29.03.2017 / 17:37 Uhr

Bangemachen gilt nicht – eine Politik des Gerüchts

Von
Christiane Ketteler

Das Autonome InterTrans*-Referat der Universität Marburg sagt einen Vortrag mit dem feministischen  Transaktivisten und Autor Till Amelung kurzfristig ab. Weil er sich kritisch mit dem Begriff der Definitionsmacht auseinandersetzt, wird ihm vorgeworfen, er sei transmisogyn. Der Vorfall sagt einiges aus über den Umgang mit Selbstreflexion in bestimmten queerpolitischen Kreisen.

 

Das Autonome InterTrans*-Referat der Universität Marburg lud Anfang des Jahres den Autor Till Randolf Amelung zu einer Diskussion mit dem Titel „(Trans*)-Aktivismus. Von Definitionsmacht und Selbsthass“ ein. Am 21. März, einen Tag vor der Veranstaltung, erreichte ihn plötzlich eine E-Mail: „Das Autonome InterTrans*-Referat wird die mit Dir geplante und für Mittwoch, den 22. März 2017 angesetzte Veranstaltung nicht umsetzen. Dies ist eine Entscheidung des Referats, die aus einer Plenumssituation entstanden ist.“  Was war geschehen?

Der geplante Vortrag basierte auf einem Essay, der kürzlich im Sammelband „Beißreflexe – Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“ , herausgegeben von Patsy l’Amour LaLove, erschienen ist. Unter dem Titel „Moderne Hexenjagd gegen Diskriminierung – Eine kritische Auseinandersetzung mit ´Definitionsmacht´“ kritisiert Amelung mitunter eine Politik in linken und queerfeministischen Zusammenhängen, die unliebsame Gegner aus sozialen Netzwerken und akademischen Arbeitsstrukturen herausmobbe. Diese Politik, die sich selbst als Verteidigung gegen Diskriminierungen verstehe, erklärt Amelung gegenüber der Jungle World, lasse sich deshalb als Mobbing bezeichnen, weil sie unbegründete Beschuldigungen, Unterstellungen und Anfeindungen gegen Einzelpersonen auf informellen Wegen – über E-Mail-Verteiler, Social Media, und Gossip – los- und festtritt.“ Beim Mobbing tritt an die Stelle sachlicher Kritik die Zerstörung der Glaubwürdigkeit der anvisierten Person. Über Wochen und Monate erleiden die Betroffenen Anfeindungen, Unterstellungen, Drohungen oder Erniedrigungen. Es wird ein umfassender Verdacht gegen die Person erzeugt, der meist durch kaum überprüfbare biographische Geschichten oder aus dem Kontext gerissene Äußerungen genährt wird. In queerfeministischen Kreisen, führt Amelung aus, treffen diese Angriffe Menschen, die selbst LBTQI-Theoretikeri_nnen und Aktivisti_nnen sind, oft gut vernetzt und organisiert – wie der Autor selbst, der Geschlechterforschung und Geschichtswissenschaft studiert hat und als Vorstandsmitglied im Landesverband für transgeschlechtliche Selbstbestimmung Niedersachsen und im Queeren Netzwerk Niedersachsen arbeitet.

Amelung berichtet, dass ihn bereits Wochen vor der kurzfristigen Absage Gerüchte erreicht hätten: Jemand habe den Rücktritt einer der verantwortlichen Asta-Referenten gefordert, weil dieser transmisogyn und rassistisch sei. Das Intertrans*-Referat werde seit Wochen von einigen wenigen Menschen massiv unter Druck gesetzt. Amelung habe zunächst keinen Zusammenhang zu seiner Veranstaltung gesehen, doch dann liest er auf einer außeruniversitären feministischen Verteilerliste von etwa 130 Mitgliedern folgenden Eintrag: „Das Referat werde „von einem rassistisch, transmisogyn und gewaltnivellierend handelnden Menschen bekleidet, der Inter aus dem Referat exkludieren wollte.“ Nun lade dieser Referent Menschen ein, „die ähnlich handeln wie si_er und kritikresistent sind, und in emanzipierten Trans*kreisen niemals eingeladen worden wären. Es liegt bereits ein Abwahlantrag gegen di_en Refe_rentin vor aufgrund der vorherigen Handlungen der_s Refere_ntin und aufgrund dieser Veranstaltung, die den backlash bedient und Aufklärung über Ungleichheit- und Unterdrückungsmechanismen verhindern will.“ Die Person fordert darüber hinaus dazu auf, solche Veranstaltungen durch die Abwahl des Referenten auch zukünftig zu verhindern. Personen die an einer „kritischen“ Diskussion interessiert seien auf, sollen ihm persönlich eine E-Mail zu schicken. Statt also die Anschuldigungen zu begründen und die Kritik in ein öffentliches Forum, etwa die Marburger Veranstaltung, zu tragen, wird diese privatisiert und auf die eigene Person zentriert. Daraufhin habe Amelung Kontakt zu den Veranstaltern und dem Asta-Vorstand aufgenommen, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und Unterstellungen zurückgewiesen, noch einmal seine Essays und seinen Lebenslauf geschickt und um Stellungnahme gebeten, aber keine Antwort erhalten.

Es bleibt der Eindruck eines Klimas der Angst und einer Politik, die weder an Öffentlichkeit noch am Wohlergehen ihrer MitarbeiterInnen interessiert ist. Sie hat offenbar wenig Ressourcen, der Politik des Gerüchts Einhalt zu gebieten und Alternativen zu entwickeln. 

In den sozialen Netzwerken tauchen inzwischen weitere Gerüchte auf. Der Abschlusssatz seines Essays „Auch schwarze, lesbische Behinderte können ätzend sein (Funny van Dannen) Und das muss man sich nicht gefallen lassen“ wird als Beweis für Amelungs angeblichen Rassismus angeführt. Mittlerweile stehe auch der Sammelband „Beißreflexe“ unter Beschuss. Niemand habe ihn zu einer Diskussion herausgefordert, so Amelung, der sich zum Feind stilisiert sieht, aber keine Gelegenheit bekomme, sich zu verteidigen und Missverständnisse auszuräumen. Da die gesamte Kommunikation Hinterzimmergespräch bleibt, kann er niemanden persönlich ansprechen. Trotzdem bereitet er sich auf die Veranstaltung vor, kauft ein Zugticket und packt seine Reisetasche. Plötzlich die Absage. Amelung ist verwirrt, schreibt erneut eine E-Mail, fordert wieder Auskunft und Stellungnahme, diesmal aber setzt er eine Frist von sieben Tagen und stellt ein Ausfallhonorar in Rechnung. Derweil ist weder auf der Webseite noch auf den Social-Media-Kanälen des Astas etwas über den Vorfall zu finden. Schließlich habe sich das Marburger außeruniversitäre Bündnis gegen Antisemitismus kurzfristig als Ersatzveranstalter angeboten, doch Till Amelung lehnte ab, denn der Charakter der Veranstaltung wäre ein gänzlich anderer gewesen.

Amelung fordert eine Selbstreflexion der queerpolitischen Bewegungen, als deren Teil er sich versteht. In seinem Essay zur Kritik der Definitionsmacht geht es nicht darum, Schmerz und Leiden von Marginalisierten zu verschweigen oder gar zu unterdrücken, vielmehr kommt es ihm darauf an, Grenzen und Widersprüche in unserem wissenschaftlichen und politischen Umgang mit ihnen zu erkennen:  „Es ist eine nicht auflösbare Tragödie, dass individueller Schmerz, der sich aus der persönlichen Betroffenheit von Verletzungen aufgrund struktureller Marginalisierung speist, niemals vom sozialen Kollektiv angemessen aufgefangen werden kann. Dem subjektiven Empfinden in all seinen Regungen kann diese Gesellschaft niemals vollständig gerecht werden. Diese nicht zu beseitigende Ungerechtigkeit, die sehr viele Menschen erleben, denen Gewalt zugefügt wird und die persönliche Auswirkungen durch gesellschaftliche Stigmatisierung und Marginalisierung erlitten haben, ist ein unauflöslicher Bestandteil dieser Erfahrung.“ In queerfeministischen Strukturen würden jedoch, so Amelung, Umgangsweisen gepflegt, die das individuelle Leid allem anderen überordnen und unmittelbar politisieren. Eine zu enge Verflechtung zwischen Wissenschaft, Politik und persönlicher Betroffenheit führe dazu, „dass Ebenen miteinander vermischt werden, die mitunter nur schwerlich zueinander passen – insbesondere, wenn persönliche Verletzungen noch nicht verarbeitet wurden. Ein Uniseminar oder ein theoretischer Text können keine adäquate Aufarbeitung unverarbeiteter persönlicher Verletzung durch Diskriminierungen und gesellschaftlicher Marginalisierung anbieten.“ 

In einem weiteren Beitrag, den Amelung im Rahmen der Veranstaltung in Marburg unter dem Titel „Angeboren oder sozial konstruiert? Transgeschlechtlichkeit zwischen neurowissenschaftlichem Determinismus und queer-theoretischem Dekonstruktivismus“ diskutieren wollte, analysiert er die politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen beider Positionen und versucht Alternativen zu entwerfen: „Mehr Pride, weniger Hipness und ein konstruktiverer Dialog innerhalb der Transbewegung würden die politische Kraft erheblich vergrößern – und das wäre ihr unbedingt zu wünschen“. (Der Beitrag ist erschienen im Band “Selbsthass und Emanzipation”). 
Dieser Dialog ist in Marburg offenbar durch ein Gemisch aus machtpolitischen Querelen, politischer Inkompetenz und antidemokratischer Blockadepolitik vereitelt worden.

Es bleibt der Eindruck eines Klimas der Angst und einer Politik, die weder an Öffentlichkeit noch am Wohlergehen ihrer MitarbeiterInnen interessiert ist. Sie hat offenbar wenig Ressourcen, der Politik des Gerüchts Einhalt zu gebieten und Alternativen zu entwickeln. 
In der Universität und zwar nicht nur in Marburg, geht derweil die Angst um, dass noch die hanebüchensten Anschuldigungen die eigene Karriere und soziale Existenz aufs Spiel setzen könnten. Man verteidigt sich und andere oft nicht, weil man fürchtet, dass weitere Äußerungen noch mehr Angriffsfläche bieten und noch mehr Druck erzeugt wird. Die Politik des Schweigens versteht sich oft als solidarisch. Das aber ist ein Trugschluss.

Sollten in Marburg tatsächlich Personen gemobbt und auf diese Weise politische Entscheidungen erzwungen worden sein, ist es Zeit, das Schweigen zu brechen. Politisch sollten wir gemeinsam Anstrengungen gegen die Politik der Angst unternehmen ohne dabei Kritik abzuwehren. Die Politik der Angst verzehrt organisatorische, finanzielle und persönliche Ressourcen, um nichts als Wüsten der Häme, des Hasses und des Misstrauens zu hinterlassen. Um ihr zu begegnen, bedarf es einer inhaltlichen Auseinandersetzung, um die es viel zu oft kaum noch geht. Eine solche Auseinandersetzung sollte wissenschaftlichen Standards genügen und weder blanke Identifikation voraussetzen noch erzwingen, sondern Kritik aushalten, Gemeinsamkeiten ausloten und Differenzen anerkennen. Eines der Referenten des Intertrans*-Referates in Marburg bedauert die verpasste Chance: „Viele, die sich für linke Themen interessieren, wenden sich ganz schnell wieder von linken Zusammenhängen ab. Ursachen sind sicherlich die zahlreichen Sprechverbote, die Verhaltens- und Meinungsdiktate und die Rigorosität wie mit Inhaltlichen Differenzen umgegangen wird. Die Veranstaltung hätte genau das kritisiert und das Potential gehabt, die unterschiedlichen Communitys im Kampf gegen den Rechtsruck, der uns alle betrifft, zu vereinen.” 

Till Amelung wartet derweil auf Antwort der StudierendenvertreterInnen und auf sein Ausfallhonorar. Er wird den Senat und das Präsidium informieren und behält sich vor, juristische Schritte einzuleiten.