Ti Wests Horrorfilm »X« ist kein beliebiger Slasher-Streifen

Das Beil der Nouvelle Vague

Ti Wests Retro-Slasher-Film »X« erzählt vor dem Hintergrund industriell versehrter Landstriche unter der Fuchtel des Bibelfernsehens vom Boom der Sexvideos und den Träumen des Avantgardekinos in den Siebzigern. Den Ursprung des Horrors entdeckt er nicht zuletzt in kannibalistischen Verhältnissen und in der Verstümmelung des weiblichen Begehrens.

Ein Parkplatz vor einem Oben-ohne-Amüsierschuppen inmitten der landschaftlichen Verheerungen der petrochemischen Industrie bei Houston. Man schreibt das Jahr 1979. Ein paar junge, filmbegeisterte Leute besteigen mit Kamera und Schminkkoffern einen Van und machen sich auf den Weg. Mit dabei ist die knappe Hotpants tragende Tänzerin Maxine, die dem billigen Stripclub, in dem sie arbeitet, für immer den Rücken kehren will. Alle sind stylisch, cool gekleidet, die Luft knistert vor Er­regung.

In einem heruntergekommenen Tankstellenshop an der staubigen Landstraße deckt sich die Gruppe mit Proviant für die nächsten Tage ein. Im Shop läuft das Bibelfernsehen, der Fernsehprediger prangert die Allgegenwart der Sünde an. Die Tankstellenverkäuferin, offenkundig dem abgehängten Teil des ländlichen Amerika angehörig, hat mit der lauten, selbstbewussten Kundschaft, die in ihren Laden stürmt, nichts gemein. Die Möchtegern-Stars verfolgen ­einen Plan. Abseits der Zivilisation wollen sie den anspruchsvollen Porno »The Farmer’s Daughters« drehen, der in die Geschichte des Sexfilms eingehen soll. So beginnen – mit etwas Glück – Hollywood-Karrieren.

Dass Mia Goth sowohl die Rolle des Pornosternchens Maxine als auch die der geisterhaften Pearl spielt, gibt einen Hinweis auf verborgene Zusammenhänge der Handlung, die in einem Prequel mit dem Titel »Pearl« noch weitergesponnen werden sollen.

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