle Entwicklung dieser Impfstoffe hat Anfang des Jahres zu der Hoffnung geführt, dass ab dem Sommer eine Rückkehr zur Normalität zumindest in den reichen Ländern des Globalen Nordens möglich wäre. Schon vor Entdeckung der Omikron-Variante zeigte sich jedoch, dass die Impfquote dafür zu niedrig war, gerade auch im deutschsprachigen Raum. Während sich hierzulande viele Menschen schlicht nicht impfen lassen wollten, fehlte es im Globalen Süden von Anfang an an Impfdosen. Weltweit sind mittlerweile 3,63 Milliarden Menschen vollständig geimpft, das entspricht 46,6 Prozent der Weltbevölkerung.

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Das klingt zunächst nicht schlecht, diese 46,6 Prozent sind jedoch extrem ungleich verteilt. Während etwa in Portugal über 87 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sind und die Quoten in Ländern wie Deutschland nur deshalb um die 70 Prozent dümpeln, weil sich viele Menschen nicht impfen lassen wollen, liegen die Quoten auf dem afrikanischen Kontinent häufig im einstelligen Bereich. So beträgt die Impf­quote im Tschad nur 0,5 Prozent, in Nigeria sind es 1,9, in Südafrika 26,1 Prozent. Die teilweise extrem niedrigen Impfquoten gehen darauf zurück, dass die ärmsten Staaten (Least Developed Countries) der Welt UN-Angaben zufolge bislang nur 0,6 Prozent der weltweit ausgelieferten Impfstoffe erhalten haben.

Während in Deutschland also bereits fleißig geboostert wird, hat ein Großteil der Menschen auf dem afrikanischen Kontinent noch nicht einmal ein erstes Impfangebot erhalten. An dieser krassen Ungleichheit ändert auch die Initi­ative Covax wenig. Mit dem Programm sollte eigentlich eine faire Verteilung von Impfdosen über die WHO organisiert werden. Es kommt vor allem Ländern zugute, die sich Impfstoffe nicht oder nur sehr eingeschränkt leisten können. Mit der Unterstützung für Covax – zu den Initiatoren gehörte die EU-Kommission – wollten reiche Länder dem Vorwurf entgegentreten, sie nutzten ihre größeren Ressourcen für eine Gesundheitspolitik auf Kosten der Armen. Doch die tatsächliche Unterstützung blieb erheblich hinter den Solidaritätsbekundungen zurück. Bis Ende des Jahres hätten über das Programm zwei Milliarden Impfdosen zur Verfügung stehen sollen – bis Mitte November ­waren es gerade einmal 507 Millionen.

Diese Ungleichheit in der Impfstoffverteilung hat verheerende Folgen. Denn nicht nur Sars-CoV-2 tötet Menschen, wie Michael J. Ryan, der Direktor des Health Emergencies Programme der WHO, auf Twitter betont: »Es ist Unterprivilegiertheit, es ist der fehlender Zugang, es sind all die Jahre, die Menschen mit Krankheiten leben müssen, um die man sich nicht richtig kümmert. Wegen der Farbe ihrer Haut oder wegen ihrer ethnischen oder sozialen Zugehörigkeit.«

Die Pandemie hat viele bereits bestehende Krisen verschärft. Lockdowns trafen Beschäftigte im sogenannten informellen Sektor überall besonders hart, da diese häufig von einem Tag auf den nächsten ihr Einkommen verloren haben. In Ländern wie Uganda, in denen der informelle Sektor etwa 80 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht, wird das zu einem existentiellen Pro­blem. Covid-19 hat so auch zu einem Anstieg der Armut und einer Verschärfung der bereits zuvor bestehenden Hungerkrise beigetragen: Weltweit leiden der NGO Medico International zufolge nun 811 Millionen Menschen an chronischem Hunger.

Zudem sind die globalen Behandlungsprogramme für HIV und Tuberkulose durch die Pandemie wesentlich eingeschränkt worden. Dies trifft besonders die afrikanischen Länder südlich der Sahara. Dort leben mehr als zwei Drittel der weltweit knapp 38 Millionen HIV-positiven Menschen. Von diesen haben im Jahr 2020 etwa acht Millionen keine oder nur eine nicht ausreichende antiretrovirale Therapie erhalten. Der von Covid-19 verursachte zusätzliche Druck auf die Gesundheitssysteme führte zudem zu weniger Tests und anderen präventiven Maßnahmen gegen die Übertragung von HIV. Hinzu kommt, dass Personen mit HIV anfälliger für Covid-19 sind. Verschiedene Studien zeigten, dass die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu sterben, für ungeimpfte HIV-Patientinnen und -Patienten 30 bis 50 Prozent höher liegt als für nicht mit HIV infizierte Personen.

Trotz gegenteiliger Beteuerungen von Regierenden aus dem Globalen Norden zu Beginn der Pandemie prägen also bereits bestehende globale Ungleichheiten auch die Pandemiebekämpfung in hohem Maß: Impfstoff geht vor allem in die reichen Länder. Aber eine Pandemie zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie weltweit grassiert. Deshalb ist nun passiert, was Experten und Expertinnen stets vorhergesagt hatten: Das Virus konnte ausreichend zirkulieren, um weiter zu mutieren, und mit Omikron ist nun eine Variante entstanden, die den Kampf gegen die Pandemie erheblich zurückwerfen könnte.

Es ist noch unklar, wie und wo genau Omikron entstanden ist. Das Team von südafrikanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, das die Variante entdeckt hat, nimmt jedoch an, dass es sich in einem einzigen Patienten entwickelt hat, dessen Immunsystem das Virus über einen längeren Zeitraum nicht besiegen konnte. Bereits zuvor konnten stark mutierte Varianten bei Patienten und Patientinnen in den USA und Europa nachgewiesen werden, deren Immunsystem mit Medikamenten unterdrückt wurde, zum Beispiel aufgrund einer Autoimmunerkrankung. Die Immunschwäche, die durch HIV ausgelöst wird, könnte bei der Entstehung von Omikron einen ähnlichen Effekt gehabt haben. Dann hätten die von der Covid-19-Pandemie noch verstärkten Defizite in der Bekämpfung von HIV in Afrika dazu geführt, dass die Bekämpfung der derzeitigen Pandemie noch schwieriger wird.

Dank der Omikron-Variante flammt nun auch die Debatte über eine Aussetzung von Impfstoffpatenten wieder auf. Mit einer Aussetzung könnte die Impfstoffproduktion weltweit gesteigert werden. Bereits im Herbst 2020 hatten Südafrika und Indien bei der Welthandelsorganisation (WTO) einen entsprechenden Antrag eingereicht. Sie wollen erreichen, dass einzelne Länder die Patente auf Produkte aussetzen können, die zur Eindämmung der Pandemie nötig sind. Dazu zählen neben Impf­stoffen auch etwa Medikamente zur Behandlung von Covid-19.

Mehr als die Hälfte der WTO-Mitgliedsländer unterstützt den Antrag. Das genügt aber nicht für einen Beschluss, denn dafür ist eine Dreiviertelmehrheit notwendig. Während sich mittlerweile sogar die USA und das EU-Parlament für eine Aussetzung der ­Patente ­aussprechen, blockiert Deutschland diese bislang. Die neue Bundesregierung könnte das ändern. Doch im Koalitionsvertrag heißt es: »Wir unterstützen freiwillige Produktionspartnerschaften und den Transfer von Know-how, um die Produktionskapazitäten für Medikamente und Impfstoffe weltweit auszubauen.« Daher steht zu befürchten, dass auch die neue Regierung mehr Interesse an den Steuermilliarden hat, die durch Gewinne von Biontech in die Bundesrepublik fließen, als daran, Menschenleben zu retten.